THE WORLD TO COME | THE WORLD TO COME – SchwuZ-History

THE WORLD TO COME – SchwuZ-History

VORGESCHICHTE

Nachdem der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim im Kino Arsenal gezeigt wurde, kam es am 15. August 1971 zu einem Treffen von etwa fünfzig Personen, die über Möglichkeiten der Organisation, der praktischen Arbeit und über Aktionen diskutierten.

Im November 1971 führten regelmäßige Treffen im „Hands-Drugstore“ schließlich zur Gründung der „Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW)“.

Zu den etwa vierzig ausschließlich männlichen Gründungsmitgliedern zählten im Wesentlichen Studierende, die sich der sozialistischen Linken zugehörig fühlten. Diese konzentrierten sich anfänglich auf rein politische Arbeit und Aktionen. Ein Schwerpunkt war das Eintreten für die ersatzlose Streichung des § 175 im Kontext eines allgemeinen Kampfes für die Überwindung von Patriarchat und Kapitalismus.

Zwischen 1973 und 1975 organisierte die HAW ein jährliches Pfingsttreffen, zu dem schwule Gruppen aus anderen Städten eingeladen waren und bei dem mit Informationsständen und Demonstrationen für die Ziele der HAW geworben wurde. Eines der dringenden Anliegen war es, einen selbstverwalteten Treffpunkt mit der Möglichkeit zur Kommunikation zu schaffen. Das gelang 1973 im Hause von Rosa von Praunheims Atelier in der Dennewitzstraße 33 in Schöneberg. Allerdings nur für kurze Zeit, denn für einen geplanten Autobahnbau wurde das Gebäude abgerissen und den Mietern zuvor Ersatzräume an neuen Orten angeboten.

 

SCHÖNEBERG, KULMER STRASSE 20A – POLITIK UND SPASS

 

So zog die HAW im Mai 1974 in die 4. Etage eines Gewerbegebäudes im 3. Hinterhof.
Der in den Folgejahren sich entwickelnde „Tuntenstreit“ zwischen rein politisch agierenden („Politfraktion“) und eher öffentlichkeitsorientiert arbeitenden Gruppen („Spaßfraktion“) kulminierte 1977 in der Auflösung der „Politfraktion HAW“ und der Proklamation des „Schwulen-Zentrum“ (kurz: SchwuZ) am 26. Juni 1977. Dieses agierte aber weiterhin bis Anfang 1995 unter der im Juni 1976 ins Vereinsregister eingetragenen HAW e.V. als Trägerverein. Über Aktionen und Veranstaltungen diskutierte und entschied das „Plenum“ als offenes Gremium, an dem sich jeder Interessierte beteiligen konnte.

Das SchwuZ war seit der Gründung ein Ort des Aufbegehrens, an dem sich Arbeitsgruppen zu emanzipatorischen Themen trafen, Aktionen vorbereiteten und neue Projekte gründeten. Das Stadtmagazin „Siegessäule“, der Buchladen Prinz Eisenherz, die Schwulenberatung und der erste CSD 1979 wurden im SchwuZ auf den Weg gebracht. Ein weiteres Projekt, die „lesbisch-schwule Presseschau“, erhielt Anfang der 80er Jahre dauerhaft einen Raum für die Artikelsammlung.

Nach dem Einbau einer größeren Bühne im August 1982 nutzten viele Künstler_innen die Räume für Proben und Auftritte. Gefördert wurde dies vor allem durch SchwuZ-Tunten wie Melitta Poppe, Chou Chou de Briquette, Ichgola Androgyn und BeV Stroganoff, um nur einige zu nennen. Diese waren ebenfalls die treibenden Kräfte des 1984 gegründeten Tunten-Ensembles „Ladies Neid“, zu dessen rund 20 Mitwirkenden auch die 1993 an AIDS verstorbenen Aktivist_innen Melitta Sundström und Pepsi Boston gehörten.

An Samstagen etablierten sich schwule Partys unter dem Namen „offene Abende“, Filmabende kamen hinzu („Zwielicht – Kino im SchwuZ“) und später an Freitagen das von SchwuZ-Tunten arrangierte „Café im SchwuZ“. Einmal im Monat an den ‚offenen Abenden“ organisierten schwule Gruppen und Projekte für sich selber Benefizveranstaltungen, unter anderem auch für das Anfang der 80er Jahre instandbesetzte „Tuntenhaus“ in der Bülowstr. 55. Quer durch alle Altersgruppen war das SchwuZ vorwiegend von politisch aktivem, linksalternativem Publikum geprägt.

KREUZBERG 61, HASENHEIDE 54 – KULTURFABRIK

Ende 1986 sollte das Gewerbegebäude grundsaniert und in ein Künstlerhaus umgenutzt werden. Das SchwuZ musste erneut umziehen und landete nach mehrmonatiger Schließung und intensiver Suche in Kreuzberg in der Hasenheide 54 nahe dem Südstern.

Eine große Benefizveranstaltung im Tempodrom half bei der Finanzierung des Umzuges und erster Einbauten. Zur Eröffnungsparty Silvester 1986/87 kamen trotz weniger verteilter Aushänge über 1000 Besucher, ein Zeichen des großen Interesses am SchwuZ. Zu dieser Zeit arbeiteten fast alle Aktiven ehrenamtlich, lediglich Reinigungskräfte erhielten einen Obolus.

Die Einnahmen wurden für Miete, Rauminstandhaltung und Solidaritätsspenden an schwule Projekte verwendet. Neben den üblichen Gruppentreffen (Plenum) und den samstäglichen Tanzveranstaltungen, lebten an Freitagen das von SchwuZTunten organisierte „Café im SchwuZ“ und die Filmabende als „Kino bei Tante Magnesia“ weiter.

Eine Vielzahl kultureller Aktivitäten füllte fortan den Veranstaltungskalender und die Bühne: die Tuntengruppen „Ladies Neid“ und „Les Tuxx“, das von Matthias Frings moderierte „Talk-SchwuZ“, die „Teufelsberg Showproduktion“, Cora Frost, Rosenstolz, Frau Jaschke, Ronald M. Schernikaus Theaterstück „Die Schönheit“ sowie viele weitere Künstler_innen und Gruppen aus dem Bundesgebiet und dem Ausland („Bloolips“). Möglich wurde dies vor allem durch das unermüdliche Engagement von Chou Chou de Briquette.

Der Fall der Berliner Mauer im November 1989 hatte enorme Auswirkungen auf das SchwuZ. Vor allem in den ersten Wochen überstieg der Besucheransturm aus den östlichen Bezirken unsere Vorstellungen und viele „grenzüberschreitende“ neue Kontakte und Freundschaften konnten entstehen.

 

KREUZBERG 61, HASENHEIDE 54 – PARTY

 

Ausgelöst durch eine neue Vermietungspraxis des Eigentümers folgte der nächste SchwuZ-Umzug. Nun ging es zum Mehringdamm 61, in dessen Kellergeschoss am 18. Februar 1995 die Eröffnung gefeiert wurde. Kurz darauf wurde der SchwuZ e.V. als neuer Trägerverein gegründet. Zunehmend entwickelten sich neben den Kulturveranstaltungen im SchwuZ eigene Partyreihen. Darüber hinaus begannen die ersten Vermietungen an Fremdveranstalter, denn in den 90er Jahren erlebte das schwule Partyleben Berlins einen Boom an neuen Partyreihen.

Einige davon begannen im SchwuZ. Hier hatte der legendäre „Club 69“ von Doris Disse seine Wurzeln, die „Houseboys“ von Ken Mattel feierten hier genau wie Frank Jaspermöllers „Cockerkeller“ (später „Cockerparty“) Premiere. Nach einer Begehung mit der Kreuzberger Bauaufsicht entschieden wir uns im Mai 1998 für eine längere Schließung, um baulich notwendige Änderungen umzusetzen. Unter anderem waren die bestehenden Notausgänge umzubauen und die Lüftungsanlagen anzupassen. Die Bauarbeiten erfolgten überwiegend auf ehrenamtlicher Basis mit weit über 6000 unentgeltlichen Arbeitsstunden. Gleichzeitig beschloss der Verein eine umfassende Strukturreform.

Der Drang zur Professionalisierung im Veranstaltungsbereich, aber auch der Wunsch, weiterhin als offene Kommunikationsstätte und Treffpunkt zu fungieren, löste kontroverse Diskussionen aus. Letztendlich entschieden sich die Mitglieder für die Variante, eine Balance zwischen einem kommerziellem Veranstaltungsraum (dem SchwuZ als „Club“) und einem offenen Projekt ohne wirtschaftlichen Druck einzuführen. Diese Reform ermöglichte, die Räume auch weiterhin interessierten Gruppen, Projekten und Künstler_innen für Sitzungen, Treffen und Proben anzubieten.

So übten dort beispielsweise wöchentlich die „Schwulen Bläser“ und die „Salsa-Gruppe“ vom schwul-lesbischen Sportverein „Vorspiel e.V.“. Zum CSD 1999 wurde das SchwuZ am 26. Juni wiedereröffnet. Gleichzeitig wurden einige feste Stellen zur Sicherung des laufenden Betriebes geschaffen und von nun an auch das Abendpersonal weitgehend entlohnt. Eine zweite, umfassendere Strukturdebatte führte 2011 zur heutigen Organisationsform mit weitgehend selbstverantwortlich arbeitenden Teams.

 

NEUKÖLLN, ROLLBERGSTRASSE 26 – VERANSTALTUNGSORT

 

Seit dem 16. November 2013 befindet sich das SchwuZ in der Rollbergstr. 26 in Berlin-Neukölln. Natürlich war das keine leichte Entscheidung, aber es gab etliche Gründe für den Umzug. Über die Jahre suchten immer mehr Besucher_innen unsere Kellerräume in Kreuzberg auf und wir kamen an die Grenzen des räumlich und organisatorisch Machbaren. Außerdem gab es vermehrt Einschränkungen aufgrund überraschend auftretender baulicher Mängel und Probleme mit dem Durchgangsrecht durch das nicht vom SchwuZ betriebene vorgelagerte Café.

Den Umzug nach Neukölln sehen wir als politischen Auftrag und eigenen Anspruch, unterschiedliches kulturelles Leben miteinander zu verbinden und Teil dieses sich rasant entwickelnden Kiezes zu werden. Wir freuen uns über das Umfeld und die neue Nachbarschaft, denn das Gewerbeareal wird in den kommenden Jahren zu einem wichtigen Kulturstandort Neuköllns erweitert.

Der Standortwechsel in die ehemaligen Kindl-Brauereiräume bringt enorme Chancen. Größere Veranstaltungsflächen bieten neben dem Partybetrieb auch Platz für weitere Aktivitäten wie Konzerte, Ausstellungen und Diskussionsforen. Neue Impulse und Kooperationen bereichern nun das SchwuZ- Programm. Seit kurzem gibt es aufwändige Konzerte mit bekannten Bands. Dies wurde möglich durch Kooperationen mit ARTE/Kobalt Film („Berlin Live“) sowie Agenturen wie Melt! und anderen Veranstaltern.

Ein verlässlicher Wohlfühlfaktor für unsere Gäste sind die regelmäßigen Themenpartys. Mit Veranstaltungen verschiedener musikalischer Stilrichtungen von Pop und Retro bis hin zu Elektro und Rock ist fast jede Sparte mit einer eigenen Veranstaltung im SchwuZ vertreten. Und so finden auch unterschiedliche Besucher_innen den Weg an den Rollberg. Neben hauseigenen Partys bieten wir auch weiterhin Fremdveranstaltern unsere Räume an. Ein Beispiel ist die Party
„L-Tunes“, von MegaDyke Productions vorwiegend für Lesben und Queer People arrangiert.

 

Quelle: SchwuZ

 

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