Interviews

Auf ein Wort mit Benjamin Goodson zum A-cappella-Konzert

Benjamin Goodson, Dirigent

Zwischen Krisenstimmung und leuchtenden F‑Dur‑Momenten: In seinem A‑cappella-Programm »Hoffnung« spannt Benjamin Goodson mit dem Rundfunkchor Berlin einen Bogen von radikaler Zerrüttung bis zu überwältigender Erlösung. Benjamin Goodson – Chefdirigent des Niederländischen Rundfunkchores und designierter Chef des SWR Vokalensembles – ist dem Rundfunkchor Berlin seit vielen Jahren eng verbunden und kennt seinen Klang bis in die feinsten Nuancen. Anlässlich des A‑cappella-Konzerts »Hoffnung« in der Heilig‑Kreuz‑Kirche spricht er darüber, warum ihn eine buddhistische Begegnung an die Veränderungskraft jedes einzelnen Menschen glauben lässt, wie sich aus brutaler Dissonanz ein strahlender Akkord entwickeln kann, weshalb der Kirchenraum zum heimlichen »Mitspieler« wird und welche ganz persönliche Hoffnung er mit diesem Abend verbindet – darüber sprechen wir mit ihm in unserer Reihe »Auf ein Wort«.

1. Der Abend heißt »Hoffnung« – wann hast du persönlich das letzte Mal gedacht: »Jetzt kann ich gut ein bisschen Hoffnung gebrauchen«?

Ohne gleich politisch zu werden: Es ist im Moment ja wirklich nicht schwer, Gründe zu finden, warum man sich nach Hoffnung sehnt. Bei der Zusammenstellung des Programms hatte ich den Wunsch, ein mutig positives und auch ein bisschen visionäres Bild davon zu zeichnen, wozu wir Menschen gemeinsam fähig sind. Deshalb beginnt der ganze Abend mit den Worten Jesu: »Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Alleluja.« Wir haben so viel Potenzial, so viel Kraft zum Guten.

2. Auf dem Programm stehen Messiaen, MacMillan, Schnittke, Schnebel, Kodály und Pärt – eine ziemlich bunte Mischung. Wenn diese gemeinsam an einem Tisch säßen: Worüber würden sie deiner Meinung nach streiten, worüber würden sie lachen?

Was für eine schöne Frage! Die beiden lebenden Komponisten im Programm (MacMillan & Pärt) kenne ich persönlich, und ich kann sagen: Sie verbindet eine große Sanftheit, ein tiefer Glaube und auch ein ziemlich verschmitzter Humor. Bei den anderen kann ich natürlich nur spekulieren, aber ich habe das Gefühl, dass selbst diejenigen, die viel Schweres erlebt haben, in ihrer Musik immer wieder ein großes Staunen und eine gewisse Leichtigkeit finden. Vielleicht würden sie sich über Ästhetik streiten, über Klang, über Ausdruck, über die Rolle von Spiritualität. Aber ich glaube, sie würden auch viel miteinander lachen.

3. Wie hast du diese unterschiedlichen musikalischen Welten für den Abend zusammengeführt?

Ob Kirchenmusik oder nicht, war für mich gar nicht so entscheidend. Mich hat eher eine dramaturgische Linie interessiert. Vom starken, hoffnungsvollen Anfang stürzen wir zunächst in eine Art Krise, bei Schnebel in diese fast wahnsinnige Zerrüttung, bei Schnittke in die eindringlichen Bußverse. Danach kommt für mich das, was vielleicht unsere größte Chance ist: Gemeinschaft. Die Messe steht im Konzert weniger als religiöser Akt im Vordergrund, sondern als Moment des gemeinsamen Erlebens, des Miteinanders. Und dann kippt die Richtung wieder. MacMillans »O Radiant Dawn« spricht nicht nur vom neuen Morgen, sondern auch von der Chance, die jeder neue Tag in sich trägt. Am Ende steht bei Messiaen ein ganz überwältigendes Klangbild von Erlösung.

4. A cappella bedeutet: nichts als Stimmen im Raum. Woran merkst du in der Probe, dass der Moment gekommen ist, in dem du Gänsehaut kriegst?

Das gab es tatsächlich schon letzte Woche, als wir an einer der schwierigsten Stellen aus den Schnittke-Motetten gearbeitet haben. Da singt der Chor plötzlich eine Skala über alle zwölf chromatischen Töne. Das klingt erst einmal brutal dissonant. Und aus diesem Chaos heraus bricht dann ein unglaublich leuchtender F-Dur-Klang hervor. Das ist ein fantastischer Moment, musikalisch extrem anspruchsvoll, aber mit einer riesigen Wirkung. Ich liebe das.

5. Wenn jemand ohne große Vorkenntnisse ins Konzert kommt: Wie würdest du ihn oder sie auf diesen Abend einstimmen?

Es ist für mich wirklich ein Traumprogramm. Ich würde sagen: Lest die Texte und dann lasst euch einfach von der Musik tragen!

6. Die Heilig-Kreuz-Kirche prägt das Hörerlebnis stark. Welche Überlegungen hattest du dazu?

Es ist ein wunderschöner Raum. Wir werden verschiedene Orte und Aufstellungen für Chor und Solistinnen und Solisten nutzen, sodass das Publikum die Musik immer wieder aus neuen Perspektiven erlebt. Mehr verrate ich aber noch nicht. Da muss man schon selbst kommen und hören!

7. Was wünschst du dir, dass nach dem Konzert bei den Menschen nachklingt?

Ich bin nicht im engeren Sinne religiös, aber es gab einen wichtigen Moment in meinem Leben, als ich mit buddhistischer Meditation in Kontakt gekommen bin. Mein Lehrer sagte damals: »Jeder von euch kann die Welt verändern.« Das klang für mich zuerst völlig absurd. Aber mit der Zeit habe ich verstanden, was er meinte. Durch die Praxis habe ich einen weicheren, großzügigeren Teil in mir selbst entdeckt. Dadurch haben sich tatsächlich all meine Beziehungen verändert und damit, zumindest ein Stück weit, auch die Menschen um mich herum. Vielleicht ist das meine Hoffnung für diesen Abend: dass man spürt, welche Kraft jede und jeder von uns hat, das eigene Umfeld zum Guten zu verändern und wie weit diese Wirkung reichen kann. Klingt ein bisschen groß, wenn ich das so sage. Aber schauen wir mal, was möglich ist.

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