• Jonathan Dove
      »The Passing of the Year« für Doppelchor und Klavier
      für Doppelchor und Klavier
    • Johannes Brahms
      »O schöne Nacht« op. 92 Nr. 1
      für Chor und Klavier
    • Claude Debussy
      »Images«
      Auszüge aus dem 1. und 2. Buch für Klavier solo
    • Robert Heppener
      »Nachklänge«
      für vier Chöre a cappella
    • Johannes Brahms
      »Sehnsucht« op. 112a Nr. 1
      für Chor und Klavier
    • John Dowland
      »Flow, my Tears«
      für Gesang und Laute
    • TingAn Ying Tanz
    • Karline Klemm Kinderstimme
    • David Pallant Tanz
    • Markus Syperek Klavier
    • Barbara Berg Sopran
    • Vanessa Heinisch Laute
    • Rundfunkchor Berlin
    • Gijs Leenaars Dirigent
    • Shang-Chi Sun Choreographie
    • Nick & Clemens Prokop (TYE Shows) Mediale Inszenierung
    • Lukas Spielmann

»Time Travellers« 2022

Eine Zeitreise

»Time Travellers« – eine Zeitreise

 

Konzert-Performance am 2. & 3. Juli in der Schinkelhalle Potsdam: Kommen Sie mit uns auf eine Zeitreise: Unser transdisziplinäres Projekt »Time Travellers« erzählt in Musik, Bild und Tanz vom Werden und Vergehen der Dinge und des Lebens.

Am Anfang dieser Zeitreise steht ein Mensch, der zurückschaut auf sein Leben, auf all die Umwege und Abzweigungen, die kleinen Kämpfe, großen Schlachten und Freuden, die dieser Weg mit sich gebracht hat. Mit ungestilltem Lebenshunger ruft er: »O Earth, return!« Könnte man das Leben doch noch einmal beginnen!

Musikalisch liefert »The Passing of the Year« des britischen Komponisten Jonathan Dove das Rückgrat des Abends. Neben diesem Liederzyklus für zwei Chöre und Klavier aus dem Jahr 2000 werden Stücke von Johannes Brahms, Claude Debussy, John Dowland und Robert Heppener erklingen. Musik, Projektionen und choreografische Elemente laden zu einer Zeitreise in die Schinkelhalle ein. Und erzählen darin in Bild, Klang und Bewegung vom Werden und Vergehen der Dinge und des Lebens.

Erleben Sie den Rundfunkchor Berlin in einer medialen Inszenierung von Nick und Clemens Prokop sowie dem Choreografen Shang-Chi Sun und unter der musikalischen Leitung von Chefdirigent Gijs Leenaars.

 

Zum Konzert mit dem Schiff nach Potsdam – eine Zeitreise mit Jens Bisky

 

Genießen Sie Ihre Fahrt nach Potsdam auf dem Seminarschiff. Ergänzend zu den Aufführungen in der Schinkelhalle laden wir zu einer Zeitreise ganz anderer Art ein: einer Schifffahrt, die das Herz der Metropole Berlins über verzweigte Wasserwege mit der ehemaligen preußischen Residenzstadt Potsdam verbindet. Begleitet werden Sie auf dieser gut vierstündigen Reise durch Geschichte und Gegenwart von einem wahren Experten in Sachen Berlin: Jens Bisky. Der ehemalige leitende Redakteur des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung hat 2019 mit seinem annähernd tausend Seiten starken Band »Berlin – Biographie einer großen Stadt« (Rowohlt Berlin) ein umfassendes neues Standardwerk zur Geschichte der deutschen Hauptstadt vorgelegt.

 

In entspannter, angenehmer Atmosphäre wird Jens Bisky Ihnen über eine Stadt erzählen, die in die Zukunft strebt, in der die Geschichte an den Ufern der Spree so außergewöhnlich präsent ist. Lauschen Sie ihm, ausgestattet mit Kopfhörern, zu Themen wie: Berlin und seine Gewässer, Verdrängung der Industrie an der Spree, Geschichte des Schlosses Charlottenburg und seiner preußischen Herrscher. Er spricht auch über die große Raupe Nimmersatt – über die Eingemeindung zu Groß-Berlin – und über das, was die Städte Berlin und Brandenburg verbindet.

Genießen Sie seine Geschichten in chilliger Atmosphäre, ob auf oder unter Deck, und lassen Sie sich kulinarisch verwöhnen von den Angeboten des Seminarschiffs. (seminarschiff.com)

Auf Sie wartet ein unvergesslicher und inspirierender Tag voller kultureller Eindrücke und Genüsse!

 

2. & 3. Juli »Time Travellers« – Konzert mit Schiffsreise

  • 2. Juli: 13:00 Uhr Abfahrt mit dem Schiff ab Berlin Bellevue/Hotel Abion / 18:00 Uhr Konzert / 20:15 Uhr Rückfahrt mit dem Bus.
  • 3. Juli: 13:45 Uhr Fahrt mit dem Bus nach Potsdam / 15:00 Uhr Konzert / 17:00 Uhr Rückfahrt mit dem Schiff nach Berlin Bellevue/Hotel Abion.

 

Beide Angebote sind auch unabhängig voneinander buchbar.

 

 

 

 

 

Konzerteinführung
Jeweils 30  Minuten vor den Veranstaltungen am 2. und 3. Juli nehmen Hans-Hermann Rehberg und Clemens Prokop Sie im Hof vor der Schinkelhalle mit auf die Reise:
02. Juli 2022, 17:30 Uhr
03. Juli 2022, 14:30 Uhr

Tickets

  • Sa 2. Jul

    Schinkelhalle Potsdam
    18 Uhr
    Potsdam

    Leider verpasst

  • So 3. Jul

    Schinkelhalle Potsdam
    15 Uhr
    Potsdam

    Leider verpasst

  • Achtung: Das Konzert am 01.07.2022 wurde auf den 02.- und 03.07.2022 verlegt!

  • Schifffahrt mit Jens Bisky 02. Juli

    13:00 Uhr Abfahrt mit dem Schiff ab Berlin Bellevue/Hotel Abion
    18:00 Uhr Konzert
    20:15 Uhr Rückfahrt mit dem Bus

    Jetzt für 79€ buchen!
  • Schifffahrt mit Jens Bisky 03. Juli

    13:45 Uhr Fahrt mit dem Bus nach Potsdam
    15:00 Uhr Konzert
    17:00 Uhr Rückfahrt mit dem Schiff nach Berlin Bellevue/Hotel Abion

    Jetzt für 79€ buchen!

Programmdetails

Programm

Jonathan Dove

»The Passing of the Year«
I. Invocation

O Earth, o earth, return.

Jonathan Dove

»The Passing of the Year«
II: The narrow bud opens her beauties to the sun

The narrow bud opens her beauties to
The sun, and love runs in her thrilling veins;
Blossoms hang round the brows of morning, and
Flourish down the bright cheek of modest eve,
Till clust’ring Summer breaks forth into singing,
And feather’d clouds strew flowers round her head.
The spirits of the air live on the smells
Of fruit; and joy, with pinions light, roves round
The gardens, or sits singing in the trees.
Summer is icumen in
Lhude sing cuccu

Johannes Brahms

»O schöne Nacht« (Nr. 1)
aus: Vier Quartette op. 92

O schöne Nacht!
Am Himmel märchenhaft erglänzt der Mond in seiner ganzen Pracht;
Um ihn der kleinen Sterne liebliche Genossenschaft.
O schöne Nacht!
Es schimmert hell der Tau am grünen Halm;
Mit Macht im Fliederbusche schlägt die Nachtigall.
Der Knabe schleicht zu seiner Liebsten sacht.
O schöne Nacht!

Jonathan Dove

»The Passing of the Year«
III. Answer July

Answer July —
Where is the Bee —
Where is the Blush —
Where is the Hay?
 
Ah, said July —
Where is the Seed —
Where is the Bud —
Where is the May —
Answer Thee — Me —
 
Nay — said the May —
Show me the Snow —
Show me the Bells —
Show me the Jay!
 
Quibbled the Jay —
Where be the Maize —
Where be the Haze —
Where be the Bur?
Here — said the Year —

Claude Debussy

»Images«
für Klavier solo: Buch 1, L. 110

III. Satz 

Jonathan Dove

»The Passing of the Year«
IV. Hot sun, cool fire

Hot sun, cool fire, tempered with sweet air,
Black shade, fair nurse, shadow my white hair.
Shine, sun; burn, fire; breathe, air, and ease me;
Black shade, fair nurse, shroud me and please me.
Shadow, my sweet nurse, keep me from burning;
Make not my glad cause cause of mourning.
Let not my beauty’s fire
Inflame unstaid desire,
Nor pierce any bright eye
That wandereth lightly.

Robert Heppener

»Nachklänge«
Erster Teil

Jonathan Dove

»The Passing of the Year«
V. Ah, Sun-flower!

Ah Sun-flower! weary of time,
Who countest the steps of the Sun:
Seeking after that sweet golden clime
Where the travellers journey is done.
 
Where the Youth pined away with desire,
And the pale Virgin shrouded in snow:
Arise from their graves and aspire,
Where my Sun-flower wishes to go.

Johannes Brahms

»Sehnsucht« (Nr. 1)

aus: Sechs Quartette op. 112

Es rinnen die Wasser Tag und Nacht, deine Sehnsucht wacht.
Du gedenkest der vergangenen Zeit, die liegt so weit.
Du siehst hinaus in den Morgenschein und bist allein.
Es rinnen die Wasser Tag und Nacht, deine Sehnsucht wacht.

John Dowland

»Flow, my Tears«

Flow, my tears, fall from your springs!
Exiled for ever, let me mourn;
Where night's black bird her sad infamy sings,
There let me live forlorn.
 
Down vain lights, shine you no more!
No nights are dark enough for those
That in despair their lost fortunes deplore.
Light doth but shame disclose.
 
Never may my woes be relieved,
Since pity is fled;
And tears and sighs and groans my weary days
Of all joys have deprived.
 
From the highest spire of contentment
My fortune is thrown;
And fear and grief and pain for my deserts
Are my hopes, since hope is gone.
 
Hark! You shadows that in darkness dwell,
Learn to contemn light
Happy, happy they that in hell
Feel not the world's despite.

Jonathan Dove

»The Passing of the Year«
VI. Adieu! Farewell earth’s bliss!

Adieu, farewell, earth’s bliss;
This world uncertain is;
Fond are life’s lustful joys;
Death proves them all but toys;
None from his darts can fly;
I am sick, I must die.
Lord, have mercy on us!
 
Rich men, trust not in wealth,
Gold cannot buy you health;
Physic himself must fade.
All things to end are made,
The plague full swift goes by;
I am sick, I must die.
Lord, have mercy on us!
 
Beauty is but a flower
Which wrinkles will devour;
Brightness falls from the air;
Queens have died young and fair;
Dust hath closed Helen’s eye.
I am sick, I must die.
Lord, have mercy on us!
 
Strength stoops unto the grave,
Worms feed on Hector’s brave;
Swords may not fight with fate,
Earth still holds ope her gate.
„Come, come!” the bells do cry.
I am sick, I must die.
Lord, have mercy on us.
 
Wit with his wantonness
Tasteth death’s bitterness;
Hell’s executioner
Hath no ears for to hear
What vain art can reply.
I am sick, I must die.
Lord, have mercy on us.
 
Haste, therefore, each degree,
To welcome destiny;
Heaven is our heritage,
Earth but a player’s stage;
Mount we unto the sky.
I am sick, I must die.
Lord, have mercy on us.

Robert Heppener

»Nachklänge«
Zweiter Teil

Claude Debussy

»Images«
für Klavier solo: Buch 2, L.111


II. Satz

Jonathan Dove

»The Passing of the Year«
VII. Ring out, wild bells

Ring out, wild bells, to the wild sky,
The flying cloud, the frosty light:
The year is dying in the night;
Ring out, wild bells, and let him die.
Ring out the old, ring in the new,
Ring, happy bells, across the snow:
The year is going, let him go;
Ring out the false, ring in the true.
Ring out the grief that saps the mind
For those that here we see no more;
Ring out the feud of rich and poor,
Ring in redress to all mankind.
Ring out a slowly dying cause,
And ancient forms of party strife;
Ring in the nobler modes of life,
With sweeter manners, purer laws.
Ring out the want, the care, the sin,
The faithless coldness of the times;
Ring out, ring out my mournful rhymes
But ring the fuller minstrel in.
Ring out false pride in place and blood,
The civic slander and the spite;
Ring in the love of truth and right,
Ring in the common love of good.
Ring out old shapes of foul disease;
Ring out the narrowing lust of gold;
Ring out the thousand wars of old,
Ring in the thousand years of peace.
Ring in the valiant man and free,
The larger heart, the kindlier hand;
Ring out the darkness of the land,
Ring in the Christ that is to be.

Trailer

Essay »Auf den Spuren der Zeit«

von Elisabeth Kühne

 

Manchmal scheint sie zu rennen, manchmal stehen zu bleiben – und doch können wir sie nicht festhalten, weder beschleunigen noch zurückdrehen: Kaum ein Wesen, kaum ein Zustand wirkt auf uns rätselhafter und mythischer als die Zeit. Seit Anbeginn der Menschheit versuchten die großen Denker und Dichter sie zu fassen. Von Heraklit über Isaac Newton bis hin zu Martin Heidegger sind uns die verschiedensten Vorstellungen von der Zeit überliefert, und so könnte man den Eindruck gewinnen, es gäbe mehr als eine Zeitdimension. Tatsächlich kannten schon die alten Griechen zwei Arten von Zeit, nannten die menschengemachte »Chronos« und unterschieden sie von der natürlichen Zeit. Denn während der Wandel der Tages- und Jahreszeiten, der Natur und des Lebens zyklisch verläuft, ist die messbare Zeit des »Chronos«, unserer Uhren und Kalender, linear und führt uns in eine unbekannte Zukunft. Bei allen Ideen zur Zeit steht jedoch eines fest: Wir Menschen sind Zeitreisende, bewegen uns fließend zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wir schauen zurück auf unser bisheriges Leben mit all seinen Freuden und Leiden, seinen gewundenen Pfaden und Abzweigungen, wir geben uns dem Augenblick hin, möchten ihm mit Goethe sagen: »Verweile doch! Du bist so schön!«, und blicken zugleich einer ungewissen Zukunft entgegen, mal hoffnungsvoll, mal angsterfüllt.

 

Mit seinem interdisziplinären Projekt »Time Travellers« begibt sich der Rundfunkchor Berlin auf ebenjene menschliche Zeitreise, die unser aller Leben prägt. Im musikalischen Zentrum des Abends steht der Liedzyklus »The Passing of the Year« des britischen Komponisten Jonathan Dove. Als eine der profiliertesten Stimmen der zeitgenössischen Musik schuf Dove neben zahlreichen Opern und Instrumentalkompositionen auch einige liturgische sowie weltliche Chorwerke voller Charisma und Intensität. Der vom London Symphony Chorus im Jahr 2000 in Auftrag gegebene und seiner früh verstorbenen Mutter gewidmete Liedzyklus »The Passing of the Year« für zwei Chöre und Klavier kreist vordergründig um das Werden und Vergehen der Jahreszeiten. In sieben Sätzen über Gedichte von William Blake, Emily Dickinson, George Peele, Thomas Nashe und Alfred Lord Tennyson beschreibt Dove den Jahreslauf vom Aufblühen des Frühlings und der sich belebenden Natur über die triumphale Ankunft des Sommers mit all seiner Schönheit und schwülen Hitze bis hin zum herbstlichen Gefühl der Sterblichkeit und schließlich zur winterlichen Silvesternacht, in der das neue Jahr eingeläutet wird. Beim genaueren Hinhören offenbart sich jedoch rasch eine zweite, tiefere Ebene der Komposition: Nicht nur der Wandel der Jahreszeiten wird hier besungen, es ist das Leben selbst in all seinen Facetten, mit seinen allumfassenden Erfahrungen von Liebe und Lust, von Trauer und Tod, das hier verhandelt wird.

 

So beginnt der Zyklus auch mit der »Invocation« über William Blakes Vers »O Earth, return!« (»Oh Erde, kehre zurück!«), einer Beschwörung der Natur und des Lebens, auf deren Erwachen sehnsüchtig gewartet wird. Der pulsierende Klavierpart, der das Stück eröffnet, und die polyrhythmisch oszillierenden Chorstimmen geben einen Eindruck jener inneren Vorgänge der Erde, die den Frühling entfesseln, eine »Idee von keimenden Samen unter der Oberfläche«, wie Dove es selbst beschrieb, »von etwas, das mit dem Leben schwanger ist, das noch nicht freigesetzt wurde«. Im zweiten Satz scheint der Ruf an die Erde erhört worden zu sein: »The Narrow Bud Opens Her Beauties to the Sun« (»Die zarte Knospe eröffnet ihre Schönheit der Sonne«) feiert die Wiedergeburt des blühenden Frühlings und des nahenden Sommers, der Jugend und der Liebe. Dabei verwebt Dove nicht nur die Jahreszeiten miteinander, sondern auch geschickt die Verse aus William Blakes Gedicht »To Autumn«, angelegt als responsorischen Wechselgesang zwischen Solist und Chor, mit dem mittelalterlichen Kanon »Sumer is Icumen in« (»Der Sommer ist gekommen«) und erschafft so eine Art Quodlibet. An dieser Stelle wird Doves Liedzyklus erstmals aufgebrochen: Quasi als Gegenstück zum lichtdurchfluteten zweiten Satz erklingt Johannes Brahmsʼ vierstimmiger Chor »O schöne Nacht«. Schon die ersten Takte der Klavierbegleitung erschaffen eine lyrische Szenerie, in der die hohen Töne wie Sterne am Nachthimmel funkeln. Mondbeschienen und vom Gesang der Nachtigall begleitet, die trillernd im Klavierpart schlägt, komponierte Brahms 1889 als Auftakt seiner Quartette op. 92 ein nächtliches Liebesabenteuer. Der dritte Satz aus »The Passing of the Year« vertont Emily Dickinsons Gedicht »Answer July« (»Gib Antwort, Juli«). Im raschen Wechselgesang der Stimmen entspinnt sich darin ein lebhaftes Frage-Antwort-Spiel zwischen den Jahreszeiten, das deren zyklische Verbundenheit im Kreislauf allen Lebens betont. Als eine Art flirrendes Echo dazu folgt darauf der dritte Satz »Mouvement« aus Claude Debussys erstem Band seiner impressionistisch gefärbten »Images«. Wie ein wogender Organismus baut sich das virtuose Klavierstück aus einem energetischen, wirbelnden Ostinato auf. Ganz seinem Titel entsprechend werden hier unterschiedliche Bewegungsvorgänge musikalisch in Szene gesetzt. Schnelle Triolen umkreisen wie in einem Perpetuum mobile offene Quinten und bringen ein prägnantes Glockenmotiv hervor. Nach einer dramatischen Steigerung kehrt schließlich das sich immer stärker in die Höhe schraubende Ausgangsthema wieder, welches nach und nach verklingt – die überbordende Bewegungsenergie kommt langsam zum Stillstand. Vibrierende Reglosigkeit prägt dann auch Doves »Hot Sun, Cool Fire« (»Heiße Sonne, kühles Feuer«), das mit den Versen George Peeles ein sommerlich-erotisches Szenario zwischen einer Frau und ihrem voyeuristischen Verehrer zeichnet. Schon die Tempobezeichnung »Languorous«, das schimmernde Tremolo des Klaviers und die spannungsgeladene Sekundreibung zwischen den Frauenstimmen skizzieren die brütende Hitze des Sommers und das glühend-fiebrige Begehren des Beobachters. Mit dem ersten Teil von »Nachklänge«, einem A-cappella-Werk für vier Chöre des niederländischen Komponisten Robert Heppener aus dem Jahr 1977, wird dem Zyklus Doves erneut ein musikalisches Gegenstück zur Seite gestellt. Komponiert auf die ersten Verse aus Paul Celans Poem »Stimmen«, das 1959 in seinem Gedichtband »Sprachgitter« erschien, lotet es die Grenzen von Klang und Sprache, von Zeit und Raum aus. Die aus dem Nichts entstehenden Vokalisen scheinen zu verschwimmen, gleiten ineinander, nur unterbrochen durch konsonantische Sprachfetzen, die im Laufe der Komposition immer dichter und geräuschhafter werden. Tief ergreifend setzt Heppener so die undurchdringliche Rätselhaftigkeit der Dichtung Celans in Musik, die sich zwischen Sprechen und Schweigen, zwischen Wort und Wunde bewegt. In herbstliche Sehnsucht getaucht präsentiert sich Doves »Ah, Sun-flower« (»Ach, Sonnenblume«), komponiert auf ein Gedicht William Blakes aus seinen »Songs of Experience«. Wie sich die Sonnenblume darin täglich nach der Sonne ausrichtet, ohne sie jemals zu erreichen, ist auch das Leben geprägt von der Suche nach so manchen utopischen Sehnsuchtsorten. Aus der sanften Melodie der Tenöre und Bässe im wiegenden Dreivierteltakt entspinnt ein achtstimmiger Kanon, der schließlich in einen Doppelkanon zwischen Frauen- und Männerstimmen mündet – fast wirkt es, als würden sich Sonne und Sonnenblume in diesem zweifachen Kanon gegenseitig anziehen. »Sehnsucht« ist auch der Titel des folgenden Chores von Johannes Brahms. In melancholischem Tonfall mit expressiver Harmonik erweist sich die Komposition als nachdenkliches Stück über die Zeit, die changierend zwischen dem Gestern und dem Morgen zerrinnt. Von tiefstem Weltschmerz und höchster emotionaler Intensität ist John Dowlands Lied »Flow My Tears« (»Fließt, meine Tränen«) aus seinem »Second Booke of Songs or Ayres«. Die ursprünglich 1596 als Lautenlied komponierte Pavane wird bestimmt vom musikalischen Motiv der fallenden Träne, das auf die Eingangsworte erklingt, und gehört mit seiner verschatteten Melodik und unversöhnlichen Trauer zu den sogenannten »Songs of darkness« der Elisabethanischen Ära. Die Vergänglichkeit alles Irdischen schlägt auch die Brücke zu Doves sechstem Satz »Adieu! Farewell Earth’s Bliss« (»Adieu! Leb wohl, Glückseligkeit der Erde«), der Verse aus Thomas Nashes Theaterstück »Summer’s Last Will and Testament« aus dem Pestjahr 1592 vertont. Poetische Bilder der Endlichkeit allen Lebens und des Todes übersetzt Dove in einen bewegenden Trauermarsch, wobei die beiden Chöre alternierend zu den Strophen gebetsartig das Ostinato »Lord have mercy on us« (»Herr, erbarme dich unser«) deklamieren – der Tod ist unausweichlich, das Alte muss vergehen, bevor das Neue erblühen kann. Und so finden die vier Chöre im zweiten Teil von Robert Heppeners »Nachklänge« auch nur zaghaft neue Worte. Aus der Sprachlosigkeit des ersten Teils entspinnen sich fragmentiert die Verse Paul Celans, in fluiden Vokalisen reichen sich die verschiedenen Stimmen die Worte gegenseitig zu und treten, wie Celan dichtet, transformierend ein »in ein anderes Bild«. Geradezu entrückend wirkt auch Claude Debussys »Et la lune descend sur le temple qui fut« (»Und der Mond senkt sich über den vergangenen Tempel«) aus dem zweiten Band seiner »Images« für Klavier solo. Eingetaucht in die fernöstliche Atmosphäre einer vom bleichen Mond beschienenen Tempelruine dringt das Stück mit seiner Pentatonik ein in Welten des räumlichen und zeitlichen Fernwehs – ein fremdes Traumbild voller Ahnungen und Visionen. »Ring Out, Wild Bells« (»Läutet aus, ihr wilden Glocken«), komponiert nach einem Text von Alfred Lord Tennyson, beschließt nicht nur Doves Liederzyklus »The Passing of the Year«, sondern bildet auch das emphatisch-verheißungsvolle Finale der Zeitreise. Schließlich wird hier musikalisch inspiriert vom rhythmisch bewegten Geläut der Glocken zu Silvester nicht nur der Jahreswechsel begangen, sondern metaphorisch auch ein neues Zeitalter eingeläutet. Eine Zeit des Schmerzes und der Leiden, der Falschheit und der Gier neigt sich ihrem Ende zu, und von Neuem erstehen vor dem Angesicht der Menschheit Wahrheit, Glück und Frieden.

Gijs Leenaars über »Time Travellers«

 

Wir Menschen sind nicht mehr dieselben wie vor zwei Jahren. Die Pandemie hat uns möglicherweise alle verändert und wir suchen nach Antworten, auf welche Arten und Weisen. Auch unser Projekt »Time Travellers« hat eine Zeitenwende erfahren. Im März 2020 stand die transdisziplinäre Zeitreise vor ihrer Uraufführung, die nun pandemiebedingt erst zwei Jahre später stattfinden kann. Worum es bei »Time Travellers« geht, verrät Chefdirigent Gijs Leenaars im Wechselspiel aus Aufnahmen von 2020 und der heutigen Perspektive auf die Konzertperformance. Komm‘ mit auf deine ganz persönliche Zeitreise und erlebe »Time Travellers« mit dem Rundfunkchor Berlin: Die Konzertperformance erzählt in Musik, Bild und Tanz vom Werden und Vergehen der Dinge und des Lebens vom 1. bis 3. Juli 2022 in der Schinkelhalle Potsdam. Mit Werken von Johannes Brahms, Claude Debussy, Jonathan Dove, John Dowland und Robert Heppener hat Gijs Leenaars ein Pasticcio kreiert, für das Nick & Clemens Prokop (TYE Shows) die mediale Inszenierung entwickeln und Shang-Chi Sun choreografiert.

Clemens Prokop (TYE) über »Time Travellers«

Über Shang-Chi Sun

shang-chi-sun

Shang-Chi Sun wurde an der National Academy of Arts in Taiwan ausgebildet. Er studierte dort zeitgenössischen Tanz, traditionellen chinesischen Tanz und klassisches Ballett. Im Jahr 2001 verließ Shang-Chi Sun Taiwan und ging nach Deutschland, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln.

2008 gewann er mit der Choreographie „Dialog II“ den ersten Preis bei dem 12. Internationalen Solo Tanztheater Festival in Stuttgart. Im gleichen Jahr wurde das Stück bei Maison de la danse in Lyon (Frankreich) aufgeführt.

Im Jahr 2010 absolvierte Sun den Musterstudiengang Choreography an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch (Universität der Künste, Berlin).

Seitdem schuf Sun eine Vielzahl von Arbeiten, die in Europa, Asien und Amerika aufgeführt wurden, z.B. in der Akademie der Künste Berlin, dem Bröhan Museum Berlin, dem Museum für Fotografie Berlin, dem Neues Museum Nürnberg, dem Taipei Fine Arts Museum Taiwan, bei Sasha Waltz & Guests, Cloud Gate Dance Theatre 2 (Taiwan), der Transitions Company London, dem Staatstheater Osnabrück und dem Staatstheater Kiel.

Unter anderem fanden Aufführungen an folgenden Häusern/Festivals statt: Philharmonie Köln, Tanz im August Berlin, Konzerthaus Berlin, Festival d’Avignon France, International Taipei Arts Festival, Shizuoka Arts Festival Japan, Cité de la Musique (Paris), Taiwan International Festival of Arts, International Dance Festival Tel Aviv, Hong Kong Arts Festival und Leverkusen Bayer Kultur, Festival Danca En Transito Rio de Janeiro, 16th Contemporary Dance East Asia in New York.

2020 hat Shang Chi eine Performance Ausstellung für das Bauhaus Museum Weimar und Kunstfest Weimar kreiert.

 

Über TYE

Wirkung aus Inhalt, damit lassen sich die Arbeiten der beiden Brüder Nick & Clemens Prokop am besten zusammenfassen. Für ihre medialen Konzertinszenierungen verbinden sie komplexe Technologie mit der Ausdruckskraft menschlicher Körper – bis hin zum Einsatz von Stunt Performern. Damit erfinden und gestalten sie Räume aus Licht und Klang, interaktive Bühnen und Konzertereignisse, die immer auf ein Ziel hin ausgerichtet sind: nämlich eine veränderte Wahrnehmung von Musik zu ermöglichen.

Nick & Clemens Prokop wurden im bayerischen Rosenheim in eine Künstlerfamilie geboren. Schon als Jugendliche improvisierten sie gemeinsam am Klavier und experimentierten mit dem heimischen Super-8-Projektor. Nick Prokop wurde musikalisch am Salzburger Mozarteum, der Düsseldorfer Robert-Schumann Hochschule sowie dem Institut für Musik und Medien ausgebildet, bevor er selbst eine Karriere als Musikproduzent begann. Clemens Prokop studierte in München Musikwissenschaft und mischte sich lustvoll als Opernkritiker für Süddeutsche Zeitung, Opernwelt und andere ein. Als Autor („Mozart, der Spieler“) ist er vor allem dem Bärenreiter Verlag verbunden.

Die Musik als verbindende Basis und die unterschiedlichen Erfahrungen führte die Brüder zu gemeinsamen Projekten, u.a. für das Bayerische Fernsehen, die Hamburgische Staatsoper, mit den Wiener Philharmonikern für das Haus der Musik, Verbier Festival oder Pacific Symphony. Nick & Clemens Prokops Arbeiten sind ungewöhnliche Projekte für besondere Anlässe und Räume. Für die Kasseler Musiktage erfanden sie „Pandemische Konzertbegehungen“ in der documenta-Halle. Für Kent Nagano gingen sie in ein Planetarium und ein Automobil-Presswerk. Für das Tollwood-Festival an den Olympiaberg. Ihre Zusammenarbeit mit Omer Meir Wellber an Verdis „Vêpres Siciliennes“ für die Bayerische Staatsoper war in mehrfacher Hinsicht bahnbrechend. „Interferenzen“ genannte elektronische Eingriffe und Veränderungen sind seitdem Markenzeichen und wichtiges Ausdrucksmittel.

Zunehmende Bedeutung in den Arbeiten bekam die stete Frage nach der sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung von Musik. Insofern sind Nick & Clemens Prokops Inszenierungen weder Dekoration noch Selbstzweck. Sondern machen einen kreativen Prozess sichtbar, an dem von der Ideenentwicklung bis zur Umsetzung viele Menschen beteiligt sind. Für diesen kollaborativen Prozess haben Nick & Clemens Prokop 2020 in Düsseldorf das „TYE Baumhaus“ geschaffen – als ein Kraft-Ort für künstlerische Begegnungen und die spielerische Arbeit an neuen Projekten.

Location

Schinkelhalle Potsdam

Eines der geschichtsträchtigsten und zweifelsohne attraktivsten Gebäude an der Schiffbauergasse ist die „Schinkelhalle“. Sie wurde 1823 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaut und gehört somit zu den ältesten Gebäuden auf dem Gelände. Früher war sie Teil der ursprünglich H-förmigen Reitstallanlage, die ab 1822 auf dem Garnisonsholzhof errichtet wurde. Nach einer bewegten Geschichte und verschiedensten Nutzungen steht die Halle heute unter Denkmalschutz.

Schinkelhalle Potsdam
Schiffbauergasse 4a
14467 Potsdam
Deutschland

Projekt

»Time Travellers«: was ist das eigentlich?

Wir Menschen sind Zeitreisende. Die Welt um uns herum, aber auch wir selbst verändern uns. Unser nächstes transdisziplinäres Projekt unternimmt eine solche Reise: Filme und Bilder, Performance und Musik erzählen vom Werden und Vergehen der Dinge des Lebens.

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