was haben ein Profichor und ein Fußballclub gemeinsam? Nichts, denken Sie jetzt womöglich. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich, was beide vereint: der Sinn für Gemeinschaft. Die Sportfraktion erzielt gute Ergebnisse, gar Tore, nur als Team. Ein Chor entsteht überhaupt erst aus der Summe einzelner Stimmen. Im Chor singen bedeutet, sich stets in Gemeinschaft zu bewegen, sich auf andere einzulassen und singend aufeinander zu hören. Sportler:innen und Fans, Sänger:innen und Zuhörende teilen sich einen Erfahrungsraum.
Um Menschen, Räume und Emotionen wird es auch in der Saison 2023/24 gehen. Passend dazu rahmt unser hochemotionales »human requiem«, eine Version von Brahmsʼ »Ein Deutsches Requiem«, die Saison ein. Ursprünglich als Totenmesse konzipiert, vermittelt die szenische Version ein Gefühl von Nähe und Trost – Emotionen, die durch die Zuneigung anderer entstehen. Dass Gemeinschaften hin und wieder reformiert werden müssen, spricht Anna-Sophie Mahler an. Die Regisseurin bringt Rossinis »Petite Messe solennelle« szenisch auf die Bühne. Ihre Inszenierung befasst sich mit den Privilegien einer Gruppe und stellt diese infrage, »die herrschende Ordnung gerät ins Wanken«. Eine Herausforderung, der auch wir uns stellen. In dieser Saison und darüber hinaus möchten wir nicht nur für die singen, die sich in der Klassikwelt ganz selbstverständlich bewegen und die vermeintlichen Konventionen beherrschen. Unsere Musik soll alle erreichen, die sie hören möchten – unabhängig von musikalischer Vorbildung und ökonomischen Mitteln.
Wir stellen uns, wie Sie vielleicht auch, die berechtigte Frage, wie das funktionieren kann. Vieles geht nicht von heute auf morgen. Aber ist es nicht genau die Herausforderung unserer Zeit, bestehende Strukturen und, ja, auch Privilegien zu hinterfragen und sich auf den Weg zu einer neuen Gemeinschaft für alle zu machen? Wir freuen uns, diesen Weg mit Ihnen gemeinsam zu gehen, neue Orte zu entdecken, neue Formen der Begegnung zwischen Publikum und Künstler:innen zu finden, aber auch Bewährtes im Kontext der Frage nach Gemeinschaft neu zu bewerten.
Sie sind herzlich eingeladen, dabei zu sein.
Ihre Rachel-Sophia Dries (Chordirektorin) und Gijs Leenaars (Chefdirigent)
Im Heimathafen Neukölln wird Sie unsere Moderatorin Boussa Thiam durch drei Abende mit spannenden Gesprächspartner:innen und thematisch passender Chormusik begleiten. Sie fragen sich, um welche Themen es gehen wird? Nun …
Flucht und Exil sind in Geschichte und Gegenwart Berlins präsent. Auch unzählige Werke aus Kunst und Musik sind von der Erfahrung der Flucht gezeichnet oder im Exil entstanden. Ein Abend im Rahmen der »Tage des Exils« zu einem schwierigen, schmerzvollen, aber zentralen Thema.
… alles hinter sich zu lassen, was man sich aufgebaut hat?
… sich in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht, zurechtzufinden?
… nicht zu wissen, wie man seinen Lebensunterhalt bestreiten soll?
… nicht zu wissen, was aus der Familie und den Freunden wird?
… nicht zu wissen, wie lange man hier noch sicher ist oder bleiben darf?
Ein Vorurteil besagt: Künstler:innen besäßen eine gewisse Nähe zum Rausch im Allgemeinen und zum Alkohol im Speziellen. Warum eigentlich? Weil gute Kunst und Musik den Exzess braucht? Wirklich? Das gelegentliche Gläschen Rotwein in Ehren, aber Alkohol ist ein verkanntes Problem. Ein Abend über den kulturell sanktionierten Rausch und was er mit Musik zu tun hat.
… der Verbrauch von alkoholischen Getränken in Deutschland seit Anfang der 1970er-Jahre kontinuierlich zurückgeht? Dass das aber größtenteils dem sinkenden Bierkonsum zu verdanken ist?
… in der Bundesrepublik Deutschland etwa jede zehnte Straftat unter Alkoholeinfluss begangen wird?
… insbesondere in Sachsen ein riskanter Alkoholkonsum vorherrscht? Das allerdings nur bei den Männern – bei den Frauen liegt Bayern an erster Stelle.
… sich die Kosten schädlichen Alkoholkonsums in Deutschland aktuell auf rund 57 Milliarden Euro pro Jahr belaufen?
… der Staat jährlich aber über 3,2 Milliarden Euro an Steuern nach dem Alkoholsteuergesetz einnimmt? Und dass Wein als einziges alkoholisches Getränk nicht besteuert wird?
»Fridays for Future«, »Extinction Rebellion«, »Letzte Generation« – die Zukunft und vor allem die Angst, dass es sie nicht geben wird, tragen die neuen Klimabewegungen schon im Namen. Ein Abend über aktuelle Formen apokalyptischen Erzählens und über das Ende aller Tage in Text und Musik.
… das Jüngste Gericht noch auf sich warten lässt?
… die Sieben Plagen der Endzeit noch ausstehen?
… die Apokalyptischen Reiter noch nicht um die Ecke gebogen sind?
… der Antichrist sich noch nicht hat blicken lassen?
… es vielleicht nach wie vor Hoffnung für die Welt gibt?
Körper. Raum. Emotion. Singende Körper, hörende Körper. Gemeinsam in einem Raum. Gefühle, gespeichert in Musik und freigesetzt beim Singen.
Das neue Bildkonzept des Rundfunkchores Berlin geht von diesem »Dreiklang« aus und übersetzt ihn visuell. Körper, Raum, Emotion – drei Kategorien, denen wir unzählige Einzelbilder zugeordnet haben. Eine eigens programmierte Software, die auf Tonsignale reagieren kann, verschmilzt die einzelnen Motive anschließend zu einem endlosen, sich ständig verändernden Bilderstrom, aus dem wir einzelne Momentaufnahmen herausgenommen haben. So wird auch visuell erfahrbar, was uns zusammenbringt. Immer wieder neu. Immer wieder anders.
Mit »Rote Messe« bringt der Rundfunkchor Berlin 2024 Rossinis »Petite Messe solennelle« szenisch auf die Bühne – oder besser: in die riesige Halle des MaHalla in Berlin-Oberschöneweide. Ein Interview mit Regisseurin Anna-Sophie Mahler.
Rundfunkchor Berlin: Im Sommer 2024 inszenierst du mit dem Rundfunkchor Berlin einen Abend auf Grundlage von Gioachino Rossinis »Petite Messe solennelle«. Wie wirst du mit dieser sehr eigenwilligen Messvertonung umgehen?
Anna-Sophie Mahler: Mein erster Eindruck von Rossinis »kleiner Messe« war: Unkommentiert kann man das heute nicht stehen lassen. Stellenweise wirkt dieses Stück auf mich von seinem eigentlichen Inhalt entfremdet: Wir haben zwar den Text der Messe, aber dann wirkt es stellenweise wie eine Oper. Dass Jesus ans Kreuz genagelt wird, geht schon mal in einer gut gelaunten Arie unter. Mir kam es beim Hören oft so vor, als möchte hier jemand partout nicht seinen Spaß verlieren. Vor dem Hintergrund der eher unruhigen Welt von heute, mit all ihren Umbrüchen, Unsicherheiten und den nicht selten düsteren Aussichten, wirkt so eine Haltung schnell recht selbstgefällig. Man hält einfach die Rituale aufrecht und versucht dabei, seine Macht nicht zu verlieren.
Du möchtest also das Verdrängte dieses Stücks herauskitzeln?
Ich habe ein Bild vor Augen wie im Film »Das Fest« von Thomas Vinterberg. Dort trifft sich eine Familie zu einem gemeinsamen Festessen. Bald aber sprengen die innerfamiliären Zwistigkeiten und dunklen Geheimnisse der Vergangenheit die Feier. Auch bei uns sitzen erst einmal alle an einem riesigen Tischkreis – ein buchstäbliches Abendmahl mit dem gesamten Chor und dem Dirigenten. Das Publikum aber muss draußen bleiben. Es ist eine eher geschlossene Situation, in die nichts eindringen soll. Doch in diese Runde hinein platzt dann etwas Verunsicherndes: Privilegien werden angegriffen, die herrschende Ordnung gerät ins Wanken. Es herrscht Angst vor dem Umbruch.
Du möchtest Rossinis »Petite Messe« also aufbrechen?
Ja. Und wir werden sie dafür mit anderen Stücken kombinieren. Als destabilisierendes Moment fungiert zunächst Arnold Schönbergs »Pierrot lunaire«: Der Pierrot springt aus einer riesengroßen Torte, die anstelle einer Hostie in der Mitte unseres Banketts steht. Er, dieser Hohepriester, serviert, wie er sagt, sein eigenes Herz zum Mahl. Rossinis leichte und lockere Messe wird so zu einem blutigen Abendmahl. Später klinken wir das »Dies irae«-Motiv aus Luigi Dallapiccolas »Canti di prigionia« ein – die Tage des Zorns. Die »kleine Messe« verwandelt sich nun in ein Requiem, eine Totenmesse. Die Inszenierung setzt das Thema der Wandlung und den damit verbundenen Perspektivwechsel auch räumlich um: Der riesige, exklusive Kreis unseres Abendmahls bricht auf, der Chor macht buchstäblich seinen Platz frei und lässt das Publikum durch den Klang, den Klangkörper hindurch in sein Inneres.
Eine solche Arbeitsweise – das Aufbrechen und Neukombinieren – findet sich auch in anderen deiner Inszenierungen. Ist das etwas, woran du generell interessiert bist?
Ja, es reizt mich sehr, Formen aufzubrechen, auf Kontraste und Kollisionen zu setzen und damit anderswo hinzugelangen. Es geht darum, neue Formen zu finden und Reibung zu erzeugen. Außerdem habe ich dann das Gefühl, nicht nur ein Stück zu reproduzieren, sondern aus der Zeit, aus der beispielsweise ein bestimmtes Libretto stammt, auch wirklich herauszukommen und es in die Gegenwart hineinzunehmen. Dann wird auch die Musik wieder anders und neu hörbar. Ich gehe dabei aber immer vom jeweiligen Material aus. Deswegen sind meine Arbeiten oft auch sehr unterschiedlich. Ich habe nicht diese eine Art, auf die ich erzählen möchte, oder jene. Ich versuche jedes Stück neu aus dem Vorgefundenen zu erarbeiten. Denn jeder Stoff braucht etwas anderes.
Und welche Rolle spielt dabei die Musik?
Die Musik ist für mich oft das, was Struktur und Rahmen gibt, auch im Theater. Sie zwingt mich dann dazu, einen bestimmten Stoff so und nicht anders zu bearbeiten. Zum Beispiel bei Josef Bierbichlers Roman »Mittelreich«, den ich vor einigen Jahren an den Münchner Kammerspielen inszeniert habe. Das habe ich entlang des Brahms-Requiems aufgebaut. Ein solches Vorgehen gibt den Stücken eine gewisse Strenge. Für die Schauspieler:innen mag das nicht immer einfach sein, aber mir gibt es Freiheit. Die Musik ist für mich immer Inhalt und Struktur zugleich.
Anna-Sophie Mahler, Theater- und Opernregisseurin, ist seit der Spielzeit 2021/22 Hausregisseurin am Schauspiel Leipzig, wo sie unter anderem Uwe Johnsons »Jahrestage«, Giacomo Puccinis »La Bohème« oder das Musiktheaterprojekt »Undine« inszenierte.
Im Rahmen des Musikfests Berlin 2023 eröffnet der Rundfunkchor Berlin seine Saison mit einem A-cappella-Werk: Sergei Rachmaninoffs »Ganznächtlicher Vigil«.
»Ich würde mir wünschen, dass dieser Gesang auf meiner Beerdigung erklänge«, sagte Sergei Rachmaninoff einmal über seine »Ganznächtliche Vigil«. Das 1915 entstandene A-cappella-Stück war für den russischen Komponisten und gefeierten Pianisten, der 1917 seine Heimat für immer verlassen sollte, um ins Exil zu gehen, eine seiner gelungensten Kompositionen. Kein Wunder, es ist ein faszinierendes, ein schillerndes Stück. Und eines, das 2023 – im 150. Geburtsjahr des Komponisten – vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine Stoff für Diskussionen birgt.
Rachmaninoff verarbeitet darin traditionelle orthodoxe Kirchengesänge. Er modifiziert diese Gesänge aber auch, stellenweise kaum merklich, komponiert sie um und fügt neue aus eigener Feder hinzu, die nur schwer von den zitierten zu unterscheiden sind. Der Komponist selbst spricht in diesem Zusammenhang gar von »Stilfälschungen«. Und einmal mehr wird damit deutlich, dass Tradition stets auch etwas Erfundenes sein kann. Etwas, das jedes Mal von Neuem aktualisiert und umgeschrieben wird. Und damit längst nicht so fest ist, so verbürgt und verbindlich, wie es auf den ersten Blick scheint.
Der Rundfunkchor Berlin ist viel unterwegs. Und die Orte, an denen er auftritt, könnten nicht unterschiedlicher sein. Eine kleine Auswahl unserer Spielstätten der Saison 2023/24:
Als unser »human requiem« 2012 Premiere feierte, war die Welt noch eine andere. Seine Botschaft des Trostes ist angesichts der heutigen Weltlage nur noch aktueller geworden.
Am Anfang und am Ende steht ein Wort: »selig«. Und ein großes Gefühl: der Trost. Johannes Brahms’ »Ein Deutsches Requiem« ist weniger eine Totenmesse als vielmehr eine Hymne für die Hinterbliebenen, die Lebenden – andächtig, eindringlich, einfühlend.
Brahms selbst schrieb 1867 an Carl Reinthaler, den Dirigenten der Uraufführung: »Was den Text betrifft, will ich bekennen, dass ich recht gern das ›Deutsch‹ fortließe und einfach den ›Menschen‹ setzte.« Für das »human requiem«, unsere ursprünglich 2012 von Jochen Sandig und einem Team von Sasha Waltz & Guests erarbeitete szenische Fassung des Requiems, haben wir den Komponisten beim Wort genommen.
In der Spielzeit 2023/24 werden wir diese Produktion gleich zweimal auf dem Programm haben: einmal gegen Saisonanfang in den antiken Ausgrabungsstätten der europäischen Kulturhauptstadt Elefsína in Griechenland und einmal gegen Ende im Radialsystem V in Berlin, wo das Stück 2012 auch Premiere feierte. Brahms’ Botschaft rahmt damit in gewisser Weise unsere Saison.
Über die Jahre ist das »human requiem« zu einer unserer zentralen und erfolgreichsten Produktionen geworden. Hier verdichtet sich, was für uns an der Chormusik wichtig ist: gemeinsam in einem Raum anwesend zu sein, Musik zu machen und sie mit Gefühl zu vermitteln.
Das »human requiem« möchte das Gemeinsame der Musik betonen, das Verbindende. Denn Trost brauchen wir alle. Und um Trost zu spenden, brauchen wir die anderen, brauchen wir einander.
Was zu Brahms’ Zeiten vor mehr als 150 Jahren galt, das gilt in diesem Fall auch heute noch. Die aktuelle Weltlage ist düster. Musik kann uns in Zeiten von Krieg, Zerstörung und Vertreibung den notwendigen Trost spenden. Und sei es nur für den Moment eines gemeinsam erlebten Abends.
So betont auch die Inszenierung insbesondere die Nähe zueinander, das Gemeinsame. Als Sänger:innen mischen wir uns unter das Publikum. Unsere Stimmen erklingen über den Raum verteilt, dicht an Ihren Ohren, vereinzelt, und doch verknüpft mit den anderen. Für uns Sänger:innen ist das nicht zuletzt ein Moment, in dem wir ein Stück weit aus dem Schutz des Chores heraustreten. Es ist ein Moment, in dem wir mit Ihnen, unserem Publikum, unmittelbar in Verbindung treten.
Die zahlreichen Publikumsreaktionen, die uns nach den vielen Aufführungen rund um die Welt im Lauf der Jahre erreichten, legen den Schluss nahe, dass sich diese besondere Erfahrung überträgt. Dass wir nicht allein sind mit unserem Gefühl. »Noch nie war mir Gesang – im wahrsten Sinne des Wortes – so nahe, hat mich berührt und durchdrungen«, heißt es da. »Wie mutig, so nahe am Mitmenschen zu singen!«, dort. »70 Minuten mitgelitten, mitgeweint, mitgefreut. Es ging wahrhaft unter die Haut«, sagen die einen. »Wie soll man nach solch einer Aufführung ins ›normale‹ Leben zurückkehren? «, die anderen.
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