Interviews
Auf ein Wort mit Nico Köhs
Seit Januar 2026 ist Nico Köhs Assistent des Chefdirigenten beim Rundfunkchor Berlin. Im Gespräch erzählt er, wann er sich im Chor wirklich angekommen fühlte, warum die Schola weit mehr als musikalische Fortbildung ist – und weshalb ein Konzert über Vergänglichkeit auch lebensbejahend sein kann.
Am Sonntag, 4. Oktober, leitet er die Schola im Konzert in der Heilig-Kreuz-Kirche. Gemeinsam mit Mitgliedern des Rundfunkchores Berlin präsentieren die Gesangsstudierenden ein Programm von Purcell bis Sandström: Musik über Trost, Verlust, Hoffnung und die Frage, wie wir mit der begrenzten Zeit umgehen.
Seit rund einem Dreivierteljahr bist du nun Assistent des Chefdirigenten. Wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl: Jetzt bin ich wirklich angekommen?
Das war eher ein schleichender Prozess und hing vor allem mit den Vorbereitungen zu Henzes Sinfonie Nr. 9 zusammen, jeweils im Februar, im Mai und jetzt noch einmal im September. Im Februar und Mai durfte ich korrepetieren, was eine irrsinnige Herausforderung war. Dadurch war ich sehr lange nah beim Chor, am Klavier. Spätestens bei der Wiederaufnahme im Mai hatte ich dann das Gefühl: Okay, ich bin jetzt Teil dieser Produktion und dieses Chores. Dazu kam die RundfunkchorLounge im April, bei der ich selbst dirigieren durfte. Mittlerweile habe ich das Gefühl, richtig da zu sein – spätestens seit Beginn der neuen Saison im August.
Was hast du über den Rundfunkchor und die Sänger:innen bis jetzt gelernt, was man von außen vermutlich nicht ahnen würde?
Es sind tatsächlich auch Menschen! Wenn man im Konzert sitzt, etwa in der Philharmonie, wirkt alles sehr offiziell: die Herren im Frack, die Damen im Kleid. Die Kunst steht so im Raum, auch vor dem Chor. Die Menschen hier sind aber wahnsinnig offen und nett und haben mich sehr schnell willkommen geheißen. Das war ein total schönes Gefühl, denn natürlich schwingt viel Ehrfurcht mit, wenn man vor diesem Chor steht – auch mit Blick darauf, wer hier schon alles vorne gestanden hat. Der Chor schafft es in meinen Augen, Professionalität und menschliche Wärme zu verbinden, das ist nicht unbedingt selbstverständlich. Das ist das Schönste, was ich kennenlernen durfte.
Was möchtest du denn den Schola-Teilnehmer:innen in diesen intensiven Tagen mitgeben, was sich nicht einfach aus Noten, Technik oder Hochschulseminaren lernen lässt?
Es ist eine neue, zusammengewürfelte Gruppe: die Teilnehmer:innen kommen aus ganz Deutschland und von ganz unterschiedlichen Musikhochschulen. In wenigen Tagen aus diesen verschiedenen Menschen eine neue Gruppe zu formen, die einen gemeinsamen Klang hat – natürlich musikalisch, aber auch in den Pausen –, das ist eine besondere Aufgabe. Daraus entsteht eine wahnsinnige Kraft: Menschen werden durch diese Art Chormusik miteinander verbunden und haben hoffentlich auch danach noch Kontakt. Wenn mir das gelingt, wäre das eigentlich das Schönste.
Was kannst du denn beobachten, wenn die Scholaner:innen auf den Rundfunkchor treffen?
In den ersten Minuten war direkt eine sehr große Ehrfurcht vor diesem Chor zu spüren: Sie dürfen neben sehr erfahrenen Sänger:innen sitzen und mit ihnen diese Musik machen. Gleichzeitig sind sie sehr motiviert und gut vorbereitet. Sie wissen ja, was auf sie zukommt – das Schola-Konzert und auch die Konzerte in der Philharmonie. Die zwei Wochen sind eine sehr intensive Zeit, in der sie wichtige Erfahrungen sammeln können, das war auch gestern bei der ersten Schola-Probe schon spannend, zu sehen. Als ich das erste Mal hier ins Gebäude kam, ging es mir ähnlich. Man fühlt sich klein und denkt: Das ist so ein Palast der Chormusik. Und dann erfährt man: Hier passiert normale Arbeit – natürlich unter sehr professionellen Bedingungen.
Das Programm spannt einen großen Bogen zwischen Heinrich Schütz und Sven-David Sandström. Welche Gemeinsamkeiten siehst du in der Musik trotz des zeitlichen Unterschieds?
Sie behandelt sehr urmenschliche Themen: Vergänglichkeit, Tod und die Frage, was eigentlich nach dem Leben passiert. Das sind Themen, die Menschen schon immer bewegt und zur Kunst inspiriert haben. Bei Schütz, in »Unser Wandel ist im Himmel«, geht es um die Frage: Was passiert nach dem Tod mit uns? Bei Howells schwingt die unfassbar große Trauer über die Ermordung John F. Kennedys 1963 mit. Das ist für mich ein roter Faden, der sich durch alle Stücke zieht: Wie gehen wir mit der begrenzten Zeit um? Was heißt das für uns selbst, für unsere Mitmenschen und vielleicht auch für den Planeten, auf dem wir leben? In Sandströms »In paradisum« höre ich diese Botschaft: vielleicht gibt es ein Paradies nach dem Leben. Aber im Prinzip finden wir es auch vor der Haustür, wenn wir danach suchen. Das Stück stellt auch die Frage, was uns dazu antreibt, so eine starke Sehnsucht nach einem Leben danach zu haben und gleichzeitig vielleicht nicht so sensibel, wie wir sein könnten, mit unserer eigenen Umgebung umzugehen.
Gibt es für dich ein Highlight im Programm oder irgendeinen besonderen Moment?
Ich glaube, das ganze Konzert wird besonders, weil es ja mein erstes mit der Schola des Rundfunkchores ist. Ich liebe das Stück von Herbert Howells sehr. Es ist besonders und intensiv, voller Verzweiflung, aber auch voller Trost. Und dann ist da das doppelchörige Stück von William Harris, »Faire is the Heaven«, das beschreibt, wie schön der Himmel ist und welche Engel, Erzengel, Seraphim und Cherubim es dort zu entdecken gibt. Auf diese beiden Stücke freue ich mich besonders.
Das Konzert berührt diese ganzen Themen, die du auch gerade genannt hast: Trost, Verlust, Hoffnung, Erinnerung. Wie schafft man das als Dirigent, diese emotionalen Räume zu öffnen, ohne sie zu erklären?
In der Probe ist es schon gut, Dinge zu erklären – im Konzert natürlich nicht. Wenn man es in der Vorbereitung geschafft hat, die persönliche Bedeutung der Musik offenzulegen, entsteht eine ganz andere Verbindung mit der Gruppe, die vor einem steht. Dann kann im Konzert viel aus dem Moment entstehen, sehr viel nonverbal. Ob es gelingt, ist auch manchmal ein Zufallsprodukt. Aber es ist besonders schön, wenn es klappt.
Die Heilig-Kreuz-Kirche ist ein Raum mit einer eigenen Atmosphäre und kein typischer Konzertsaal. Was verändert dieser Ort für dich am Hören und am Musizieren?
Ich finde es immer besonders, in Kirchen zu musizieren. Ich würde mich nicht unbedingt als besonders gläubigen Menschen bezeichnen. Aber ich kann viel mit Kirchenräumen und christlichen Werten anfangen, auch wenn ich nicht regelmäßig in die Kirche gehe. Wenn ich in diesen Räumen Chormusik machen darf, habe ich immer das Gefühl, dass das der Musik hilft – besonders bei sakraler Musik, von der wir einiges im Programm haben. Die Akustik ist eine andere, es ist ein anderes Licht. Auch für das Publikum verändert sich etwas, wenn der Chor vor dem Altar oder im Altarraum steht: Da ist diese hohe Decke, die reicht symbolisch in den Himmel. All das kann dazu führen, dass das Konzert besonders wird.
Mit welchem Gedanken und Gefühl sollen die Menschen nach dem Konzert wieder hinaus auf den Blücherplatz gehen?
Das ist immer schwer vorherzusehen, weil Menschen aus ganz unterschiedlichen Situationen heraus ins Konzert kommen. Ich hoffe, dass für alle etwas dabei ist und ihre persönliche Situation angesprochen wird. Wenn sie getrösteter als vorher aus dem Konzert herausgehen, wäre das total schön. Vielleicht ist es aber auch dieses trotzige Lebensbejahende im Angesicht eines vielleicht nahenden Todes von Angehörigen. Wichtig ist ja immer, was sich zwischen vorher und nachher verändert. Wenn die Leute leichter hinausgehen, als sie hereingekommen sind, wäre viel gewonnen.
Wenn du das Schola-Konzert nicht mit den Komponistennamen, sondern mit drei Bildern, Farben oder Gefühlen bewerben würdest – welche wären das?
Nur drei? [lacht] Trotzig, lebensbejahend und sehr nachdenklich.