THE WORLD TO COME | THE WORLD TO COME – Director’s Note

THE WORLD TO COME – Director’s Note

Tilman Hecker (Regisseur) und Dominikus Müller (Dramaturg)

»Practices of storytelling matter«, sagt die Anthropologin Marilyn Strathern: Techniken, Praktiken des Geschichtenerzählens zählen. Sie haben Substanz. Und zwar, weil sie »Welt machen«, weil sie ganz buchstäblich bestimmen, wie wir die Welt sehen und auch hören, wie wir sie entschlüsseln und lesen. Und wie wir daraufhin handeln.

 

Eine solche Geschichte, ein solcher Text der Welterfassung und Weltgestaltung ist die christliche Heilserzählung – auch da, wo man sie in der säkularen Gegenwart vermeintlich hinter sich gelassen hat. Diese Erzählung gehorcht einem bestimmten narrativen Bogen mit einer konkreten Zukunftserwartung. Am Ende der Welt stehen die Schrecken der Apokalypse, die Wiederkehr Christi, der Himmel. Oder die Hölle. Es ist ein Regime, das trennt, teilt, urteilt.

 

Beethoven hat sich für die »Missa solemnis« intensiv mit der christlichen Liturgie und ihrem kanonischen, über Jahrhunderte tradierten und verfestigten Text auseinandergesetzt, hat ihn vertont und musikalisch interpretiert, darin auch editiert. Dieser Text und seine Botschaft stehen im Vordergrund. Daher fehlen in der »Missa solemnis« die für Beethoven ansonsten so typischen Entwicklungen aus einer thematischen Zelle. Stattdessen tauchen fortlaufend neue Motive auf, die selten im Ohr hängenbleiben.

 

Die Konzertinstallation THE WORLD TO COME nimmt ihren Ausgang von Beethovens »Missa solemnis«. Konkret bezieht sich der Titel auf die gewaltige Fuge, die Beethoven über die vier lateinischen Worte »Et vitam venturi saeculi« geschrieben hat – das Leben der zukünftigen Welt. Kein Komponist vor oder nach Beethoven hat auf diese Worte eine derartig komplexe, ausführliche und hochdramatische Fuge komponiert – völlig anders als noch in seiner »CDur-Messe«, ganz anders als vielleicht die Engelsstimme in Haydns »Nelson-Messe« oder die fast flüchtig anmutende Vertonung in Bachs »h-Moll Messe«, entsprechend mit völlig anderer Aussage. Wir nehmen diesen Höhepunkt der Polyphonie als Inspiration, eine neue, erweiterte Polyphonie vorzuschlagen, bei der man sich ebenso wie bei Beethoven der eigenen Stimme bewusst und sicher sein, dabei aber gleichzeitig auf alle anderen Stimmen hören muss.

 

Für diese Installation haben wir fünf Künstler*innen aus verschiedenen musikalischen Traditionen eingeladen, sich mit der »Missa solemnis« auseinanderzusetzen: Birke J. Bertelsmeier, Colin Self, Mohammad Reza Mortazavi, Moor Mother und Planningtorock. Gewissermaßen wie ein Fadenspiel – frei nach Donna Haraway, bei der von »sf« die Rede ist: String Figures (Fadenspiele), Science-Fiction, spekulativer Feminismus – haben wir unseren Gästen diesen Text und seine Botschaft sowie die Auslegung durch Beethoven in die Hand gelegt.

 

Es war uns wichtig, dass die Einladung offen erfolgt – und im Verlauf der Arbeit offengehalten wird. Denn wir sind überzeugt davon, dass sich die kommende Welt nicht in einer ausgestalteten Vision findet, einer in die Zukunft projizierten Szene, für die man dann nur noch bestimmte Rollen besetzen muss. Zukunft ist eine politische Kategorie der Gegenwart, insofern sie – hier und jetzt und unter den aktuellen Bedingungen – verhandelt werden muss. Und dabei wird oft genug klar, dass wir nur selten von der gleichen Zukunft sprechen. Das fortwährende Gespräch, das gegenseitige Studium, das Zuhören, das Bewusstsein um die eigene Stimme bei gleichzeitiger Toleranz für andere Meinungen und eine Sensibilität für andere Geschichten sind also zentral. Die Gegenwart ist durch und durch polyphon. Man muss sie nur zulassen.

 

Es geht bei THE WORLD TO COME darum, verschiedene musikalische Stimmen und Traditionen zusammenzubringen, die sich mischen können, die – wo nötig – aber auch gleichberechtigt im Widerspruch nebeneinanderstehen und mitunter Machtgefüge und Hierarchien aufzeigen. Ebenso sehr sollen sich verschiedene Öffentlichkeiten mit unterschiedlichen Hörgewohnheiten und Sensibilitäten mischen. Am Ende entsteht die kommende Welt in diesem Aufeinandertreffen vieler Welten; darin, dass man um Schwierigkeiten keinen Bogen macht; darin, dass man »die Welt« in ihrer radikalen Diesseitigkeit »kommen lässt« – und Geschichte(n) anders erzählt. Am Anfang, heißt es bei D.H. Lawrence, war eben kein Wort, sondern ein Zwitschern.

 

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