Auf ein Wort mit Carolin Trispel zum Klangspaziergang

Auf ein Wort mit Carolin Trispel zum Klangspaziergang

Seit kurzem ist der Rundfunkchor Berlin bei einem Klangspaziergang im Tiergarten zu erleben. Carolin Trispel hat das digital-analoge Projekt im Rahmen ihres Studiums der Musikwissenschaft und der internationalen Medienkulturarbeit entwickelt. Im Interview erzählt sie, an welchen Stellen der Gesang des Chores nun auch in der grünen Parklandschaft Berlins erklingt und wie das Konzept in Zeiten der Pandemie entstanden ist.

 

Der Rundfunkchor Berlin ist seit dem 23. Mai über digitale Endgeräte im Berliner Tiergarten zu hören. Wie kam es zur Idee des Klangspaziergangs und was erwartet die Besucher*innen im Park?

 

Die Idee des Klangspaziergangs mit dem Rundfunkchor Berlin ist aus vielen unterschiedlichen Richtungen entstanden. Zum einen bin ich durch meinen Studiengang der internationalen Medienkultur geprägt, in dem ich mich, wie der Name sagt, mit digitalen Medien und deren Verwendung für Kulturarbeit beschäftige. Zum anderen ist der Produktionsbetrieb des Rundfunkchores Berlin, wie bei fast allen Kulturinstitutionen in den letzten anderthalb Jahren, durch die Pandemie mit Hygienemaßnahmen und Kurzarbeit erschwert gewesen. Mit einem so großen Chor neue Projekte umzusetzen, wurde zu einer großen Herausforderung. Also suchten wir nach Möglichkeiten, den Gesang des Chores auf eine neue Weise an die Menschen in der Stadt heranzutragen. Da es bereits sehr viele großartige Aufnahmen des Rundfunkchores Berlin bei Deutschlandfunk Kultur und bei Sony gibt, und das Spazierengehen im letzten Jahr eine große Konjunktur erlebt hat, entstand bald die Idee des Klangspaziergangs, bei welchem diese Aufnahmen zur Geltung kommen. Als wir die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz nach Möglichkeiten des Aufmerksammachens auf unseren Klangspaziergang in Berliner Parks fragten, wurden wir direkt an ihre Initiative „Zusammen sind wir Park“ vermittelt und so entwickelte sich eine wunderbare Zusammenarbeit. Es war besonders inspirierend für mich zu merken, dass wir auch in Zeiten wie diesen auf unsere langjährigen Partner wie Deutschlandfunk Kultur zählen können und wir darüber hinaus einen ganz neuen Kooperationspartner gewonnen haben. Zusammenhalt und Zusammenarbeit ist besonders in Krisenzeiten ein Geschenk. Im Tiergarten haben wir an sieben Klangstationen Sticker verteilt, die einen QR-Code zeigen und ganz einfach mit dem Handy oder einem anderen internetfähigen Endgerät gescannt werden können. Daraufhin gelangt man auf dem Smartphone zu einer Landingpage auf unserer Website und schon erklingt der Rundfunkchor Berlin.

Anstatt im Konzertsaal zu sitzen, können Spaziergänger*innen den Chorgesang im Laufen genießen. Was ist das Besondere an diesem Outdoor-Setting?

Das Angebot des Klangspaziergangs mit dem Rundfunkchor Berlin ist niedrigschwellig und gerade dadurch charmant, dass es für alle Interessierten kostenlos, spontan und rund um die Uhr, wann immer einen die Lust packt, im Tiergarten zugänglich ist. Das unterscheidet sich schon sehr von einem Konzertabend, auf den man sich vorbereitet, sich ein Ticket kauft, sich besonders anzieht. Darüber hinaus ist ja nicht nur der Rundfunkchor Berlin zu hören, sondern auch der Tiergarten an sich kann noch einmal ganz anders wahrgenommen werden: Vogelgezwitscher, Insektenbrummen und Blätter im Wind mischen sich mit den Klängen und man ist nicht geschützt vor Regen oder Sonneneinstrahlung. Ich würde behaupten, dass so auch die Musik mit dem Rundfunkchor Berlin auf eine neue Weise wahrgenommen werden kann!

 

Welche Musikstücke werden in der Parklandschaft zu hören sein und warum lohnt sich die Erkundung der gesamten Route?

 

Wir haben die Musik so ausgewählt, dass der Rundfunkchor Berlin mit seinen Herzensstücken zu hören ist und sein gesamtes Können, die Vielfalt und Qualität in Stücken von Komponisten wie Mozart, Beethoven, Brahms und Schumann deutlich wird. Beispielsweise kann man dem »Benedicuts« aus der »Missa solemnis« auf der Luiseninsel lauschen, die auch gewissermaßen das Signature-Piece des Chores ist,. Außerdem wird man den Chor nicht nur singend, sondern auch Glasharfe spielend hören, was bezeichnend für die Experimentierfreude des Ensembles ist. Entstanden ist diese Komposition mit dem Titel »Stèle« als Auftragswerk für die Rundfunkchor Lounge im August letzten Jahres. Der Komponist Philip Mayers hat hier einen Weg gefunden, dass der Chor auftreten konnte, auch wenn er im geschlossenen kleinen Raum nicht singen durfte.  Wer möchte, kann sich darüber hinaus sowohl im Englischen Garten, als auch im Rosengarten das  »Schicksalslied« anhören und durch die Vertonung eines Hölderlintextes von Komponisten verschiedener Epochen erfahren –  einmal von Johannes Brahms und das andere Mal von Bruno Maderna. Beim Klangspaziergang gilt generell: Alles kann, nichts muss! Es muss nicht die gesamte Route abgelaufen werden, doch es lohnt sich die Klangwelt des Rundfunkchores Berlin bei einem ausgiebigen Spaziergang zu erkunden. Auch eine Einteilung in mehrere Besuche kann schön sein, sodass zum Beispiel zunächst nur zwei Stationen angehört werden und erst beim nächsten Mal die weiteren. Die Begegnung mit der Musik, mit dem Chor ist wichtig und ist sehr offen gestaltet.

Die Welt der Musik wandelt sich rasant und technische Mittel ermöglichen immer neue Klangerlebnisse und Inszenierungen des Vokalgesangs. Wie kann Analoges und Digitales hier optimal verschränkt werden?

Ich glaube nicht, dass es den einen goldenen Weg gibt, wie Digitales und Analoges miteinander verschränkt werden kann, denn das hängt immer ganz stark von der Art des Projektes ab. In jedem Fall sollte man keine Angst vor der Digitalität haben, da sie ein guter Weg ist, um Zugänge zu schaffen – auch zu klassischer Musik. Digitalität kann das Analoge auch niemals abschaffen, das würde schlicht keinen Sinn ergeben, doch beides kann sich gegenseitig bereichern. Spannend finde ich Virtual oder Augmented Reality, die mithilfe digitaler Mittel analoge Klangwelten erweitert. So können Dinge zum Klingen gebracht werden, die mit dem eigenen Ohr nicht oder nicht mehr gehört werden. Auf diese Weise können beispielsweise Klänge aus der Vergangenheit Klängen aus der Gegenwart gegenübergestellt, oder weit entfernte Klänge, an einen anderen Ort gebracht werden, um sie mit analogen Klängen zu vermischen.

Was fasziniert Dich am Chorgesang?

Ich habe schon als kleines Kind in einem Chor gesungen und glaube, dass es unheimlich prägend und faszinierend ist, von so vielen Stimmen umringt zu sein und davon sozusagen getragen zu werden, wenn die eigene Stimme Teil des großen Klangbildes wird. Zum anderen finde ich es total inspirierend Chorgesang zuzuhören, da dabei eine solch plastische und dreidimensionale Stimmkraft in unterschiedlichen Stimmlagen auf einen einströmt.

Welche Musik hörst Du privat?

Da habe ich keine richtige Präferenz, ich höre sehr Unterschiedliches, egal ob Barock, Romantik, Techno oder Hip-Hop. Mich interessiert Musik im Allgemeinen und die Verschiedenheit der Stile und Epochen. Was allerdings immer geht sind Chopin und der britische Rapper Loyle Carner.