Foto Bettina Pieck

Auf ein Wort mit Bettina Pieck

Die Altistin Bettina Pieck ist nicht nur seit 2002 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Organistin tritt sie regelmäßig mit dem Bachchor Gütersloh auf. Bei der nächsten RundfunkchorLounge am 10. Mai 2017 begleitet sie erstmals den Rundfunkchor Berlin.

Frau Pieck, wie sind Sie zum Orgelspiel gekommen?

Ich sang in einem Kinderchor in meiner Heimatgemeinde Plettenberg im Sauerland. Als ich zwölf Jahre alt war und so langsam dem Chor entwuchs, fragte mich unser Kirchenmusikdirektor, ob ich nicht mit dem Orgelspiel anfangen wolle – ich hatte zuvor Klavierunterricht gehabt, seit ich sechs war. Das fand ich eine tolle Sache, ich habe mich an der Orgel ganz schnell zu Hause gefühlt. Mit 13, 14 habe ich begonnen, im Gottesdienst zu spielen, und nach dem Abitur bin ich zum Studium der evangelischen Kirchenmusik nach Detmold gegangen. Ich habe zehn Semester Künstlerisches Orgelspiel und Chorleitung studiert und nach dem A-Examen als Kantorin in Bielefeld angefangen.

Und wie sind Sie dann im Rundfunkchor Berlin gelandet?

Die Liebe zum Chorgesang hatte mich nie verlassen. Ich hatte von klein auf gesungen, die h-Moll-Messe, die Matthäus-Passion, das Brahms-Requiem – das war mein Leben. Ich wollte zunächst nicht Sängerin werden, weil ich dachte, da rafft mich jeder Schnupfen hinweg, da spiel ich doch lieber Orgel. Aber im Studium sagte dann mein Lehrer Rainer Eckels: Du hast so eine schöne Alt-Stimme, du solltest mehr singen. Studiere das doch. Und das hab ich tatsächlich getan. Mit der Abschlussprüfung Kirchenmusik Gesang hab ich die Aufnahmeprüfung fürs Hauptfach Gesang gemacht, das war sehr praktisch. Ich habe also meinen Kantorendienst in Bielefeld verrichtet und parallel Gesang studiert – und hielt die Augen und Ohren offen, was freie Chorstellen betraf.

Mein Lehrer hatte gemeint, ein Rundfunkchor sei doch genau das richtige für mich, die brauchen Leute, die gut vom Blatt singen, die schnell lernen und Neue Musik singen können. Und dann sah ich eines Tages, dass eine Alt-Stelle im Rundfunkchor Berlin frei sei. Mein Mann sagte: Bewirb dich, und wenn du die Stelle bekommst, dann ziehst du halt nach Berlin, das kriegen wir schon hin. Es gab zwei Probeprojekte. Eines war die neunte Sinfonie von Hans Werner Henze, der in Gütersloh geboren ist, wo ich wohne. Das sang damals kaum ein Chor, weil es so schwer ist. Ich hatte das Gefühl, da kann ich zeigen, was ich kann. Es gefiel mir alles sehr gut, und als ich schließlich das Vorsingen bestanden hatte, habe ich meine Kirchenmusikstelle gekündigt. Das war im April vor 15 Jahren.

War es eine gute Entscheidung?

Oh ja, die Oratorien und A-cappella-Werke aus dem Barock, aus der Romantik, aber auch aus der Neuen Musik – das ist meine Welt. Auch Ligetis »Lux Aeterna« zum Beispiel, oder die Hölderlin-Fragmente von Cerha, die wir demnächst singen, oder die Messe von Frank Martin – dieses Genre hat mich von Kindesbeinen an fasziniert. Als ich 12, 13 war, hat der Marburger Bachchor bei uns gastiert. Im Konzert stand da eine hochgewachsene Altistin, und ich dachte die ganze Zeit, dass ich das später auch machen möchte. Insofern ist wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich liebe es, mit anderen zusammen zu musizieren, über die Stimme in der Musik mit anderen zu verschmelzen. Und ich finde es wunderbar, mit so vielen großen und bedeutenden Dirigenten und Musikern zusammen Musik machen zu dürfen und von ihnen immer weiter zu lernen und dabei eines von vielen Rädlein am Wagen sein zu dürfen.

Spielen Sie noch Orgel?

Mit großer Freude. Mein Mann ist hier in Gütersloh Kirchenmusiker, er leitet den Bachchor und einen Knabenchor und beschäftigt mich ständig als Organistin. Auch meine alten Kollegen hier in der Region fragen mich immer wieder an. Und wenn mein Mann in der Chorprobe sagt, dass ich das mal einen Ton tiefer spielen soll, dann bin ich dankbar, dass ich das inmeinem  Studium gelernt habe. Ich spiele sehr gern Continuo und habe Gesangsschüler, die ich am Klavier begleite. Das geht, wenn man sich gut organisiert. Als ich vorhin nach Haus gekommen bin, hab ich sofort wieder Klavier geübt. Dieses Mal das Tafellied von Brahms, das einen höllisch schweren Klavierpart hat – aber es ist ein tolles Lied für Feierlichkeiten. So nehme ich mir immer wieder etwas vor.

Haben Sie den Rundfunkchor schon einmal begleitet?

Noch nie, das wird eine Premiere. Ich freue mich wie Bolle.

Wie gefällt Ihnen das Lounge-Format?

Sehr gut. Wir sprechen neben unserem vertrauten auch ein neues Publikum an, das diese lockere Atmosphäre genießt. Wir gehen ja gern als Rundfunkchor Berlin neue Wege und sind da vielleicht auch Ideengeber für andere Ensembles – das finde ich wunderbar.

Welche Musik hören Sie privat?

Eros Ramazotti, wenn wir in den Urlaub nach Italien fahren. Und beim Gläserspülen nach einer Essenseinladung hören mein Mann und ich immer den Rosenkavalier, das berühmte Terzett. Ansonsten wenig. Von meinen Kindern bekomme ich immer die neuesten Bravo-Hits aufs Handy gespielt. Und ab und zu höre ich mir aus Neugier die neuen Aufnahmen der anderen Rundfunkchöre an.

Letzte Frage: Was war für Sie das Konzert-Highlight in dieser Saison?

Das größte Erlebnis war das Brahms-Requiem im Teatro Colón in Buenos Aires, auf unserer Südamerika-Tournee – auswendig und unter Leitung von Gijs Leenaars. Wir hatten das »human requiem« in New York gemacht, flogen dann nach Südamerika, haben das Requiem ganz normal im Konzert gesungen, aber niemand guckte mehr in die Noten. Und da haben wir kurzerhand beschlossen, es im nächsten Konzert auswendig zu singen. Der Saal tobte. Das war für mich so ein erhebendes Gefühl, überhaupt in diesem geschichtsträchtigen Theater zu stehen, und dann das Brahms-Requiem, dieses Stück, das uns wie auf den Leib geschnitten ist, auswendig zu singen. Das war das Erlebnis, das mich in dieser Saison am tiefsten berührt hat.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.