Auf ein Wort mit Maria Dribinsky

Auf ein Wort mit Maria Dribinsky

»Ich begleite den Rundfunkchor Berlin mein gesamtes Berufsleben lang, seitdem ich in Deutschland bin. Oder andersherum: Mein gesamtes Leben in Deutschland werde ich vom Rundfunkchor Berlin begleitet.«
Maria Dribinsky ist Pianistin, Musiklehrerin und freischaffende Korrepetitorin – und erarbeitet nebenher als Sprachberaterin mit den unterschiedlichsten Ensembles und Solist:innen russisch- und deutschsprachige Werke. Ob am Bolschoi-Theater, in der Berliner Philharmonie, gemeinsam mit Pierre Boulez oder Simon Rattle – sie arbeitet mit den Großen der Klassik zusammen. Seit fast 30 Jahren begleitet sie den Rundfunkchor Berlin. Auch für die konzertante Aufführung von Tschaikowskys »Mazeppa« diesen November stand sie dem Rundfunkchor mit Rat und Tat zur Seite.

Frau Dribinsky, Sie sind russische Sprachberaterin. Was sind die Kernaufgaben Ihres Berufs?

Der Arbeitsprozess ist von Anfang an sehr interessant. Zunächst bekommt der Chor die Partitur in zwei verschiedenen Schriften: einmal in Kyrillisch und einmal in der lateinischen Umschrift, die auch Transliteration genannt wird. Ich mache es in den letzten Jahren immer so, dass ich eine eigene Transliteration vor dem Probenprozess anfertige. In diesen vielen, vielen Jahren habe ich also meine eigene Umschrift entwickelt, die auf internationalen Standards beruht, mit denen ich aber besonders mit deutschsprachigen Chören besser arbeiten kann. Das ist also die erste Aufgabe: Die Transliteration aufzuschreiben, dann an den Chor weiterzugeben und ihm verständlich zu machen, wie was ausgesprochen wird. Das Besondere am Rundfunkchor ist, dass viele Mitglieder in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und deshalb Russisch gelernt haben. Da ist es natürlich toll, dass sie die kyrillische Version verwenden können. Außerdem fertige ich für den Chor eine sogenannte Wort-zu-Wort Übersetzung an, damit jedes gesungene Wort auch verstanden wird.

Der zweite Schritt ist nun, dass die Sänger:innen sich individuell Aufzeichnungen zur Aussprache in ihre Partitur notieren, während ich vorlese. Hierbei gibt es kein richtig oder falsch, das ist ganz wichtig. Die Notizen sollen intuitiv sein und einfach so beim Singen über die Lippen kommen, ohne dass man seine eigenen Zeichen erst einmal entziffern muss.

Und dann kommt das eigentlich Interessante: Die Arbeit mit der Musik

Erzählen Sie uns mehr darüber. Wie klingen Musik und Sprache miteinander?

Jeder Komponist, jede Komponistin hat eine eigene Musiksprache und es geht darum, die gesprochene Sprache mit der Musik zu verbinden. Und das ist eigentlich meine Hauptaufgabe. Es gibt nämlich viele musikalische Regeln für die Aussprache: Wie lang wird der Ton gezogen? Wie wird er abgenommen? Mit Betonung oder ohne? Das sind viele Feinheiten, die man kennen muss.

Im Zentrum steht der Klang, deshalb bin ich an erster Stelle auch als Musikerin vor Ort und nicht unbedingt jemand, der Russisch oder Deutsch kann.

Wie ist es, mit einem ca. 64-köpfigen Ensemble wie dem Rundfunkchor Berlin ein Werk zu erarbeiten? Wie fügt sich am Ende alles klanglich zusammen?

Ich habe mit sehr vielen Chören während meines Berufslebens zusammengearbeitet, besonders in Deutschland aber auch im Ausland, unter anderem in Portugal, in Spanien, in Italien und jetzt gerade arbeite ich am Bolschoi-Theater in Moskau. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass nicht nur die Anzahl der Chormitglieder das klangliche Resultat bestimmt. Der Rundfunkchor war von Anfang an wohlwollend mir gegenüber und willig das anzunehmen, was sie noch nicht kennen. Denn man muss es sich so vorstellen: Da sitzen viele erwachsene, hoch ausgebildete Sänger:innen vor einem und man fragt sie unter Umständen, ihre Gesangstechnik zu ändern, um die Aussprache zu verbessern. Das ist eine wirklich intime Arbeit, die viel Feingefühl benötigt. Denn ich kann mit der Sprache und einem bestimmten musikalischen Wissen über die Kultur etwas Neues vermitteln. Und da ist es ganz wichtig, dass Diejenigen, die vor dir sitzen, das, was du vermitteln möchtest auch annehmen.

Erzählen Sie uns ein bisschen mehr zur Oper »Mazeppa«. Gibt es hier spezielle Herausforderungen oder anspruchsvolle Stellen, die besonders geprobt werden mussten?

Bei dieser Oper fängt es eigentlich schon mit dem Namen an. Denn das Werk basiert auf einem Gedicht Alexander Pushkins, einem russischen Poeten. Doch der Name »Mazeppa« ist ukrainisch, die Handlung der Oper findet in der Ukraine des 18. Jahrhunderts statt. Von Anfang an war die Frage in meinem Kopf: Was machen wir jetzt? Machen wir eine russische oder eine ukrainische Oper? Denn zwischen der ukrainischen und der russischen Aussprache gibt es natürlich einen klanglichen Unterschied. Deshalb habe ich Herrn Petrenko gefragt, der sich ganz klar – da die lyrische Grundlage von Pushkin stammt – für die russische Aussprache entschieden hat. Schwierig war es dann in den Proben, wenn es um verschiedene Namen ging – wie zum Beispiel den Protagonisten Mazeppa. Im Ukrainischen ist die Aussprache ähnlich wie im Deutschen, wo nach dem stimmhaften „s“ ein offenes „e“ kommt, wobei im Russischen danach eine Art geschlossenes „e“ kommt und das davorstehende „s“ palatalisiert wird, was den gesamten Klang verändert.

Das ist das, was für mich so toll ist: die verschiedenen Blickwinkel. Alles ist Musik für mich. Ich bewege mich ständig in Musik und schaue durch viele Perspektiven auf sie drauf.

 

Das ist ein guter Übergang zu unserer letzten Frage: Welche Musik hören Sie privat?

Das ist die schwierigste Frage, denn ich höre beruflich sehr viel Musik. Und auch diese ständige Berieselung, zum Beispiel im Taxi oder im Aufzug stört mich sehr. Nicht, weil ich die Musik schlecht finde, sondern weil ich dann zuhören muss. Ich kann dann nicht weghören. Was ich aber sehr gern in der Freizeit mag, ist Astor Piazolla. Besonders die Aufnahmen mit Kremerata – die hatte ich früher im Auto, als das noch ein CD-Laufwerk hatte.

 

Hören Sie sich Maria Dribinskys Musikempfehlung auf Spotify an:

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Konzerte
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Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker