Auf ein Wort mit …

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Simon Halsey

Simon Halsey war von 2001 bis 2015 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunkchores Berlin. Mit Ende seiner Amtszeit wurde er zum Ehrendirigenten des Chores ernannt und bleibt dem Ensemble als regelmäßiger Gastdirigent verbunden. Im Interview spricht er über das kommende Mitsingkonzert on Tour in Barcelona.

Lieber Simon, du hast 2003 das erste Mitsingkonzert des Rundfunkchores Berlin dirigiert. Warum ist dir dieses Projekt heute immer noch so wichtig?

Als wir damals mit den Mitsingkonzerten angefangen haben, war der Rundfunkchor Berlin ein großartiger Profichor. Aber uns hat etwas gefehlt. Wir haben gedacht: Dieser Chor braucht mehr Kontakt zur Stadt, muss sich stärker in Berlin verwurzeln. So viele Menschen auf der ganzen Welt singen gerne – und sei es nur unter der Dusche. Da darf sich ein Profichor nicht isolieren. Wir brauchen eine Verbindung zur Welt! Als wir dann im Haus des Rundfunks mit 500 Leuten angefangen haben, wussten wir noch nicht so recht, was auf uns zukommt, aber im Endeffekt hat es allen Spaß gemacht. Und für uns wurde klar: Wir können uns eine musikalische Familie bauen. Dann sind wir in die Philharmonie gezogen und haben festgestellt, dass das musikalische Niveau hervorragend ist. Mittlerweile sind die MitsängerInnen total gut vorbereitet und die Qualität wird immer besser. Das ist inzwischen auch anders als bei den britischen Singalong-Konzerten. Da haben alle viel Spaß, aber ehrlich gesagt ist das Niveau nicht immer berauschend. Dadurch werden die Konzerte auch musikalisch interessant und wir sind sichtbarer in unserer Community geworden. Junge Leute kommen dazu, Nachwuchsdirigenten schauen sich die Proben an. Das ist schön zu sehen.

Was ist mit den Leuten, die gerne singen, aber sich vielleicht immer noch nicht trauen, weil sie denken: »Verdi-Requiem«, das kann ich doch gar nicht?

Wir haben schon immer versucht, auch diese Leute zu erreichen. Ich sage ihnen: Du singst gerne unter der Dusche? Komm und sing mit 1000 Leuten, die auch gerne unter der Dusche singen. In einem Amateurchor können sich so viele soziale Beziehungen entwickeln. Gerade für Leute, die sich vielleicht alleine fühlen, ist das ein wichtiger Aspekt. Und selbstverständlich muss auch ein Profichor Teil davon sein! Natürlich singen im Chor 65 fantastische Musiker, aber das ist nicht alles – wir sind auch ein Teil Berlins, Deutschlands und Europas.

In Europa hat sich die politische Atmosphäre in den letzten Jahren spürbar verändert. Wirkt sich das auch auf die Mitsingkonzerte aus?

Absolut! Ich persönlich hätte nie erwartet, dass ich mal über einen deutschen Pass nachdenken würde. Ich dachte immer: Warum? Ich bin als Engländer doch Teil der Europäischen Union. Ich habe allen meinen Studenten, die ich im Dirigieren unterrichte, immer schon empfohlen, dass sie ein Auslandsjahr machen, eine andere Sprache lernen, mit anderen Menschen zusammenkommen. Das ist noch wichtiger geworden. Und auch die Mitsingkonzerte können etwas bewirken. Da sind auf einmal 1000 Leute in Barcelona, die feststellen, dass sie wahnsinnig viele Gemeinsamkeiten haben.

Wie unterscheidet sich für dich als Dirigent die Arbeit mit einem Profichor von den Mitsingkonzerten?

Generell ist das Ziel immer das gleiche: einen möglichst guten Job zu machen. Bei einer Probe geht es um Arbeit, Enthusiasmus und Information, das gilt für Profis wie für Laien. Und das Ziel ist, zusammen zu musizieren. Laien profitieren natürlich enorm davon, quasi zwei Tage wie Profis zu arbeiten. Aber der Chor zieht auch extrem viel aus dieser Erfahrung. Das Repertoire spielt dabei eine große Rolle – dass wir immer wieder andere Stücke nehmen, macht es auch für uns spannend.

Für das Mitsongkonzert in Barcelona habt ihr das »Verdi Requiem« ausgewählt. Warum?

Wir haben nach etwas gesucht, das auch in Katalonien relativ bekannt ist. Wir wollten zum Beispiel nicht mit Schuberts großartiger »Messe« nach Barcelona fahren. Die kennen in Deutschland viele, aber in Südeuropa ist sie nicht so bekannt. So kamen wir auf Verdis »Requiem«. Ich glaube, es wird wunderbar – so nah am Mittelmeer.

Hast du eine besondere Erinnerung an eines der vergangenen Mitsingkonzerte?

Mein letztes als Chefdirigent des Rundfunkchores am 1. April 2015 war sehr wichtig. Nach dem Konzert ist unser Bass David Stingl auf die Bühne gekommen und hat vor 2000 Leuten verkündet, dass ich zum Ehrendirigent ernannt werde. Stolz bin ich auch auf das »War Requiem«. Das ist absolut kein selbstverständliches Stück für ein Mitsingkonzert. Aber wir haben es gemacht und wir haben es gut gemacht.

Hast du Rituale vor und nach einem Konzert?

Ich bin immer sehr ängstlich. Vor den Mitsingkonzerten schlafe ich schlecht und denke mir: Warum machst du das nur? Dann komme ich morgens zum Veranstaltungsort und die Leute sind begeistert. Nach 30 Sekunden geht es mir dann wieder gut. Um 18 Uhr ist dann das Konzert und es ist einfach wunderbar. Und am Montag bin ich krank. Jedes Mal. Weil die Anspannung abfällt.

Welche Musik hörst du privat?

Ganz ehrlich: Ich höre privat gar nicht so viel Musik. Wenn du drei Stunden Bach an einem Tag hattest, dann ist das auch erst mal genug. Meine Frau ist Musikjournalistin, hört also beruflich auch viel Musik. Privat gucken wir dann auch Fernsehen oder gehen ins Kino. Wir versuchen, mehr Sport zu machen und so ein bisschen mehr Balance in unser Leben zu bringen. Das ist schwer als Musiker. Als ich hier beim Rundfunkchor war, habe ich sieben Tage die Woche zwölf Stunden gearbeitet. Zwischen Planung und Probe kommt das schnell zusammen, zumal ich auch immer für den Chor da sein wollte. Inzwischen höre ich wieder mehr Musik, aber vor allem die, die ich nicht selber mache: Orgelmusik und Palestrina, Streichquartette und Klaviersonaten. Bei der Chormusik, die ich auch selbst dirigiere, bin ich sofort in einer Art Analysemodus. Das macht in der Freizeit nicht so viel Spaß.

In Barcelona bist du inzwischen Artistic Advisor im Palau de la Música, was kannst du den SängerInnen in Deutschland von diesem Konzerthaus erzählen?

Der Saal ist ein Wunder! Er wurde nicht umsonst von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Außerdem ist es der einzige Saal in der ganzen Welt, in dem Chöre zu Hause sind, aber kein Orchester. Es gibt sieben Chöre, einen Konzertsaal, einen Kammermusiksaal, sieben Probenräume, eine Chorschule für Kinder, über 500 Sänger, dazu 36 Gesangslehrer. Meine Aufgabe besteht vor allem darin, die Orchester dieser Welt einzuladen, gemeinsam mit den Chören zu singen. Normalerweise laden die Orchester die Chöre ein, aber hier ist es umgekehrt. Auf unsere Einladung besuchen uns jedes Jahr Dirigenten wie Simon Rattle, Daniel Barenboim oder John Eliot Gardiner. In Barcelona kommen natürlich die Architektur, das Wetter, das gute Essen und der gute Wein hinzu. Ich habe keinen Zweifel: Unseren deutschen Kollegen wird es gefallen!

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Bild Palau de la Música Barcelona
Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Doris Zucker, Alt im Rundfunkchor Berlin

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Doris Zucker

Doris Zucker nimmt im Sommer ihren Abschied vom Rundfunkchor Berlin – nach 31 Jahren. Sie begann ihre Berufslaufbahn im Opernchor in Cottbus und war dann langjährige Solistin an den Opernhäusern von Brandenburg/Havel und Erfurt, ehe sie nach Berlin zurückkehrte und Mitglied des Rundfunkchores im Alt wurde.

In wenigen Tagen werdet ihr das »human requiem« erneut im Radialsystem aufführen. Wie erlebst du diese besonderen Vorstellungen?

Das ist das Schönste, was mir begegnet ist im Laufe der Jahre. Ich war ja vor meinem Eintritt in den Rundfunkchor Berlin zwölf Jahre am Theater. Das war für mich eine sehr spannende Zeit und deshalb war ich glücklich, als ich von der Idee des »human requiem« hörte. Das ist genau meins! Ich freue mich jedesmal riesig darauf. Am Anfang hatten wir schon ein bisschen Sorge. Das Brahms-Requiem ist unser „Leib- und Magenstück“. Und wir hatten die Sorge, dass es auf eine falsche Bahn gerät, wir wollten nicht mit Händen und Füßen deklamieren. Aber das tun wir auch nicht – die Sprache spricht für sich. Deshalb nenne ich es auch nicht „szenische Aufführung“. Wir stellen das Stück in den Raum, es wird greifbar fürs Publikum. Während im Konzert mit Orchester der Text oft hinter dem Ganzen zurücktritt, bekommt das Publikum hier jedes Wort hautnah mit. Die Menschen verstehen wirklich, was wir singen.

Wieviel bekommst du vom Publikum mit?

Ich habe die ganze Stunde lang intensiven Kontakt zum Publikum. Man bekommt sofort eine Reaktion – von Anfang an. Da weiß mein Nachbar noch nicht, dass ich gleich anfangen werde zu singen. Und wenn wir dann im Pianissimo beginnen, dann geht so eine ganz kleine Bewegung durch den Menschen, er verharrt ganz still und hört mir zu, wir fangen ja erst nach ein paar Minuten an, uns zu bewegen. Dann kann ich ihm ins Gesicht sagen – singend: Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Da kommt mir so viel Freude und Liebe entgegen, das ist unglaublich.

Bereitest du dich auf das »human requiem« anders vor als auf traditionelle Konzerte?

Wir treffen uns vor jedem Konzert eine Stunde vorher, um uns einzustimmen – gemeinsam mit dem musikalischen Leiter. Da findet man sich in dieses Gefühl hinein, auf der Bühne zu stehen. Dann ist die Spannung da und dann freuen wir uns alle, dass es gleich losgeht. Beim »human requiem« ist die Spannung noch größer. Viele Kollegen sagen, wenn die erste Phrase gesungen ist, dann ist alles gut, dann bin ich drin. Man weiß ja nicht, wer einem da gegenüber stehen wird. Ich selbst habe keine Scheu, den Leuten ins Gesicht zu sehen – durch meine Theatererfahrung, wo ich mit einem Partner oder einer Partnerin interagieren musste.

Hast du schon unangenehme Reaktionen erlebt?

Nie. Aber viele schöne Reaktionen! In Hamburg kam mal eine ältere Dame auf uns zu und sagte: Ich muss jetzt keine Angst mehr haben. Das war so schön!

Ihr habt das »human requiem« an vielen Orten und Spielstätten aufgeführt. Im Juni kommen Aufführungen in Istanbul hinzu. Was sind die Herausforderungen des Projektes auf Tournee?

Das macht keinen Unterschied. Am Anfang war die Frage, wie Menschen reagieren werden, die die Sprache nicht verstehen. Aber auch das funktioniert. Da kommt die Musik mehr zum Tragen, und die ist einfach unglaublich schön. Das Stück ist natürlich vielen bekannt. Und selbst wer das Stück nicht kennt, den berührt die Musik – und ich hoffe auch unser Gesang.

Hat sich das Stück im Laufe der Zeit verändert?

Wir haben einen neuen Dirigenten und einen neuen Co-Dirigenten – und Gijs legt das Stück schon ein bisschen anders an. Aber an den Gängen und Bewegungen hat sich nichts geändert. Wenn man das ein Jahr nicht gesungen hat, denkt man immer, ich muss mir das wieder anschauen. Aber auch die Bewegungen sind alle sofort wieder da, die vergisst man nicht.

Gibt es Erlebnisse, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Einmal haben wir das »human requiem« unter freiem Himmel gemacht, in Spanien, da blinkten die Sterne auf uns herab – das war schon sehr besonders. Und in Frankreich fingen nach der Vorstellung ein paar junge Leute auf einmal an, vor lauter Begeisterung die Sitzkissen in die Luft zu werfen. Das hat dann der ganze Saal aufgegriffen, und überall flogen die Sitzkissen in die Luft, das war fantastisch. Aber eigentlich ist jede Aufführung besonders.

Du wirst im Sommer pensioniert. Was wirst du am meisten vermissen?

Die Atmosphäre während der Konzerte. Und die Arbeit am Chorklang – das macht Gijs in meinen Augen sehr gut. Jeder hat seine eigene Technik hierfür und alle Stimmen in eine Form und einen Klang zu bringen, ist nicht so einfach. Das macht mir sehr viel Spaß.

Was nimmst du aus deinen 31 Jahren beim Rundfunkchor Berlin mit?

Ich habe sehr gut hören gelernt. Ich hatte vorher nicht viel Chormusik gemacht, das war eine ganz schöne Umstellung. Ich musste auch lernen, vom Blatt zu singen, das habe ich vorher nie gebraucht. Schön ist das Miteinander, das man in den Konzerten spürt. Und was haben wir für tolle Dirigenten und Orchester erleben dürfen! Ich bin glücklich, dass ich die gesamte Ära Rattle mitmachen durfte. Rattle ist ein wunderbarer Musiker und auch ein wunderbarer Mensch. Er hat uns immer gezeigt, dass er uns mag, und dafür hat er auch unsere ganze Kraft und Energie zurückbekommen.

Hast du schon Pläne für den Ruhestand?

Viele. Ich werde auf jeden Fall weitersingen, Lieder, vielleicht auch wieder Chansons. Ich werde weiterhin zum Unterricht gehen, das mache ich einmal im Monat, weil sich immer wieder Dinge einschleichen, die einem selbst nicht bewusst werden. Es gibt einem Sicherheit, wenn man weiß, man kann alles singen – auch mit 64 noch. Ich will bei meiner Lehrerin ein bisschen einsteigen in die Organisation ihrer Kurse. Ich werde einen Nähkurs machen. Und ich will besser Französisch lernen. Ich konnte ja nie regelmäßig zur Abendschule gehen, weil immer Konzerte dazwischenkamen. Und ich werde wieder ins Schauspiel gehen, das habe ich sehr vermisst. Mir wird nicht langweilig werden.

Welche Musik hörst du privat?

Alles, was gut ist. Auch Jazz, Blues, Soul und Liedermacher – am meisten die Franzosen, Chansons liebe ich sehr. Aber an erster Stelle steht Bach, an ihn kommt kein anderer ran. Auch Bach habe ich hören gelernt. Die Kunst der Fuge anzuhören war für mich früher Arbeit. Jetzt ist es Vergnügen, jetzt höre ich, was da alles drin steckt – und denke mir immer: Wie kann man so etwas schaffen? Aber ich mag alle Musik, die gut gemacht ist.

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Motiv Human Requiem
Bild Palau de la Música Barcelona
Christina Seifert, Alt im Rundfunkchor Berlin

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Christina Seifert

Christina Seifert singt seit 1986 als Altistin im Rundfunkchor Berlin. Aufgewachsen in Thüringen in einer Familie von Kirchenmusikern, studierte sie Gesang und Blockflöte in Weimar und wurde gleich nach dem Diplom Mitglied des Chores. Seit 1989 ist sie zusätzlich als Stimmbildnerin an der Berliner Singakademie tätig. Im Interview erzählt sie, was die »Johannes-Passion« zu einem besonderen Erlebnis macht.

Wie auch bei der Premiere 2014 arbeiten bei diesen Konzerten der Rundfunkchor, exzellente Solisten, die Philharmoniker, Simon Rattle und Peter Sellars zusammen – ein beeindruckendes Line-up! Was ist das Besondere an dieser Zusammenarbeit?

Auf jeden Fall besonders ist, dass zum ersten Mal nach Beendigung seiner Tätigkeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Simon Rattle zurückkommt – und gerade mit uns und in der Inszenierung von Peter Sellars, einem außergewöhnlichen Regisseur, diese Produktion wieder aufnimmt. Ich denke, ich verspreche nicht zu viel: Es wird ein Hochgenuss werden. In den vergangenen fünf Jahren ist so viel in unser aller Leben geschehen und hat uns verändert, dass man freudig gespannt sein darf, wie unsere Erfahrungen und prägenden Lebensereignisse in dieses außergewöhnliche und herausragende Projekt einfließen werden.

Wie erlebst du das Zusammenspiel zwischen Peter Sellars und Simon Rattle und dem Chor?

Seit Beginn des gemeinsamen künstlerischen Wirkens mit Simon Rattle und Peter Sellars hat sich die Zusammenarbeit zu einem Zusammenspiel entwickelt, beiderseits getragen von höchsten künstlerischen Ansprüchen, in freundlicher Atmosphäre und mit dem Ziel, erfüllende Konzerte für den Besucher und uns zu schaffen – also ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten.

Was verändert sich für euch als Chor, wenn ihr nicht »nur« singt, sondern auch szenisch agiert?

Normalerweise verschmilzt im Konzert die eigene Persönlichkeit mit der Stimmgruppe. Hier in der szenischen Umsetzung agiert jede Sängerin und jeder Sänger mit seinem Körper, seinen Gesten, seiner Persönlichkeit im Ensemble – und doch allein, das ist das Ungewöhnliche. Der Sänger wird nicht nur gehört, er wird auch als Einzelperson gesehen. Wir kennen Peter Sellars aus der Arbeit mit verschiedenen Stücken, Opern und Chorsinfonik, zuletzt 2017 mit der Oper »Le Grand Macabre«. Er beschreitet ganz neue Wege, er führt uns in emotionale Extreme und lässt uns dabei persönliche Freiheit. Jedem Tag, jeder Stunde, jeder Minute, jeder Sekunde kommt eine Wichtigkeit zu. Jedem Stück, jedem Satz, jeder Zeile, jeder Note, jeder Pause gibt er eine Bedeutung, der man nicht ausweichen mag. Dadurch entsteht etwas ganz Besonderes im Konzert: gemeinsames Musikmachen, das Geist und Seele berührt und möglicherweise verändert. Man schafft so viel unerwartet Schönes – das macht mich glücklich.

Ist solch eine Aufführung für dich erfüllender als ein eher »statisches« Konzert auf dem Podium?

Ich freue mich darüber, dass wir im Rundfunkchor Berlin in den letzten Jahren neue Wege mit dem szenischen Agieren gewagt und beschritten haben. Für mich ist dieser Teil meiner künstlerischen Tätigkeit sehr interessant zu erleben. Ich möchte jedoch keines von beidem missen. Die Mischung macht’s!

»Wenn man diese Musik zum ersten Mal hört, ist man einfach nicht vorbereitet auf dieses wogende Klangmeer und diese Dissonanzen«, gesteht Simon Rattle, der das Werk erst recht spät, mit 30 Jahren, zum ersten Mal erarbeitet hat. Du kommst aus einer kirchenmusikalischen Familie. Kannst du dich erinnern, wann du die »Johannes-Passion« zum ersten Mal gehört hast?

Ich denke, als Kind habe ich sie bereits gehört. Und ich war schon damals total überwältigt. Die »Johannes-Passion« begleitet mich mein ganzes Leben. Als Jugendliche sang ich dieses Stück unter der Leitung meines Vaters. Und bereits im Studium durfte ich die beiden Alt-Arien im Konzert singen. Ein Konzert mit unserem Rundfunkchor ist mir in besonderer Erinnerung: die Interpretation von Stefan Parkman im Konzerthaus 2001. Er dirigierte und sang den Evangelisten. Ich habe mich der »Johannes-Passion« auf unterschiedliche Weise genähert. Natürlich als Sängerin, aber ich habe das Stück auch verschiedentlich miteinstudiert und als Stimmbildnerin der Berliner Singakademie betreut. Im Laufe meines Lebens gab es mehrfach Momente, in denen gerade der Schlusschor mich besonders berührt und gestärkt hat.

Was ist für dich persönlich die größte Herausforderung bei der »Johannes-Passion«?

217 Seiten Bach-Klavierauszug, Bärenreiter.Urtext auswendig. Das bis zur ersten szenischen Probe zu schaffen, flößte mir Respekt ein. Aber mit etwas vorbereitender Heimarbeit lernt es sich im Ensemble schnell. Es ist eine Herausforderung, dass die Flut an Informationen in den Kopf gelangt. Aber getragen von Bachs Musik macht das Lernen Spaß und Freude.

Themenwechsel: Hast du ein Ritual vor dem Auftritt?

Der ganze Tag steht im Licht des abendlichen Konzertes. Am Konzerttag singe ich mich ein und mache nur ausgleichende Freizeitaktivitäten: Joggen, manchmal Yoga, einen Spaziergang am See oder eine andere Naturerfahrung. Ein Ritual für uns alle ist das Zusammenfinden unmittelbar vor dem Konzert, um allerletzte Absprachen zu treffen und uns gemeinsam auf das Konzert einzuschwingen.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf für dich?

Ja, das ist es wirklich. Jeden Tag bin ich umgeben von Musik, jeden Tag kann ich Musik machen. Das ist ein Privileg und erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ich singe sehr gern, und ich singe unheimlich gern in unserem Ensemble, um einen wunderbaren Klang mit zu erzeugen. Wir musizieren in den schönsten Konzerthäusern der Welt, einschließlich der Philharmonie und des Konzerthauses hier in Berlin, mit den besten Orchestern der Welt und  mit inspirierenden Dirigenten und Solisten. Jedes Projekt, jedes Konzert ist anders, in jedem wird man unterschiedlich gefordert, und diese Abwechslung ist unheimlich interessant. Unser Beruf hält so viele Höhepunkte bereit, jede Konzertreise ist einer. Eine weitere Besonderheit ist das Musizieren in unterschiedlichen Besetzungen. Auch Kammermusik spielt eine Rolle und wird gefördert, was ich als sehr erfüllend empfinde.

Welche Musik hörst du privat?

Wenn ich aus der Probe komme, gar keine. Und zur bloßen Untermalung von Alltagsdingen ohnehin nicht. Ich höre gern Chormusik meiner Kolleginnen und Kollegen aus anderen Rundfunkchören, sehr gern Alte Musik und Deep House. Auch »La Bohème«, meine Lieblingsoper, kann ich immer wieder hören. Und wenn durchs ganze Haus ein Orgelstück von Bach schallt, macht mir das einfach gute Laune.

Welche kommenden Konzerte sollte man auf keinen Fall verpassen?

Am liebsten würde ich alle empfehlen. Etwas Besonderes wird sicherlich unser Gastspiel in Stettin diesen Monat mit Mahlers zweiter Sinfonie. Dann gibt es zwei Konzerte im April mit Musik von Giuseppe Verdi: die Oper »Otello« und die »Quattro pezzi sacri«. Und natürlich  das »human requiem« im Mai.

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Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Bild Filharmonia Szczecin
Daniel Barenboim
Motiv Human Requiem
Heike Peetz

Auf ein Wort mit Heike Peetz-Glintenkamp

Die Sopranistin Heike Peetz-Glintenkamp ist seit 2011 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Neben ihrer Arbeit als Chorsängerin ist sie auch als Chorleiterin und Stimmbildnerin aktiv. Im Interview spricht sie über die anstehende Liederbörse und darüber, wie man Kinder für das Singen begeistert.

Bei der Liederbörse singen Schulchöre aus ganz Berlin gemeinsam mit euch. Was ist deine Aufgabe?

Vor allem natürlich, im Chor zu singen und dabei einen frischen und fröhlichen Eindruck zu machen – was mir leicht fällt, weil so viel Energie von den Kindern und aus dem Publikum kommt. Meist besuchen Sängerinnen und Sänger von uns im Vorfeld die beteiligten Schulen und arbeiten mit den Chören. Mir ist das ein wichtiges Anliegen, weil ich mit Chorsingen aufgewachsen bin. Ich habe immer in Chören gesungen und die Erfahrung gemacht, dass da ein ganz spezielles Miteinander herrscht. Diese Erfahrung möchte ich an Kinder weitergeben.

 

Machen dir als Profi-Sängerin die Liederbörsen-Proben und -Konzerte wirklich Spaß?

Oh ja, auch weil Gunter Berger das als Dirigent hervorragend macht. Er schafft es, die Kinder auf ganz natürliche Weise zu motivieren, er begegnet ihnen mit Respekt und betrachtet sie nicht nur als die Kleinen. Und wenn man sieht, mit welcher Begeisterung die Kinder bei der Sache sind, wird man wieder daran erinnert, warum man diesen Beruf ergriffen hat und dass man diese Begeisterung selbst in sich trägt – auch wenn man das im harten Probenprozess mal vergisst. Außerdem wird einem bewusst, dass es für viele Menschen etwas ganz Besonderes ist, in der Philharmonie auf der Bühne zu stehen. Wir stehen da so oft, dass uns das ganz normal vorkommt. Aber für die Kinder ist es etwas ganz Besonderes, und auch die Eltern empfinden es als herausragendes Ereignis.

 

Es heißt immer, dass Kinder nicht mehr singen. Wie ist deine Erfahrung, auch als SING!-Patin: Ist das Singen den Grundschulkindern tatsächlich fremd?

Es kommt immer darauf an: Meine eigenen Kinder singen den ganzen Tag, weil sie es gar nicht anders kennen. Meine zwei Jüngsten dachten, jeder, der zur Arbeit geht, geht in den Chor – sie wussten gar nicht, dass man etwas anderes arbeiten kann. Ich habe es immer so erlebt, dass das Singen Kinder begeistert. Aber ich hab auch schon erlebt, dass die ErzieherInnen im Kindergarten ein Playback einlegen, und dann brüllen alle Kinder auf einem tiefen Ton den Text mit – da stehen einem die Haare zu Berge. Das finde ich schade, weil ich an meinen eigenen Kindern sehe, welches Potenzial in ihnen steckt und dass man einfach nur sagen muss: Hör doch mal richtig hin, du singst ja gar nicht den gleichen Ton wie ich. Dann überlegen sie und setzen das ganz schnell um. Ich glaube nicht, dass meine Kinder da eine Ausnahme bilden. Es hängt stark davon ab, inwiefern die ErzieherInnen das fördern können.

 

Was kann man machen, damit die Begeisterung bei den älteren Kindern erhalten bleibt?

Viel singen! Und sei es auch nur ein Gute-Nacht-Lied oder auf der Autobahn, wenn es langweilig wird, ein Kanon. Ich finde den Ansatz des SING!-Projekts genau richtig: dass das Singen nicht nur im Musikunterricht geparkt wird. Sondern dass auch Lehrer ausgebildet werden, die nicht Musiklehrer sind und die das Singen ganz natürlich in ihren Unterricht einbeziehen können. Singen kann eine Entspannung bieten oder ein Ritual sein, den Tag zu eröffnen. – Ich bin auch schon von Schülern gefragt worden: Wie fühlt sich das denn an, wenn man so berühmt ist? Eine andere Frage war: Können Sie uns mal Ihren höchsten Ton singen? Da waren sie ganz beeindruckt. Und nach zwei weiteren Fragen kam die Bitte: Können Sie uns den Ton nochmal singen? Da merkt man, dass die Kinder spüren, das Singen kann auch ein Beruf sein, wo man auch etwas können muss, und das beeindruckt sie.

Neben deiner Arbeit als Sängerin im Rundfunkchor Berlin arbeitest du auch als Chorleiterin. Gibt es da Wechselwirkungen?

Absolut! Ich wollte als Jugendliche eigentlich lieber Chorleiterin werden, aber dann dachte ich mir: Wenn du da vorn stehst, kannst du nicht mehr mitsingen, und das ist doch, was dir so viel Spaß macht. Ich hab dann Gesang studiert, und da wird man eher vom Chor weggelenkt. Das hat mir sehr gefehlt, aber dann kam ich zum Glück an einen Lehrer, der selbst zweigleisig gearbeitet und mich da gut begleitet hat. Und dann hatte ich mit 24 Jahren auch schon meinen eigenen Chor und bald den zweiten, den ich heute noch leite. Singen und Dirigieren befruchtet einander, weil man immer die Perspektive wechselt: Im Rundfunkchor erlebe ich viele verschiedene Dirigenten, und das ist für mich die beste Fortbildung, die ich bekommen könnte. Manchmal denke ich: Super, wie der das einstudiert und mit welchen Bildern er arbeitet. Aber es passiert auch mal, dass ein Dirigent den Chor psychologisch ungünstig behandelt. Dann weiß ich: Aha, so fühlt sich das an, das sollte ich selbst also bleiben lassen. Auf der anderen Seite habe ich mehr Verständnis, weil ich weiß, was ein Dirigent alles beachten muss: Man muss zuhören und die Antennen für jeden einzelnen offen halten, man muss Leute anspornen, die sich eher zurückhalten, und andere zurückpfeifen, die sich zu sehr in den Vordergrund drängen. Man muss immer die Waage halten und schnell Entscheidungen treffen – ein  Multi-Tasking-Job.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf für dich?

Ja! Schon als Kind hat mich das Chorsingen begeistert, ich habe mich die ganze Woche auf die nächste Chorprobe gefreut – und diese Leidenschaft hat nie nachgelassen. Ich bin nicht so der Einzelkämpfer, ich finde es gerade schön, im Team zu arbeiten und mit den anderen gemeinsam gut zu sein. Außerdem arbeiten wir auf höchstem Niveau.

 

Welche Musik hörst du privat?

Je länger ich arbeite, desto mehr genieße ich es, nichts zu hören. Ansonsten höre ich auch privat unheimlich viel Chormusik, weil ich ständig auf Inspirationssuche für meinen eigenen Chor bin. Ein schöner Chorklang und immer wieder neue Möglichkeiten, dieses Genre auszutesten, begeistern mich absolut. Ich gehe ganz gern in die Oper, auch um gute Sänger zu hören. Wir machen viel Musik in der Familie, führen zu Geburtstagen auch mal was von ABBA auf. Und über meine Kinder höre ich unfreiwillig alles Mögliche.

 

Welche Konzerte des Rundfunkchores Berlin sollte man in der aktuellen Saison nicht verpassen?

Im Moment proben wir »Otello« für die Aufführungen mit Zubin Mehta und den Philharmonikern. Oper ist ja eher seltener für uns als Rundfunkchor – das wird, glaube ich, ein Höhepunkt. Ich freue mich sehr auf die Johannes-Passion mit Peter Sellars. Das ist ein herausragendes Erlebnis, weil er ein einzigartiger Regisseur ist, der einen auch ganz privat anrührt und einem die Passionsgeschichten so nahe bringt, wie ich das sonst nie erlebt habe. Und natürlich ist das »human requiem« auch immer ein großer Höhepunkt für uns und die Zuschauer.

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Erlebe Heike Peetz-Glintenkamp im Konzert
Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Daniel Barenboim
Motiv Human Requiem
Michael Timm, Bass im Rundfunkchor Berlin

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Michael Timm

Der Bassist Michael Timm ist seit 1991 im Rundfunkchor Berlin engagiert. Gemeinsam mit drei seiner Kollegen ist er Teil des Ensembles Vokalzeit, das auch die RundfunkchorLounge mitgestaltet. Im Interview erzählt er von der kommenden RundfunkchorLounge am 16. Januar, dem Zusammenhang von Humor und Musik und seiner Zeit im Rundfunkchor Berlin.

»Humor in der Musik« das Thema der zweiten RundfunkchorLounge. In welcher Rolle bist du dabei?

Ich bin als Mitglied des Ensembles Vokalzeit dabei, das ist ein Quartett von vier Herren aus dem Rundfunkchor mit Klavierbegleitung. Wir werden Klassikparodien aufführen, zum Beispiel die »Loreley« von Friedrich Silcher, »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, in zwei Fassungen: einmal als »mathematische Loreley« mit dem Satz des Pythagoras, zum anderen als »sächsische Loreley«, in der die Geschehnisse vom Rhein an die Elbe verlegt werden. Das fällt mir als Westfalen nicht ganz so leicht, aber wir haben sachkundige Kollegen dabei.

 

Funktioniert Humor in der Musik nur über den Text?

Nicht nur. Wir werden zum Beispiel »Die Denkmalsschänderin« singen, in der es um den Streit zwischen einer Stubenfliege und einer Spinne geht. Die Fliege fliegt immer um eine Büste von Franz Liszt herum, und das ärgert die Spinne sehr, aber was dann passiert, will ich nicht verraten. Da tauchen musikalische Zitate auf, und da entsteht Komik auch über die Musik.

 

Ist »ernste« Musik also doch ein geeignetes Medium für Humor?

Ernste Musik kann durchaus humorvoll sein, insbesondere dann, wenn man Dinge zusammenbringt, die eigentlich nicht zusammengehören. Ich habe ein großes Vorbild im grafischen Bereich, Gerhard Glück, der malt in Öl Karikaturen. Eine haben wir als Coverabbildung für eine Vokalzeit-CD gewählt: Da steckt ein Mann im Frack seinen Kopf in einen Fluss, neben ihm am Ufer steht sein Zylinder, und das Bild heißt: »Smetana nimmt am Mittellauf der Moldau eine Hörprobe«.

 

Warum singst du überhaupt bei Vokalzeit? Ist Kammermusik wichtig für einen Chorsänger?

Ganz wichtig, weil man sich in einem kleinen Ensemble noch einmal anders wahrnimmt und auf die anderen einstellt, das ist ganz wichtig für die Stimmpflege. Zum zweiten wählt man selbst das Repertoire aus und erarbeitet die Interpretationen. Im Chor bin ich »nur« ein Ausführender, ich bin weder an der Programmatik beteiligt noch an der Interpretation, und wenn da etwas kommt, was ich nicht mag, hab ich Pech gehabt.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin dennoch ein Traumberuf für dich?

Hermann Hesse sagt: »Ein Beruf ist immer ein Unglück, eine Beschränkung und Resignation.« Bei aller Wertschätzung für Hermann Hesse würde ich nicht ganz so weit gehen. Ich singe seit 30 Jahren im Chor und tue das sehr gern. Natürlich erlebt man Höhen und Tiefen. Die ersten fünf Jahre war ich total begeistert, und dann kommt nach und nach Routine hinein, aus der aber immer wieder bestimmte Erlebnisse herausragen. Insgesamt ist es schon etwas ganz Besonderes: Man lernt viel Repertoire kennen, es gibt kaum große Dirigenten, die ich nicht erlebt habe, und wir haben viele schöne Reisen gemacht.

 

Welche Erlebnisse ragen im Rückblick heraus aus deinen 28 Jahren beim Rundfunkchor Berlin?

Ich war ein Fan von Claudio Abbado – wenn ich zurückdenke etwa an die »Reise nach Reims« von Rossini oder an den »Parsifal«. Oder mit Sawallisch das Requiem von Hindemith auf Texte von Walt Whitman, ich mag Hindemith eigentlich gar nicht so sehr, aber das war sehr außergewöhnlich. Ein besonderes Erlebnis war für mich die kleinste solistische Rolle, die ich je gesungen habe: in »Pelléas et Mélisande« 2006 in Salzburg mit Simon Rattle. Da konnte ich 30 Sekunden zu einer Vier-Stunden-Oper beitragen. Ich wurde in die Bühnenhandlung mit eingebaut und hatte immer Sorge, dass ich meinen Einsatz verpasse. Ein ganz großer Höhepunkt war auch die zweite Sinfonie von Mahler mit Simon Rattle. Und zuletzt die beiden Bach-Passionen.

 

Du wirst im Herbst pensioniert. Was wirst du am meisten vermissen?

Ich habe zu vielen Sängerinnen und Sängern einen persönlichen Draht, aber ich werde vor allem die Bassgruppe vermissen. Vielleicht werde ich ja auch ab und zu nochmal gefragt, Projekte mitzusingen. Einen großen Wunsch hätte ich noch: dass wir das »human requiem« auf dem Gelände des BER machen. Wir haben das zwei Jahre vor Fertigstellung der Elbphilharmonie dort auf der Baustelle aufgeführt – das war ein gutes Omen für die Weiterführung und Fertigstellung.

 

Hast du schon Pläne für den Ruhestand?

Mit Vokalzeit wird es auf jeden Fall weitergehen. Ich habe gerade zusammen mit meinem Sohn, der Jazzpianist in Leipzig ist, ein Label gegründet, und es kommen auch Anfragen für den Filmchor Berlin, den ich zusammen mit dem Basskollegen Sören von Billerbeck gegründet habe. Ich habe viele Ideen – mal sehen, was ich verwirklichen kann. Ich bin einerseits traurig, dass ich aufhöre – es war eine lange, schöne Zeit im Rundfunkchor –, andererseits freue ich mich auf neue Dinge: Ich hab zum Beispiel eine Streuobstwiese mit alten Apfelbäumen nördlich von Berlin…

 

Welche Musik hörst du privat?

Ich höre selten Musik und genieße oft die Stille. Aber wenn ich Musik höre, dann meistens Jazz, aber auch da eher Mainstream. Und nach sportlichen Werken wie »Moses und Aron« von Schönberg höre ich gern C-Dur.

 

Welche Konzerte des Rundfunkchors Berlin sollte man im neuen Jahr nicht verpassen?

Die Johannes-Passion mit Rattle im März und mit Barenboim die »Quattro pezzi sacri« von Verdi – darauf freue ich mich besonders.

 

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Marek Janowski
Portrait Ingo Metzmacher
Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Daniel Barenboim
Foto von Mathis Koch

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Mathis Koch

Der Bassist Mathis Koch gehört zu den jüngsten Mitgliedern im Rundfunkchor Berlin, Vollzeit dabei ist er erst seit Beginn dieser Saison. Der gebürtige Herforder hat auch Harfe studiert und zuvor im Kammerchor Stuttgart unter Frieder Bernius gesungen.

Mathis, wie hast du deine erste Saison erlebt?

Es ist eigentlich gar nicht meine erste Saison, weil ich vorher schon als Akademist und dann mit einer halben Stelle dabei war. Ich hab von klein auf viel im Chor gesungen, bin dann über den Chorgesang ins solistische Singen hineingekommen, bin dem Chorgesang aber immer verbunden geblieben. Da lag es nahe, in der Akademie einmal kennenzulernen, wie es ist, das beruflich zu machen. Ab November 2016 konnte ich den Chor ein halbes Jahr lang erleben. Man macht als Akademist ja alles mit, was ansteht, und das ist eine sehr schöne Sache! Dann habe ich mein Studium beendet und ein zweites Mal, dann für eine Aushilfsstelle, vorgesungen. Und als schließlich eine feste Stelle im Bass frei wurde, hat man mir geraten, zum dritten Mal vorzusingen, und auch das hat geklappt. Zunächst mit einer halben, jetzt mit einer vollen Stelle. So konnte ich das Leben im Chor immer besser kennen lernen.

 

Ist der Beruf, wie du ihn dir erträumt hast?

Es ist absolut ein Traumberuf! Es ist toll, was man für unterschiedliche Projekte singt und mit welchen großartigen Dirigenten man zusammenarbeiten kann. Ich habe bis jetzt ja nur einen kleinen Teil kennengelernt, aber um eine Sache herauszuheben: Das »human requiem« ist eine tolle Erfahrung. Und natürlich ist auch das Miteinander im Chor spannend. Es ist schon sehr speziell, man ist sich ja sehr nah. Man muss auch sonst sehr gut miteinander auskommen. Ich bin sehr glücklich in der Bassgruppe, wir unternehmen auch manchmal privat etwas miteinander.

 

Dabei hast du ja zuerst Harfe studiert.

Ja, aber dann habe ich immer mehr gesungen und bin auch solistisch herangereift, und irgendwann konnte ich mir vorstellen, diese Leidenschaft zum Beruf zu machen und Gesang zu studieren. Bei der Harfe muss man unheimlich viel üben, um drin zu bleiben. Wenn sich die Gelegenheit ergibt und ich genug Zeit zum Üben habe, trete ich noch auf. In der RundfunkchorLounge hab ich ja auch schon einmal gespielt.

Wirst du auch im Weihnachtskonzert spielen?

Nein, aber dieses Stück, »Otče náš« (»Vater unser«) von Leoš Janáček, habe ich schon auf der Harfe im Konzert gespielt. Jetzt lerne ich es aus der Chorperspektive kennen. Das ist mir schon bei mehreren Stücken so gegangen. Beim Brahms-Requiem habe ich schon solo gesungen, im Chor gesungen und Harfe gespielt, beim Weihnachtsoratorium von Saint-Saens habe ich auch im Orchester Harfe gespielt. Es ist toll, Stücke aus verschiedenen Blickwinkeln kennenzulernen.

 

Ist das Weihnachtskonzert etwas Besonders?

Oh ja, dieses wird mein drittes. Ich habe das Gefühl, darauf freuen sich alle Kollegen schon das ganze Jahr über. Die Atmosphäre ist einfach toll. Akustisch ist es eine Herausforderung, aber man kann sich darauf einstellen, und das Programm ist auch darauf abgestimmt. Ich darf diesmal ein kleines Solo singen, und ich freue mich auf das Programm, das ja Werke aus Osteuropa umfasst.

 

Was denkst du darüber?

Man hat die Möglichkeit, Weihnachten mal nicht so ganz klassisch, sondern von einem anderen Blickpunkt aus zu betrachten. Ähnlich ist es mit »El Niño«, das wir kürzlich im Konzerthaus aufgeführt haben. Da hatte John Adams auch seine ganz eigenen Ideen zu Weihnachten. Ich finde es spannend, den Blickpunkt zu wechseln.

 

Wie erlebst du den Jahresausklang? Hast du persönliche Traditionen?

Beethovens Neunte ist für mich seit drei Jahren eine Tradition, das ist einfach so im Rundfunkchor. Ansonsten war mein Leben so turbulent – mit dem Umzug nach Berlin, ich habe geheiratet, wir haben einen kleinen Sohn –, dass sich bei uns noch keine Traditionen ausgebildet haben. Es gibt aber hier im Haus eine schöne Tradition, auf die ich mich freue. Hier wohnt auch ein Tenor-Kollege aus dem Chor, und der trommelt jedes Jahr ein paar Nachbarn aus dem Haus zusammen, und dann singen alle hier im Hof, der eine gute Akustik hat. Darauf freue ich mich. Meine Frau ist auch Sängerin, sie wird auch mitsingen.

 

Welche Musik hörst du gern privat?

Alles Mögliche, gern Jazz, und auch die Musik, die ich beruflich singe. Wenn ich allerdings zum Entspannen etwas im Hintergrund hören will, dann lieber Musik ohne Gesang.

 

Welche Konzerte des Rundfunkchores Berlin sollte man im neuen Jahr nicht verpassen?

Das »human requiem« wird sicher wieder schön. Ich freue mich, dass wir das in Istanbul machen, weil ich die Stadt sehr mag. Politisch ist es ja gerade nicht leicht, aber ich finde, die Musik darf sich davon nicht einschränken lassen! Das Verdi-Requiem beim Mitsingkonzert in Barcelona wird sicherlich toll. Und ein schönes Projekt sind die »Quattro pezzi sacri« von Verdi mit Daniel Barenboim. Darauf freue ich mich auch sehr. Auf die szenische Umsetzung von Bachs »Johannes-Passion« mit Simon Rattle bin ich auch schon sehr gespannt.

Termine
Erlebe Mathis Koch im Konzert
Marek Janowski
Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Daniel Barenboim
Motiv Human Requiem
Axel Scheidig, Bass im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Axel Scheidig

Der Bassist Axel Scheidig ist seit 2005 festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Dort ist er auch häufig als Solist zu hören, unter anderem beim anstehenden Mitsingkonzert. Im Interview spricht er über den historischen Bezug des kommenden Konzertes und die Besonderheit des beliebten Formates.

Welche Bedeutung haben die Mitsingkonzerte des Rundfunkchores Berlin für dich persönlich?

Das Mitsingkonzert ist für mich eine schöne Tradition, die Simon Halsey, unser ehemaliger Chefdirigent und jetziger Ehrendirigent, eingeführt hat. Ich war ein paar Mal als Solist dabei und habe auch für den Freundeskreis hinter den Kulissen mitgearbeitet und ich merke immer wieder, wie schön es für die Leute ist, mit uns gemeinsam zu singen. Es geht in erster Linie darum, das Chorsingen, das professionelle Chorsingen und den Spaß daran zu vermitteln.

 

Was verändert sich für euch als Chor, wenn das Publikum nicht „nur“ zuhört, sondern auch mitsingt?

Es macht Freude, zu sehen, was es den Leuten, die sich wochen- und monatelang vorbereitet haben und nun beseelt mitsingen, für einen Spaß macht. Das ist immer wieder schön. Wir als Chor sind da gerne unterstützend dabei und singen meist auch ein, zwei Parts allein. Dabei geht es nicht um die höchste musikalische Perfektion, da entsteht nicht der ganz große Glanz, das geht auch gar nicht in der Kürze der Zeit. Trotzdem ist es immer wieder beeindruckend, was sich im Laufe dieses einen Tages entwickelt. Es geht um die Gemeinschaft, die Leute sind euphorisch und tragen ihre Begeisterung fürs Chorsingen nach draußen – und das ist für mich das größte Anliegen dieses Projekts.

 

Welche besonderen Erinnerungen verbindest du mit dem Mozart-Requiem?

Vor allem eine sehr schöne Erinnerung: Ich durfte einen richtigen Glücksmoment erleben vor zwei, drei Jahren auf unserer Südamerikatournee. Da hatte ich ebenfalls eine Solo-Partie zu singen im Teatro Colón in Buenos Aires, diesem fantastischen Haus mit sieben Rängen vor mir, und als mein Part vorbei war und auch der Druck von mir abfiel, da haben meine Kollegen hinter mir noch ein, zwei A-cappella-Stücke gesungen. Und die konnte ich so dermaßen genießen – das war ein sehrgreifbarer Glücksmoment für mich, das war einzigartig.

 

Das kommende Mitsingkonzert hat einen engen Bezug zum Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Der Rundfunkchor Berlin singt zum Einstieg Schönbergs »Friede auf Erden«. Welche Verbindung siehst du zur heutigen Zeit?

Mit diesem Konzert setzen wir auch ein politisches Zeichen. Mit uns werden Chöre stellvertretend für alle Nationen, die besonders unter den Kriegsereignissen leiden mussten, auf der Bühne stehen. Damit ist das Konzert auch ein klares Bekenntnis zu einem gemeinsamen Europa. Kunst darf nie unpolitisch sein. Und ich finde, es gehört zum Gesicht des Rundfunkchores Berlin, sich zu äußern. Wenn ich den Rechtsruck in Deutschland sehe, wird mir angst und bange. Nur abzuwarten ist keine Lösung. Nur dadurch, dass wir mit allen Menschen, egal welcher Herkunft, Religion, Hautfarbe, zusammenarbeiten, nur so kann Kunst entstehen, die auf der ganzen Welt eine Bedeutung hat. Es ist eigentlich selbstverständlich und muss doch wieder gesagt werden.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin für dich ein Traumberuf?

Ein absoluter Traumberuf! Meine musikalische Wiege stand in Wernigerode, dort habe ich viele Jahre im Rundfunkjugendchor gesungen und konnte mir schon damals eine Zukunft in einem Rundfunkchor gut vorstellen. Wernigerode war das weltliche Pendant zu den Kruzianern und den Thomanern. Den Chor und das Internat gibt es bis heute, wir haben dort ein sehr gutes Fundament bekommen. Ich liebe aber auch das Musiktheater, ich hab diesen Sommer zum Beispiel in der Oper in Jena den Basilio im »Barbier von Sevilla« gesungen. Aber das Reizvolle an der Arbeit im Rundfunkchor ist, dass man ein sehr vielfältiges Programm hat und somit genau sehen muss, wie man seine Stimme einsetzt.

 

Welche Musik hörst du privat?

Queen, Supertramp, Pink Floyd. Nicht umsonst heißt mein Sohn Jakob Frederik – wegen Freddy.

 

Und was sollte man in dieser Saison nicht verpassen?

Ich freue mich besonders auf den »Otello« mit dieser Besetzung, das wird italienischste Oper vom Feinsten. Und natürlich freue ich mich auf die Johannes-Passion mit Peter Sellars. Unser Chor hat enorm von der Arbeit mit ihm profitiert. Wir lieben ihn einfach und ich hoffe, dass das nicht die letzte Zusammenarbeit wird. Mit Peter Sellars hat der Chor einen Quantensprung gemacht. Ich freue mich sehr darauf, ihn wiederzusehen.

 

Termine
Erlebe Axel Scheidig im Konzert
  • Sa 20 Uhr
    15. Dez
    2018
    Ganz klassisch

    Adams

    Vladimir Jurowski Dirigent

    Konzerthaus Berlin Großer Saal

    leider verpasst
Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Foto Christine Lichtenberg, Alt im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Christine Lichtenberg

Die Altistin Christine Lichtenberg ist seit 2004 Mitglied im Rundfunkchor Berlin und auch als Solistin sehr gefragt. Im Interview erzählt sie von ihrer Rolle im Programm der kommenden RundfunkchorLounge und ihrer Leidenschaft für Kammermusik.

Die RundfunkchorLounge geht nun schon in die dritte Saison. Was schätzt du besonders an diesem Format?

Es ist unterhaltsam, abwechslungsreich und je nachdem, welche Gesprächspartner eingeladen sind, bedient es auch ungewöhnliche Aspekte und Facetten des jeweiligen Themas. Und ich glaube, dass die Lounge auch ein jüngeres und sehr gemischtes Publikum anspricht.  An den Ort musste ich mich zunächst gewöhnen. Man muss sich davon freimachen, dass es einmal ein Krematorium war. Die Kuppelhalle und den gesamten Ort als Kulturquartier, so wie er jetzt gestaltet ist, finde ich sehr gelungen, die Akustik ist gut und es gibt ein sehr nettes Café mit gutem Kaffee.

 

Die nächste RundfunkchorLounge hat das Berlin der 20er Jahre, die Zeit zwischen den Weltkriegen, zum Thema. Da wirst du auch solistisch zu erleben sein.

Als ich von dem Thema hörte, musste ich sofort an die Lieder von Kurt Weill denken und habe das vorgeschlagen. Einige seiner unbekannteren Lieder begleiten mich, seit ich Studentin bin, und ich finde, die Lounge ist ein tolles Format gerade für solche Musik. Ich singe drei Lieder mit Philip Mayers am Klavier: »Berlin im Licht-Song«, »Der Abschiedsbrief« und ein französisches aus Weills Pariser Exil-Zeit. Und dann singe ich noch ein Lied von Sofia Gubaidulina für Altstimme und Kontrabass, das Gijs Leenaars vorgeschlagen hat. Sie hat ein Gedicht von Else Lasker-Schüler vertont, das »Der Engel« heißt. Damit ist Carl Sonnenschein gemeint, der eine bekannte Figur im Berlin der 20er-Jahre war, ein sozial und karitativ engagierter katholischer Priester und Großstadtseelsorger.

 

Welche Bedeutung hat Kammermusik für dich?

Ich habe immer gern Liederabende gegeben, auch weil ich gern Programme konzipiere. Leider habe ich im Moment nicht mehr so viel Zeit dazu. Ich trete natürlich auch gern und relativ häufig im Ensemble triunúri zusammen mit meinen Kollegen Judith Simonis und Jörg Schneider auf, aber da machen wir ganz andere Dinge, das geht beinahe in Richtung Weltmusik. Aktuell haben wir ein Programm mit Liebesliedern im Repertoire, zum Teil mit Eigenkompositionen von Jörg.

 

Ist das ein wichtiger Gegenpol zum Singen im Chor?

Es ist eine Ergänzung, würde ich sagen. Auch die Chorarbeit ist sehr abwechslungsreich, wir gehen quer durch die Epochen und Stilrichtungen, singen mal mit großem Orchester, mal a cappella, mal neue, mal alte Musik. Aber ich möchte das solistische Singen nicht missen, da kann ich mich noch von einer anderen Seite einbringen und zeigen als im Chor. Und es wirkt wiederum auf meine Arbeit im Chor zurück.

 

 

Ist es für dich ein Unterschied, ob du im Chorkontext oder anderswo als Solistin auftrittst?

Bei einem Liederabend oder einem triunúri-Konzert trete ich quasi privat auf, das ist etwas anderes, als wenn ich für einen Moment solistisch aus dem Chor heraustrete. Und es macht einen Unterschied, ob ich ein Weihnachtsoratorium als Solistin in einer Berliner Kirche singe, oder ob ich in der Philharmonie solo singe –und seien es auch nur fünf Takte –,und vorn steht Simon Rattle. Ich mache das natürlich freiwillig, aber je näher solch ein Termin rückt, auch jetzt die Lounge, desto mehr wächst die Aufregung. Natürlich ist die RundfunkchorLounge ein tolles Podium und die Kollegen sind nett und wohlwollend, aber sie hören doch mit besonderen Kennerohren zu. Trotzdem suche ich gern diese Herausforderung, vor allem wenn ich denke, ich habe etwas zum Ausdruck zu bringen. Und ich möchte, dass am Ende die Freude am Singen über die Angst vor der Aufregung siegt.

 

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Es ist ein toller Beruf! Eben wegen der enormen Abwechslung, wegen des Musizierens auf ganz hohem Niveau, wenn wir mit Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem DSO oder dem RSB und meistens großartigen Dirigenten Musik machen dürfen. Und was ich besonders liebe, sind die Reisen. Ich habe auch Romanistik studiert. Ich spreche Französisch und Spanisch, singe gern in fremden Sprachen und reise gern. Und wenn man sich überlegt, wo wir überall hinkommen, zuletzt Australien, Hongkong, Taiwan, Südamerika – das geht dann schon in Richtung Traumberuf.

 

Welche Musik hörst du privat?

Ganz bunt durcheinander. Wenn ich allerdings klassische Musik höre, dann so gut wie keine Vokalmusik. Gerne eine Brahms-Sinfonie oder Mendelssohn oder Schubert, aber auch Jordi Savall und diese Art Richtung Weltmusik. Ich höre gern Rockmusik, früher hab ich auch Heavy Metal gehört. Und wenn ich im Haushalt zu tun habe, läuft bei mir gern auch einmal den ganzen Tag über Radio Eins.

 

Und was sollte man in dieser Saison beim Rundfunkchor Berlin auf keinen Fall verpassen?

Ich freue mich generell auf jede Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern, etwas ganz Besonderes wird sicher wieder die Johannes-Passion mit Simon Rattle und Peter Sellars. Aber auch mit dem DSO und RSB haben wir interessante Projekte im Spielplan. Und als nächstes natürlich die Lounge, auf die ich jetzt mit freudiger Aufregung hinarbeite.

 

Termine
Erlebe Christine Lichtenberg im Konzert
Robin Ticciati
Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Petra Leipert, Sopran im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Petra Leipert

Die Sopranistin Petra Leipert ist seit 1987 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Schon als Kind war sie als Chorsängerin und Solistin in Funk und Fernsehen zu hören, lieh unter anderem dem Sandmännchen ihre Stimme. Im Gespräch erklärt sie, was das Besondere an Beethovens »Missa solemnis« ist und warum sie so gerne im Rundfunkchor singt.

Am 6. Oktober singt der Rundfunkchor Beethovens »Missa solemnis« im Konzerthaus Berlin. Was ist für dich persönlich die größte Herausforderung an diesem Stück?

Beethoven hat die Eigenschaft, sehr extrem zu komponieren: Wir singen sehr viel forte und gerade im Sopran sind viele Stellen wahnsinnig hoch notiert. Es gibt dann oft sehr lange Passagen, in denen beides gleichzeitig verlangt wird: laut und hoch singen. Es gibt zugleich aber auch ganz filigrane Teile, die wiederum sehr hoch und leise sind – die Kontraste in den einzelnen Sätzen sind enorm. Und wir stehen vor der Aufgabe, die Übergänge zwischen diesen Extremen auszugestalten. Darauf muss man gut vorbereitet sein. Dazu kommt, dass der Chor kaum Verschnaufpausen hat, weil er eigentlich die ganze Zeit gefordert ist. Aber es ist auch ein Stück, in dem wir wirklich zeigen können, was wir drauf haben. Ich freue mich sehr darauf!

Du hast die »Missa« ja schon etliche Male mit dem Rundfunkchor gesungen. Ist dir eine Aufführung besonders in Erinnerung geblieben?

Ja, ich kann gar nicht genau sagen wie oft. Aber ich erinnere mich, dass wir sie 1994 mit Sir Georg Solti in Salzburg gesungen haben. Er war ja ein Verfechter großer, tragender Interpretationen. Aber gleichzeitig sehe ich ihn immer noch vor mir, wie er diese typischen ›eckigen‹ Solti-Bewegungen macht, wenn es ein bisschen schneller wird. Das war ein tolles Erlebnis! Es gibt davon auch eine CD-Aufnahme, die ich mir immer noch hin und wieder anhöre.

In dieser Saison dirigiert der Chefdirigent Gijs Leenaars im Konzert Chor und Orchester. Wie ändert sich dadurch die Arbeit?

Die »Missa« ist einfach ein Chorstück. Sie steht und fällt mit dem Chor. Und natürlich kennt Gijs uns extrem gut. Deshalb freue ich mich schon sehr auf die Arbeit, weil er natürlich auf manche Dinge ganz anders guckt und anders hört – das ist für den Chor absolut von Vorteil. Und ich denke, dass man das auch bei den Konzerten merken wird.

Auch du kennst den Chor sehr gut. Du hast schon ab 1965 im damaligen Rundfunk-Kinderchor Berlin gesungen.

Ja, ich bin in Berlin-Oberschöneweide zur Schule gegangen und wir hatten einen Lehrer, der gerne einen Kinderchor gründen wollte. Er hat als erstes an unserer Schule mit den Kindern kleine Tests gemacht, um herauszufinden, ob sie musikalisch sind. Wir sollten zum Beispiel unser Lieblingslied singen oder einen Rhythmus auf dem Tisch nachklopfen. Anschließend hat er mich gefragt, ob ich in den Chor will. Da habe ich gesagt: »Ja, will ich!« Und es hat riesigen Spaß gemacht. Aus dem Chor hat sich dann der »Rundfunk-Kinderchor Berlin« entwickelt, in dem ich bis 1975 gesungen habe.

Fast jeder Deutsche kennt deine Stimme und verbindet mit ihr Kindheitserinnerungen, denn du hast das Sandmännchen gesungen. Wie kam es dazu?

Das war 1969 als der Fernsehturm eröffnet wurde und man wegen der Einführung des Farbfernsehens einen neuen Sandmann brauchte. Ich habe dann die dritte Strophe des Sandmann-Liedes gesungen. Aber wir haben damals als Kinderchor viele Aufnahmen gemacht – ungefähr alle vierzehn Tage – und es gibt auch Schallplattenaufnahmen mit mir aus dieser Zeit. Deshalb war das für mich erstmal gar nichts Großes und ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wie lange das Sandmännchen laufen würde. Für mich war das einfach wie ein Hobby.

Du hast also dein Hobby zum Beruf gemacht?

Ja, absolut! Es ist der schönste Beruf der Welt! Ich bekomme für das, was ich mache und was mir auch noch wahnsinnig viel Spaß macht, sofort etwas zurück in dem Moment, in dem das Publikum begeistert ist. Ich gehe nach jedem Konzert mit einer solchen Euphorie nach Hause. Wir reisen viel und machen im Rundfunkchor so unterschiedliche Projekte. Wir arbeiten mit tollen Dirigenten und Orchestern zusammen und ich habe dabei so viel gelernt – was Schöneres kann man sich gar nicht vorstellen.

Was sind neben der »Missa« deine persönlichen Highlights in dieser Saison?

Die Johannes-Passion mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern wird sicherlich toll. Und dann natürlich das Mitsingkonzert. Jedes Jahr gibt es wieder neue Herausforderungen: sowohl wenn wir neue Projekte machen als auch, wenn wir alte Sachen wieder aufnehmen. Ich freue mich darauf, weil ich merke, dass es mir von Jahr zu Jahr leichter fällt. Die Muskeln, die dafür verantwortlich sind, sind gut trainiert. Das kann noch eine Weile so weitergehen.

Termine
Erlebe Petra Leipert im Konzert
Nikolaisaal in Potsdam
Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Foto Isabelle Voßkühler, Sopran im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Isabelle Voßkühler

Die Sopranistin Isabelle Voßkühler ist seit 1997 festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Für die Liederbörse, das Mitsingkonzert für Schülerinnen und Schüler, am 16. Juni 2018 im Kammermusiksaal der Philharmonie hat sie teilnehmende Schulchöre bei der Vorbereitung auf das Konzert unterstützt.

Was ist deine Aufgabe bei der Liederbörse?

Meine Aufgabe besteht darin, im Vorfeld der Liederbörse einzelne Proben der Schulchöre zu besuchen, um einen ersten Kontakt zum Rundfunkchor Berlin herzustellen. Die eigentliche Probenarbeit leisten ja die Lehrer, die Schulchorleiter. Ich spreche mich deshalb vor meinem Besuch mit ihnen ab und wir planen, wie die gemeinsame Chorprobe ablaufen soll und was ich dazu beitragen kann. Während der Probe sehe ich dann, wie weit die Chöre sind und wo ich gegebenenfalls noch spontan unterstützen kann. Ich gehe in die unteren Klassenstufen – mit kleineren Kindern kann ich gut.

Wie bereitest du dich auf die Schulchor-Besuche vor?

Ich muss mir natürlich vor allem die Noten anschauen. Das Repertoire ist in diesem Jahr insofern schwierig, als viele unterschiedliche Sprachen vertreten sind: Russisch, Französisch, Englisch, Chinesisch und Türkisch. Das Thema lautet ja in diesem Jahr »Reise um die Welt«. Die Lehrer bekommen zur Vorbereitung die Noten mit Hörbeispielen von uns zugeschickt und studieren die Stücke dann entsprechend mit den Schülern ein.

Wie ist das Niveau?

Es geht uns bei der Liederbörse in erster Linie um die Freude am gemeinsamen Singen. Jeder Schulchor kann mitmachen. Wir sind immer wieder begeistert über das Engagement und den Enthusiasmus aller Teilnehmer. Natürlich ist das Niveau unterschiedlich. Manche Schulen sind mit ihren Chorleiterinnen oder Chorleitern schon viele Jahre dabei, manche Schulen machen zum ersten Mal mit. Ich besuche in diesem Jahr drei Schulen. Ein Chor aus Wilmersdorf mit 50 Schülern hat gerade eine Chorfahrt hinter sich, die haben da natürlich viel geschafft – mehr, als wenn sich ein Chor nur einmal in der Woche für eine Schulstunde trifft.

Bei meinen Besuchen habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich manche Kinder zunächst überhaupt nicht trauen zu singen. Ich versuche dann, ihnen – und auch manchen Lehrern – die Unsicherheit zu nehmen. Die Hauptsache ist, dass die Kinder Spaß haben und sich trauen, zu singen.

Gibt es lustige Erlebnisse?

Oh ja, immer wieder. Manche Kinder stellen ganz irre Fragen. Gestern hat mich eine Schülerin ständig irgendetwas gefragt: »Was ist dein Lieblingslied?« und sowas. Die Kinder freuen sich, wenn wir Rundfunkchor-Sänger zu Besuch kommen. Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig. Der stellt sich ja nicht so leicht her, wenn der Rundfunkchor Berlin im Konzert auf der Bühne steht und die Kinder drumherum auf den Zuhörerplätzen. Da gibt es auch keine Zeit, um Fragen zu stellen. Außerdem fühlen sich die Kinder auch ernst genommen, wenn wir sie besuchen. Weil es zeigt, dass auch wir uns für sie und ihr Umfeld interessieren.

Wie kann man heutzutage Kinder und Jugendliche für das Singen im Chor begeistern?

Ich denke, man muss früh beginnen, mit den Kindern zu singen und die Kinder auch über einen längeren Zeitraum bei der Stange halten. So wird das Singen zu einer ganz natürlichen Sache. Und dann geht es eben darum, die Freude am Singen zu vermitteln. Es gibt aber auch viele Kinder, die singen von sich aus sehr gern. Da geht es viel eher drum, die natürliche Lust am Singen zu fördern.

 

Warum engagiert sich der Chor im Education-Bereich bzw. in der Musikförderung?

Das ist einfach wichtig! Wir Rundfunkchor-Sängerinnen und -Sänger sind ja alle mit klassischer Musik groß geworden oder haben früh Interesse daran gefunden. Das ist aber nicht selbstverständlich. Durch die Liederbörse und das gemeinsame Singen mit Schulchören erreichen wir auch Kinder, die zu Hause nicht mit klassischer Musik in Berührung kommen.

In der Liederbörse werden Werke unterschiedlichster Musikstile gesungen. Welche Musik hörst du privat?

In der Beziehung bin ich ein Softie, ich mag Grönemeyer, Enya, Loreena McKennitt, Deutschpop. Wenn ich Klassik höre, dann kaum Chormusik. Wagners ›Ring‹ höre ich allerdings rauf und runter. Ich bin als Schülerin immer in die Oper gegangen, nicht in Diskotheken. Meine Kollegen ziehen mich immer damit auf, dass ich keine Popsongs kenne. Im Studium habe ich über Freunde die Smiths, Supertramp usw. kennengelernt, aber bis dahin habe ich nur Klassik gehört.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin für dich ein Traumberuf?

Ja, ist es! Absolut. Seit ich dabei bin, seit 1993, und nach wie vor. Ich kann im Chor meine beste Leistung bringen, und außerdem ist es familienverträglich. Ich habe ja ganz früh angefangen im Chor zu singen: gleich nach dem Abitur im Ernst-Senff-Chor und im RIAS Kammerchor, dann schon während des Studiums als Aushilfe im Rundfunkchor Berlin. Letztes Jahr konnte ich 20 Jahre als festes Mitglied feiern.

Worauf freust du dich besonders in der nächsten Saison?

Auf die Wiederaufnahme der »Johannes-Passion« mit Peter Sellars und Simon Rattle. Auf Berlioz‘ »Roméo et Juliette« im November mit Robin Ticciati. Und auf die »Trois petites liturgies de la présence divine« von Olivier Messiaen mit Ingo Metzmacher. Das ist ein schöner Dreiklang.

Termine
Erlebe Isabelle Voßkühler im Konzert
Kampagnenmotiv Liederbörse 2018
Robin Ticciati
Portrait Ingo Metzmacher
Foto des Dirigenten Sir Simon Rattle
Foto Jan Remmers, Tenor im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Jan Remmers

Jan Remmers ist seit 2005 festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Der Tenor trat schon häufiger kammermusikalisch in Erscheinung – auch in der früheren Kammermusik-Reihe des Rundfunkchores Berlin, den KammermusikPodien. In der RundfunkchorLounge am 9. Mai 2018 präsentiert er gemeinsam mit seiner Kollegin Barbara Berg und einem Hornquartett des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin Werke der drei Rundfunkchor-Bässe Jörg Schneider, Rainer Schnös und David Stingl.

»Das macht der Mai« ist das Thema der nächsten RundfunkchorLounge. Was verbindest du persönlich mit dem Mai?

Schöne Jahreszeit, ein sich ankündigender Sommer, Sonne, Pollenallergien.

Was ist deine Rolle bei der RundfunkchorLounge?

Da habe ich das volle Programm vom Chorsänger im Rundfunkchor Berlin über den Chorsänger in einem kleinen Ensemble bis hin zum Solisten. Und das ist sängerisch eine gewisse Herausforderung. Technisch singt man genauso, aber von der Einstellung her ist es anders.

Wie kam es zu diesem Projekt: Werke von drei Rundfunkchor-Sängern für die Besetzung Sopran, Tenor und Hornquartett?

Mit meinem alten Ensemble, dem Herrenquartett Vokalzeit, habe ich vor ungefähr zehn Jahren ein Projekt gemeinsam mit diesem Hornquartett des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin gemacht. Das hat mir viel Spaß bereitet, denn die vier sind nicht nur gute Musiker, sondern allesamt auch sehr nette Menschen. Als wir letztes Jahr mit der »Deutschen Messe« von Stefan Heucke in Frankfurt waren, habe ich die vier wiedergetroffen. Abends nach der Probe kamen wir auf die Idee: Wieso machen wir nicht wieder was zusammen? Als dann unser Chordirektor Hans Rehberg Ideen für die RundfunkchorLounge sammelte, fragte ich Rainer Schnös: »Hast du nicht Lust, was für Hornquartett und Tenor zu schreiben?« »Nee«, sagte der, »aber für Hornquartett, Tenor und Sopran!« Dann haben wir Jörg Schneider und David Stingl angesprochen, ob wir nicht wieder mal eine Art »Sänger komponieren« machen wollten. Die drei Bässe haben früher schon regelmäßig Werke für unsere früheren KammermusikPodien geschrieben. Und sie waren sofort dabei. – Alle drei haben also für diese Besetzung geschrieben, Hornquartett mit den beiden Stimmen abwechselnd oder zusammen, das war jedem freigestellt.

Wie ist dein Eindruck nach der ersten Leseprobe?

Es sind sehr interessante Werke, das kann ich schon sagen. Alle drei Komponisten gehen völlig unterschiedlich mit der Besetzung um, und jeder auf eine interessante und schöne Weise!

Gibt es Vorbilder für diese Besetzung?

Es gibt Werke für Hornquartett und Herrenquartett. Das war zu Zeiten von Schubert in Mode, ist danach aber wieder verschwunden.

Ihr habt also die Chance, eine neue Gattung zu etablieren!

Es ist auf jeden Fall mal eine andere Besetzung! Das Horn ist ja sehr klangvoll und kann auch klangvoll laut sein, ohne wie eine Trompete oder eine Posaune alles »niederzumähen«. Hörner geben dem Orchester einen räumlichen Klang, aber man kann Hörner auch draußen hinstellen, und es hört sich immer noch volltönend an. Nun haben wir ja eine schöne Kuppel im silent green – das gibt wiederum andere Möglichkeiten.

Konntest du Einfluss auf die Kompositionen nehmen?

Das wollte ich gar nicht und das hätten die drei sicherlich auch nicht zugelassen. Handwerklich guter Kompositionen nehme ich mich mit großer Hingabe an, und bei den drei Kollegen ist da alles im grünen Bereich – die wissen, wie man für Stimme schreibt. Jeder der drei hat allerdings nochmal eine Art »Fragestunde« mit den Hornisten bekommen, was klanglich so alles möglich ist. Denn es macht schon einen Unterschied, ob man das in der Instrumentationslehre von Berlioz und Strauss liest oder ob man mit Leuten spricht, die ihr ganzes Leben mit dem Instrument verbracht haben.

Singst du zum ersten Mal Werke der drei?

Ein Werk von Jörg Schneider singe ich zum allerersten Mal. Und das freut mich sehr, denn er hat eine wirklich poetische Klangsprache – mehr verrate ich nicht. Von David Stingl habe ich vor Jahren mal in einem Oktett etwas gesungen, von Rainer Schnös schon des öfteren etwas. Alle Werke sind kompositorisch interessant geschrieben, sie liegen gut in der Stimme, das macht Freude.

Du trittst häufiger kammermusikalisch in Erscheinung. Was reizt dich an der Kammermusik?

Ich singe gern solistisch mit Instrument, meist mit Klavier. Man kann selbst frei gestalten, wie man es für richtig hält. Man ist mit seinem Partner auf Augenhöhe und nicht dem Koordinierungswillen eines Menschen unterworfen, der vorne steht und den besten Platz zum Hören hat. Das ist aber nicht negativ gemeint – in einer größeren Gruppe geht es einfach nicht anders.

Aber im Chor zu singen ist auch erfüllend?

Natürlich, das ist eine tolle Sache! Es ist anders. Anders schön. Ich habe viele Sternstunden mit dem Rundfunkchor Berlin erlebt, obwohl ich noch gar nicht so alt bin.

Welche Musik hörst du privat?

Ich mache täglich so viel Musik. Als Hörer würde ich sagen: Die schönste Musik ist mir die Stille.

Was war für dich das Konzert-Highlight in dieser Saison?

Das war Richard Wagners »Parsifal« mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle. Es gab einige tolle Konzerte, aber das war eine Sternstunde. Das Orchester ist generell fantastisch, aber hier haben sie sich selbst übertroffen, und das gilt für meine Begriffe ebenso für Sir Simon. Und dann noch diese Riege an Weltstars als Solisten, die alle diese Bezeichnung verdienen. Da musste man als Chorsänger, wenn man gerade nicht zu singen hatte, einfach nur dasitzen und zusehen, dass man den Mund wieder zubekommt.

Termine
Erlebe Jan Remmers im Konzert
Kampagnenmotiv RundfunkchorLounge
Foto der Philharmonie de Paris
Foto Catherine Hense, Sopran im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Catherine Hense

Catherine Hense ist seit 1988 Sopranistin im Rundfunkchor Berlin. 1998 reiste sie schon einmal mit dem Chor nach Adelaide. Heute, 20 Jahre später, freut sie sich auf eine Wiederbegegnung mit der Stadt und vier weitere Aufführungen mit dem »human requiem«, der szenischen Umsetzung des Brahms-Requiems durch Jochen Sandig und ein Team von Sasha Waltz & Guests.

Der Rundfunkchor Berlin reist mit dem »human requiem« nach Adelaide. Du warst schon einmal dort?

Ja, wir waren 1998 schon einmal dort. Im Gepäck hatten wir ein Riesenprogramm: Schönbergs »Gurrelieder«, Rachmaninows »Vesper-Messe«, Beethovens »Missa Solemnis« und ein A-cappella-Programm. Damals war ich von der beschaulichen Stadt sehr beeindruckt. Sie ist wunderschön, bietet viel Kultur, Architektur im Kolonialstil, tolle grüne Parklandschaften und das Meer. Und das Licht ist ganz anders als hier in Europa. Die Schwierigkeit für uns wird der große Zeitunterschied von zwölf Stunden sein. Da müssen wir schauen, wie schnell wir in den Alltag reinkommen.

Genießt du die Reisen mit dem Chor?

Oh ja, sehr. Wir sehen viel von Land und Leuten und der anderen Kultur. Aber je älter man wird, umso anstrengender wird es natürlich auch. Die Ruhezeiten zur körperlichen Regeneration werden länger, man rennt nicht mehr zu jeder Sehenswürdigkeit. Ich werde mir in Adelaide ein paar Sachen gezielt anschauen: vielleicht ein Museum, den alten großen Bahnhof, den Zentralmarkt, die Strandpromenade und natürlich das Meer. Und ansonsten liegt die Konzentration auf den vier Konzerten.

Ihr habt das »human requiem« an vielen Orten und Spielstätten aufgeführt. Was sind die jeweiligen Herausforderungen?

Die unterschiedlichen Räumlichkeiten vor Ort. Man muss sich körperlich und gesanglich auf den jeweiligen Raum einstellen. Brauche ich mehr Kraft in einer trockenen Akustik oder lässt es sich durch den natürlichen Hall im Saal leichter singen? Das ist die Frage. In Paris waren wir zum Beispiel in einer großen ehemaligen Werkhalle, einem Stahlgerüstbau im Jugendstil. Sie war wunderschön, aber riesig groß. Die Herausforderung bestand darin, den Raum szenisch und sängerisch zu füllen, bei weit weniger Publikum, als wir es sonst gewohnt sind.

In Hamburg waren wir auf der Baustelle der Elbphilharmonie. Damit der Charakter der Inszenierung entsprochen werden konnte, wurde extra Rollrasen ausgelegt. Die gefühlt zwei Meter großen Menschen in Steppjacken standen dicht gedrängt, so dass man die eigenen Kollegen nur noch erahnen konnte: Als ich eine Soprankollegin gefunden hatte, nahm ich ihre Hand und ließ sie nicht wieder los.

Es gibt Theater, die durch die Polsterbestuhlung und die Vorhänge eine sehr trockene Akustik haben. Das war in Rotterdam der Fall. Und es gibt Räume, die akustisch und von der Größe her ideal sind für diese Aufführung, wie das Radialsystem V am Ostbahnhof. Auch die Kirchenraumakustik in New York war sehr gut.

Deshalb sind die Proben vor den Aufführungen ganz wichtig. Die Generalproben machen wir oft mit Publikum, weil für uns die Zuhörer als Ansprechpartner und die Größenverhältnisse im Saal wichtig sind.

Kann man das überhaupt ohne Publikum proben?

Wir hatten inzwischen so viele Aufführungen, dass wir die Reaktionen des Publikums gut einschätzen können. Es gibt Menschen, die reagieren unnahbar, andere sind tief berührt, weinen, lächeln, schließen die Augen. In New York hatte Kurt Masur direkt nach 9/11 das Brahms-Requiem aufgeführt. In unserer szenischen Aufführung ist vielen im Publikum innerlich noch einmal aufgebrochen, was damals passiert ist. Viele waren hinterher ganz beseelt von der Atmosphäre und blieben bis zu eine Stunde lang nach dem Konzert im Saal sitzen oder sprachen mit uns darüber.

Ein besonderes Erlebnis hatten wir in Athen, als eine Gruppe von Flüchtlingen zur Generalprobe eingeladen war. Sie wussten nicht, was sie da erwartet. Wir haben sie mit unserem Gesang und dem Agieren eingefangen. Viele Frauen mit Säuglingen waren da und Kinder, die sind während der Aufführung neben uns an der Hand mitgelaufen.

Im 4. Satz (»Wie lieblich sind deine Wohnungen«) habe ich meinem Kollegen Holger Marks zugeflüstert: »Ich hole jetzt ein Kind, das unbedingt mitschaukeln möchte. Nimmst Du es bitte mit auf die Schaukel?« Das war für mich ein ganz besonderer Moment, … die leuchtenden Augen des Kindes …

Bekommst du die einzelnen Reaktionen der Besucher mit oder bist du ganz konzentriert auf das Singen?

Ich suche gern Gesichter und gehe auf Menschen zu. Man muss sich allerdings immer genau überlegen und abschätzen können, ob man den Besucher nur anschaut oder berühren kann, wie lange man vor einer Person verharren kann oder ob man einfach vorsichtig an ihm vorübergeht. Sie reagieren ja wie schon gesagt sehr unterschiedlich.

In den ersten Vorstellungen, als mir weinende Menschen entgegenkamen, blieb mir fast der Ton im Halse stecken. Er war wie zugeschnürt. Das konnten wir natürlich vorher nicht proben. Heute ist es ein schönes Gefühl, diejenigen zu beruhigen, sie zu trösten oder ihnen Hoffnung zu geben.

Ist solch eine Aufführung erfüllender als nur auf dem Konzertpodium zu stehen?

Nein, es ist nur eine ganz andere Konzentration. Auf dem Podium habe ich meine Stimmgruppe um mich herum und kann mich voll auf die Musik und den Dirigenten konzentrieren. In der szenischen Arbeit ist es die »Szene«, die chorische, aber besonders die chor-»solistische« Arbeit, die gleichzeitig erfüllt werden muss. Da liegt die Konzentration mehr auf mir selbst.

Bereitest du dich auf das »human requiem« anders vor als auf traditionelle Konzerte?

Man hört den Chor in den Aufführungen immer um sich herum im ganzen Raum. Aber dadurch, dass jeder für sich allein  durch das Publikum läuft, ist man aus seiner Stimmgruppe herausgelöst. Man singt quasi solistisch. Ich muss mir die Kraft, durch das Stück zu kommen, anders einteilen, als wenn ich kompakt in meiner Stimmgruppe stehe. Das Brahms-Requiem solistisch zu singen, ist vergleichbar mit einem Liederabend.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin für dich ein Traumberuf?

Ja, absolut. Besonders, weil sich seit der Wende unsere Arbeit so vielseitig gestaltet. Vor der Wende sangen wir hauptsächlich Konzerte und machten viele Aufnahmen. Inzwischen machen wir viele szenische Projekte, Konzerte mit tollen Orchestern im In- und Ausland, Opern, Kinderkonzerte, Mitsingkonzerte … und jedes Projekt ist auf seine Weise interessant.

Welche Musik hörst du privat?

Morgens lasse ich mich vom Radio wecken. Da höre ich die unterschiedlichsten Sender. Ansonsten höre ich gerne im Nachklang unsere Konzerte in der Digital Concert Hall oder Konzertaufzeichnungen im Radio. Es ist gut, einfach mal von außen zu hören, wie der Chor klingt. Insgesamt höre ich aber eher wenig Musik privat.

Und was sollte man in dieser Saison nicht verpassen?

Diese Woche das Duruflé-Requiem mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und nach unserer Australien-Reise den »Parsifal« mit Simon Rattle – Wagner liebe ich sehr. Und zum Ende der Saison die drei Konzerte der Liederbörse – die liebe ich, weil ich selbst sehr gern mit Kindern arbeite. Ich bin ja auch Patin in unserem SING!-Programm. Das kann ich jedem empfehlen, der mit Kindern ein Konzert besuchen will. Die Kinder sind beseelt, wenn sie mit uns singen und stolz, ihre eigenen Lieder präsentieren zu können. Das macht einfach Freude!

Termine
Erlebe Catherine Hense im Konzert
Foto von Robin Ticciati
Foto von Robin Ticciati
Foto »human requiem«
Foto von Simon Rattle
Kampagnenmotiv Liederbörse 2018

Auf ein Wort mit

Holger Marks

Holger Marks ist seit 2008 Tenor im Rundfunkchor Berlin und seither nicht nur als Sänger, sondern regelmäßig auch als Moderator zu erleben. Bei der nächsten RundfunkchorLounge am 24. Januar 2018 zur »Macht der Sprache« präsentiert er vier Beatles-Songs in der Übersetzung in verschiedene »Musiksprachen«, etwa die von Fauré oder Purcell.

»Sprache als Musik, Musik als Sprache« ist das Thema der nächsten RundfunkchorLounge. Welche Bedeutung hat Sprache für dich als Sänger?

Wenn man ein Lied interpretieren und den Sinn des Textes transportieren möchte, dann hilft die Musik mit ihren Linien und ihrer Form ungemein. Ein Text lässt sich durch Musik einfach viel besser ausdrücken. Außerdem: Wenn man nur Lieder mit Vokalisen sänge, würde es mit der Zeit vermutlich ein bisschen langweilig werden.

Spielt das (gesungene) Wort nicht eigentlich immer eine Rolle im Chorgesang?

Eigentlich ja, vor allem im Chorgesang. Es gibt natürlich Kompositionen, bei denen es rein auf den Klang ankommt. Und in besonders halligen Räumen wie dem Berliner Dom wirken sicherlich auch solche Stücke, die nur auf »a« oder »o« gesungen werden. Aber meist spielt die Sprache doch eine große Rolle.

Erleichtert es die Einstudierung eines Werkes, wenn darin ein Text vertont wurde?

Mir geht es eher andersherum:  Die Musik erleichtert es mir, einen Text auswendig zu lernen. Wenn ich eine Melodie singe, die den Text unterstützt – bei einem fröhlichen Text geht sie beispielsweise nach oben, bei einem traurigen nach unten -, kann ich mir den Text viel besser einprägen.

Wie ist es, wenn du einen Text singen musst, der dir nichts sagt?

Solange die Musik mich für sich einnehmen kann, ist mir der Text eigentlich wurscht, da kann er machen, was er will. Als ich im Englischen noch nicht so bewandert war, habe ich vor allem Pop-Songs ausschließlich wegen der Musik oder der Stimme des Sängers gemocht. Erst später habe ich dann gemerkt, was ich da seinerzeit eigentlich angehört habe. Heute ist es ähnlich: Zuerst höre ich die Musik, dann erst kommt der Text an die Reihe.

Was kann vertonte Sprache ausdrücken, was das gesprochene Wort nicht ausdrücken kann?

Die Sprache kann für mich emotional enorm hinzugewinnen, wenn sie vertont wird. Ich war gerade in einem Walt-Disney-Film. In einer der letzten Szenen singt ein Kind seiner Urgroßmutter ein Lied vor. Und das ist so rührend, dass ich doch tatsächlich weinen musste. Natürlich war diese Szene sehr schmalzig. Doch sie hat mich voll getroffen: Wenn das Kind den Text seiner Großmutter nur vorgesprochen hätte, hätte mich das nie so berührt. Genau das ist es, was die Musik kann. Sie kann der Sprache, einem Text eine unglaubliche Innigkeit verleihen, die das gesprochene Wort so nicht erreichen kann.

Im Rundfunkchor singt ihr in vielen Sprachen. Gibt es Sprachen, die das Singen erleichtern, und Sprachen, die es schwer machen?

Wir kommen eigentlich mit jeder Sprache gut zurecht, haben jeweils auch spezielle Sprachberater. Für mich persönlich macht es einen Unterschied, ob wir ein Stück in der Originalsprache singen oder nicht. Ich singe zum Beispiel als Solist Händels »Messias« viel lieber im englischen Original – weil die Worte besser vertont sind, sie liegen einfach besser im Melodiestrom als in der deutschen Übersetzung. Da wirkt es manchmal ein bisschen holprig. So ist das auch im Chorgesang. Aber als Ensemble fühlen wir uns in vielen Sprachen zuhause.

Es macht keinen Unterschied, ob du die Sprache selbst sprichst oder verstehst?

Wir haben ja eine Übersetzung und wissen, wovon wir singen. Wir arbeiten nicht nur an der Aussprache, sondern auch inhaltlich. Wir gehen den Text mit unseren Sprachberatern Wort für Wort durch, markieren uns die Schlüsselwörter, da geht’s oft schon um die richtige Betonung – wie zum Beispiel im Russischen, wo ein falsch gesungenes »l« dem Ganzen schon mal eine ganz andere Bedeutung geben kann. Und manchmal bekommen wir auch den übersetzten Text wortgetreu schriftlich.

Du trittst bei unseren Veranstaltungen immer wieder auch als Moderator in Erscheinung, beispielsweise in unserer Liederbörse. Warum braucht es in einem Konzert überhaupt einen Moderator?

Ich glaube, dass es ein Konzert immer bereichern kann, wenn das Publikum darüber informiert wird, wer der Komponist ist, in welchem Jahrhundert er gelebt hat, wie dieses Jahrhundert aussah und welche Intentionen der Komponist beim Schreiben hatte. Ich habe das Gefühl, dass das Publikum die Musik mit einer anderen Einstellung aufnimmt, wenn es die Geschichte des Stückes kennt.

Macht es für dich einen Unterschied, ob du mit Noten auf der Bühne stehst oder frei plauderst?

Absolut. Eine Moderation ist im Vorfeld sehr zeitaufwendig – weil ich möchte, dass die Zuhörer wirklich einen Mehrwert geboten bekommen. Wenn ich als Sänger im Chor mit Noten auf der Bühne stehe, haben wir natürlich auch geprobt. Doch wir bringen eine Interpretation, die wir im Vorfeld einstudiert haben. Für eine Moderation mache ich mir Stichworte, und dann nehme ich spontan die Stimmung im Saal auf. Ich merke, wo ich die Leute packe, wo ich deutlicher werden muss oder wo ich auch mal meine Klappe halten sollte. Da ich seltener moderiere als singe, stehe ich zuvor meist mit schlotternden Knien am Bühneneingang. Aber wenn ich dann auf der Bühne stehe, lege ich einfach los – und das hat bis jetzt meistens ganz gut geklappt.

Du wirst bei der Lounge am 24. Januar auch kammermusikalisch zu erleben sein. Was erwartet uns da?

Ich will nur so viel verraten: Ich werde das berühmte »Yesterday« von Gabriel Fauré singen.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf für dich?

Ich hatte immer zwei Traumberufe: Der eine war Pilot, der andere war Musik zu machen. Beim einen Traum haben mir meine Augen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich bin glücklich, dass ich meinen zweiten Traumberuf ausüben darf. Ich liebe Ensemblegesang. Ich singe auch gern solistisch,  auch mit Orchester, aber wenn sich in einem Ensemble zum Beispiel vier Stimmen treffen, die total gut zusammenpassen und wunderschöne Musik machen – das ist etwas, was mich träumen lässt. Genauso ist es im großen Chor. Wenn da ein gemeinsamer Klang entsteht, nur hervorgebracht von Stimmen, mit wunderbaren Klängen und schwebender Musik, dann fühle ich mich sehr wohl. Manche Stücke schaffen das besser, manche weniger. Aber der Chorklang ist doch immer eine große Freude für mich.

Welche Musik hörst du denn gern privat?

Ganz andere. Ich bin ein absoluter Fan des R&B von den 80ern bis heute. Je grooviger die Drums, je fetter der Bass, desto besser. Ich brauche, wenn ich Musik höre, Rhythmus. Ich muss mitwippen, manchmal singe oder schnipse ich dazu. Motown mag ich auch mal gern. Aber Babyface oder Brian McKnight oder die spätere Whitney Houston – die haben es mir besonders angetan.

Und zum Abschluss noch die Frage: Was sollte man in dieser Saison nicht verpassen?

Ich liebe vor allem französische und skandinavische Komponisten in der Chormusik. Ich hoffe daher, dass viele Freunde die Gelegenheit haben werden, bei Ravels »L’Enfant et les sortilèges« mit den Berliner Philharmonikern dabei zu sein.

Auf ein Wort mit

Gijs Leenaars

Am 22. Dezember 2017 dirigiert Gijs Leenaars, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunkchores Berlin, zum zweiten Mal das Weihnachtskonzert im Berliner Dom. Der Abend gehört zu den festen Größen im Berliner Konzertkalender. Und jedes Jahr erklingt ein neues weihnachtliches Programm.

Was ist für die Programmplanung eines Weihnachtskonzerts relevant? Was macht für dich ein gutes Weihnachtsprogramm aus?

Ein Weihnachtskonzert hat fast eine rituelle Funktion, es ist eine Art Zeremonie und deshalb mit bestimmten Erwartungen verbunden. Ich denke, man kann variieren, wie konkret man auf die Geburtsgeschichte eingehen will, aber man muss dieses Zusammensein in der dunklen Jahreszeit musikalisch unterstützen und untermalen. Ein Weihnachtskonzert markiert einen ganz bestimmten Punkt im Jahr, anders als andere Konzerte.

Und was erwartet uns in diesem Jahr beim Konzert am 22. Dezember?

Ich habe versucht, ein Programm zu gestalten, das einerseits traditionelle Weihnachtsmusik beinhaltet, andererseits Musik, die zwar für mich eine Beziehung zu Weihnachten hat, die aber nicht zum klassischen Weihnachtsrepertoire gehört. Und dabei habe ich versucht, nur Stücke auszuwählen, von denen ich glaube, dass sie in diesem Raum mit seinem riesigen Nachhall funktionieren. Wir werden versuchen, die Räumlichkeit des Domes auszunutzen. Wir werden mit verschiedenen Choraufstellungen arbeiten, damit jeder im Publikum, auch in der fünfzehnten Reihe, sozusagen einmal in der ersten Reihe sitzt.

Für viele unserer Konzertbesucher wird die Weihnachtszeit mit dem Konzert am 22. Dezember eingeläutet. Wann beginnt für dich Weihnachten?

Das ist für uns Holländer speziell, weil wir am 5. Dezember Sinterklaas feiern. Das war früher als Kinderfest wichtiger als Weihnachten. Für uns fängt damit der Festmonat an, und viele Familien haben dann auch gleich den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer – wir hier in Berlin auch. Das sind fast drei Wochen, die wir vorfeiern. Als Dirigent leite ich jedes Jahr ein Weihnachtsoratorium in den Niederlanden und das Konzert im Berliner Dom. Und wenn ich mit den Proben für diese Konzerte anfange, dann wird mir endgültig weihnachtlich zumute.

Gibt es noch andere besondere Weihnachtstraditionen in den Niederlanden?

Das ändert sich mit der Globalisierung. Meine Frau kommt aus Italien, da feiert man groß am 24. Dezember abends, in den Niederlanden feiert man klassisch am 25. Dezember. Und weil wir unsere Familien besuchen, feiern wir drei Mal Weihnachten.

Wird bei euch zu Weihnachten gesungen?

Wir singen jetzt schon fast jeden Abend, auch viele deutsche Lieder, die mein vierjähriger Sohn aus der Kita mitbringt.

Und welche Musik hörst du generell privat?

Wenig. Ich muss mir vieles anhören, aber das ist dann eher beruflich. Als Genuss höre ich sehr selten Musik. Wenn, dann vor allem Jazz.

Hast du einen besonderen Wunsch zu Weihnachten?

Es gibt viele Wünsche, was die Weltlage betrifft. Was zum Beispiel jetzt wieder in Israel passiert, ist traurig. Es wäre schön, wenn irgendwo in der Welt mal ein Konflikt gelöst würde.

Ein beliebtes Geschenk zu Weihnachten sind Konzertkarten. Welche Konzerte des Rundfunkchores Berlin würdest du als Weihnachtsgeschenk empfehlen?

Das ist schwer zu sagen. Aber persönlich freue ich mich besonders auf unser Abschlusskonzert von Chor@Berlin, weil es immer toll ist, solch ein reiches A-cappella-Programm zu erarbeiten. Als Geschenk eignet sich aber auch die RundfunkchorLounge im Januar sehr gut. Ich glaube, dass dieses Experiment RundfunkchorLounge inzwischen richtig gut funktioniert und ein entspannter, überraschender Abend garantiert ist. Zusammen mit einer Flasche aus unserer Weinedition ist das ein perfektes Weihnachtsgeschenk.

Termine
Erlebe Gijs Leenaars im Konzert
Kampagnenmotiv Weihnachtskonzert 2018 des Rundfunkchores Berlin
Kampagnenmotiv RundfunkchorLounge
Kampagnenmotiv Abschlusskonzert Chor@Berlin

Auf ein Wort mit

Peter Ewald

Seit 2011 ist Tenor Peter Ewald festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Der Heavy Metal-Fan freut sich auf die besonderen Herausforderungen des kammermusikalischen Gesangs in der kommenden RundfunkchorLounge.

In der RundfunkchorLounge dreht sich alles um das Thema »Beruf und Berufung«. Wolltest du von klein auf Sänger werden oder gab es auch andere Berufswünsche? Wie bist du zum Beruf des Sängers gekommen?

Mein allererster Berufswunsch war – neben Elektriker, dem Beruf meines Vaters – Pfarrer. Ich wollte also nicht von klein auf Sänger werden. Aber das Singen hat seit meinem zwölften Lebensjahr, seit ich im Kirchenchor gesungen habe, immer eine große Rolle gespielt. Seit meinem fünften Lebensjahr spiele ich Klavier und ich erhielt während des Abiturs in einer kirchlichen Ausbildungsstätte in Potsdam sehr intensiv Orgelunterricht. Eigentlich wollte ich ja Theologie studieren, doch mein Lehrer fragte mich damals: »Willst du nicht Kirchenmusiker werden? Das würde doch besser passen!« Da habe ich mich umentschieden. Ich studierte in Halle an der Saale Kirchenmusik und hatte dort einen sehr guten Gesangslehrer: Olaf Schöder, ohne den ich wahrscheinlich nie Sänger beim Rundfunkchor Berlin geworden wäre.

Nachdem ich nach dem Studium meine Stelle als Kirchenmusiker im Spreewald angetreten hatte, merkte ich, dass meine Gesangsfähigkeiten allmählich einrosteten. Deshalb habe ich in den 1990er-Jahren nochmal ein dreijähriges Fernstudium im Fach Gesang in Halle gemacht. Mein Lehrer Olaf Schöder, der mich bereits während meines ersten Studiums in Halle unterrichtet hatte, empfahl mir schließlich, mich als Aushilfe beim Rundfunkchor Berlin vorzustellen. 2001 wurde ich als Aushilfe angenommen und war seitdem regelmäßig bei Projekten dabei. Als sich 2011 die Chance ergab, für eine feste Stelle vorzusingen, habe ich diese ergriffen – und es hat geklappt!

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin für dich Beruf oder Berufung? Ist es ein Traumberuf?

Es ist auf jeden Fall ein Traumberuf. Was man in den Konzerten mit so bedeutenden Dirigenten erleben kann, ist einfach faszinierend. Hinzu kommt: Singen tut der Seele und dem Körper gut, so empfinde ich es jedenfalls. Wenn man das als Berufssänger jeden Tag in der Probe oder im Konzert erleben darf, ist das ein großes Glück und ein schöner Nebeneffekt.

Im Rundfunkchor Berlin engagierst du dich auch im Education-Bereich, u.a. besuchst du die Schulchöre, die an der Liederbörse teilnehmen. Interessieren sich die jungen Menschen für den Beruf des Chorsängers?

So, wie ich es mitbekomme, spielt es für die wenigsten eine Rolle. Was ich aber beachtenswert finde: Die Chöre, mit denen ich in Berlin zu tun habe, treffen sich ja außerhalb des Unterrichts in der Freizeit. Ich gehe meist in die höheren Klassen, 10. bis 12. Klasse. Hier gibt es einen guten Zulauf. Dass sogar die Jungs mitmachen, finde ich schon sehr erstaunlich. In meiner alten Heimatstadt Lübben gibt es einen Männerchor, den ich seit 25 Jahren leite. Mit Nachwuchs sieht es hier ganz schlecht aus, weil dort einfach nicht mehr gesungen wird. Deshalb finde ich meine Erfahrungen mit der Liederbörse umso erstaunlicher. Die Schulchöre, die an der Liederbörse teilnehmen, werden häufig von Frauen geleitet. Sie freuen sich, dass endlich mal ein Mann mit den jungen Männern singen kann. Und auch die Jungs freuen sich, dass mal ein Mann mit ihnen singt. Denn es bringt etwas: Selbst in den drei Stunden, die wir miteinander arbeiten, lernen sie ihre Stimme anders kennen und entdecken Fähigkeiten, von denen sie vorher nicht wussten, dass sie sie hatten.

In der RundfunkchorLounge singst du mit Kollegen in einem neunköpfigen Männerchor Werke von Mendelssohn Bartholdy. Singst du in dieser Formation das erste Mal? Was reizt dich an der Kammermusik?

Ja, die Gruppe wurde für diese RundfunkchorLounge ausgewählt. Reizvoll ist, dass jede Stimme nur zweifach besetzt ist. Man ist also solistisch gefordert, trägt aber nicht allein die Verantwortung. Es ist ein geschützter solistischer Raum, würde ich es mal nennen. Das ist reizvoll.

Wenn du das Singen zum Beruf gemacht hast: Was tust du dann in deiner Freizeit?

Ich habe mit meiner Frau vor einem Jahr ein Häuschen mit 3000 Quadratmetern Land gekauft, das mal unser Wohnsitz werden soll. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Außerdem bin ich immer noch in der Gemeinde tätig, in der ich früher Kirchenmusiker war. Ich leite hier den Kirchenchor und den Posaunenchor. Ab und zu spiele ich auch noch Orgel im Gottesdienst.

Welche Musik hörst du privat?

Heavy Metal. Ich gehe des Öfteren auf Konzerte und fahre seit zehn Jahren jedes Jahr nach Wacken.

Was sollte man in dieser Saison nicht verpassen?

Ich freue mich immer auf die außergewöhnlichen, szenischen Projekte. Das Gastspiel mit dem »human requiem« in Australien im März ist doppeltes Glück! Denn dieses Stück macht mir unheimlich viel Spaß – und in Australien war ich noch nie.

Auf ein Wort mit

Benjamin Goodson

Seit Beginn der Saison 2016/17 ist Benjamin Goodson Assistent des Chefdirigenten des Rundfunkchores Berlin. Als solcher betreut er die Schola und erarbeitet mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein anspruchsvolles A-cappella-Programm.

Was ist die Idee der Schola? An wen richtet sich das Projekt?

Wer Sänger werden möchte, muss an der Hochschule Sologesang studieren. Dieses Studium bereitet die Studenten jedoch nicht auf eine Karriere in einem Profichor vor, denn diese erfordert zum Teil andere Kompetenzen und Qualitäten. Die Idee der Schola ist, dass junge Sängerinnen und Sänger schon während des Studiums das professionelle Chorsingen kennen lernen und erfahren, welche Herausforderungen sich ihnen in diesem Beruf stellen.

Was ist deine Aufgabe bei der Schola?

Die Schola besteht aus zwei Teilen. Die jungen Sänger arbeiten zehn Tage mit dem Rundfunkchor Berlin zusammen und studieren gemeinsam mit dem Chor ein Programm ein. Das heißt, sie sind bei allen Proben dabei und singen auch das Konzert mit. Im zweiten Teil arbeiten  sie allein als Kammerensemble und studieren ein A-cappella-Programm ein. Ich finde diesen Teil sehr wichtig, denn im kleinen Ensemble tragen sie die komplette Verantwortung. Es ist wichtig, dass sie auch im Rundfunkchor Berlin mitsingen und einen Eindruck gewinnen können. Aber wenn man mit 63 Profisängern zusammen singt, klingt es immer gut. Im Kammerensemble a cappella müssen sie aber die Verantwortung für die Qualität selbst übernehmen. Diesen Teil zu leiten, ist meine Aufgabe. Ich habe in Oxford einen der Universitätschöre geleitet, habe also Erfahrung mit jungen Sängern. Wenn die Teilnehmer der Schola etwas über den Beruf des Chorsängers wissen möchten oder andere Fragen haben, bin ich für sie da und gebe Antworten.

Geht das Konzept der Schola auf?

Ich glaube schon. Ich mache das jetzt zum zweiten Mal. Das Feedback, das ich bekomme, ist gut und zeigt, dass das Konzept etwas ganz Besonderes ist. So etwas wird an der Hochschule nicht angeboten. Möglicherweise öffnet sich dadurch für einige Teilnehmer ein Berufsweg, den sie vorher nicht direkt wahrgenommen haben. In der Schola können sie erfahren, ob die Arbeit in einem Chor etwas für sie ist. Professioneller Chorsänger zu werden, ist keine zweite Wahl.

Was erwartet uns beim Abschlusskonzert am 17. November?

Das Hauptkonzert ist das »Stabat mater« von Antonín Dvořák, zusammen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Jakub Hrůša. Nach dem Konzert in der Philharmonie wird die Bühne so schnell wie möglich umgebaut. Dann wird die Schola ein Post-Konzert a cappella aufführen. Das Programm ist eine breite, sehr anspruchsvolle Auswahl von Stücken, die alle eine Verbindung zu Dvořák und zur Passionsthematik haben.

Was machst du sonst noch beim Rundfunkchor Berlin?

Ich bin der Assistent des Chefdirigenten. Das heißt, ich bin immer dabei, wenn Gijs Leenaars mit dem Chor arbeitet und helfe ihm in der Vorbereitung seiner Projekte. Aber ich übernehme auch eigene Projekte und Einstudierungen. Ich leite dieses Jahr die Liederbörse und studiere zum Beispiel das Silvesterkonzert ein.

Wie bist du zum Rundfunkchor Berlin gekommen?

Ich kenne Simon Halsey, den früheren Chefdirigenten und jetzigen Ehrendirigenten, schon sehr lange. Über ihn bin ich in Kontakt mit dem Rundfunkchor Berlin gekommen. Als die Stelle frei wurde, hat man mich darauf aufmerksam gemacht. Ich habe mich beworben und bin ausgewählt worden.

Welche Musik hörst du privat?

Fast alles. Viel Musik der englische Renaissance und der deutschen Spätromantik. Und alles von Bach. Das ist wahrscheinlich mein Lieblingskomponist. Ich höre auch Jazz und Pop. Aber es gibt auch Zeiten, in denen ich nichts höre. Wenn ich viel studieren muss, ist Stille um mich herum.

Was sollte man in dieser Saison nicht verpassen?

Das Weihnachtskonzert, denn da singt der Rundfunkchor Berlin eines meiner Lieblingsstücke: die Messe von Frank Martin. Und der »Parsifal« zu Ostern mit den Berliner Philharmonikern wird auch toll werden.

Termine
Konzertempfehlungen von Benjamin Goodson
Foto von Jakub Hrůša
Kampagnenmotiv Weihnachtskonzert 2018 des Rundfunkchores Berlin
Foto von Simon Rattle
Kampagnenmotiv Liederbörse 2018
Foto Annerose Hummel, Altistin im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Annerose Hummel

Die Altistin ist seit 2008 Mitglied im Rundfunkchor Berlin und engagiert sich im Chorvorstand für die Belange des Chores. Die Wilson-Produktion »LUTHER dancing with the gods« ist für sie in vielerlei Hinsicht spannend.

Der Rundfunkchor Berlin realisiert derzeit das Projekt »LUTHER dancing with the gods« im Pierre Boulez Saal. Was erwartet unser Publikum bei diesem Projekt? Worum geht es?

Das Publikum erwartet eine typische Wilson-Inszenierung, also abstraktes, bilderreiches Theater, das dem Betrachter einen großen Assoziationsspielraum lässt. Ich denke, wenn man da neugierig hingeht, kann sich jeder sein eigenes Stück im Kopf zusammensetzen und ganz eigene Assoziationen entwickeln.

Wie erlebst du den Saal, was zeichnet ihn im Vergleich zu anderen Konzertsälen in Berlin aus deiner Perspektive aus?

Der Saal hat eine wundervolle, für Kammermusik ideale Akustik, die ein ganz feines Singen und Arbeiten ermöglicht. Da kann man wirklich in die leisesten Piano-Schattierungen gehen. Besonders in der kleinen Besetzung ist es einfach ein großer Genuss, in diesem Saal zu singen. Das Publikum ist sehr nah, und das ist auch eine Herausforderung. Es entsteht eine ganz intime, tolle Konzertatmosphäre.

Auf dem Programm stehen unter anderem vier Motetten von Johann Sebastian Bach. Was macht die Interpretation durch den Rundfunkchor Berlin unter Leitung von Gijs Leenaars besonders?

Die Antwort würde ich gern dem Zuhörer überlassen – weil ich es schwierig finde, das von innen heraus zu beurteilen. Ich kann sagen, dass es uns wichtig ist, einen sehr persönlichen Ausdruck zu finden, einen sehr persönlichen Bach zu musizieren und unseren warmen Klang mit der Transparenz, die diese Musik hat, zu verbinden.

Die Musik ist eingebettet in eine genreübergreifende Produktion in der Regie von Robert Wilson. Es ist nicht die erste szenische Arbeit mit Musik von Bach vom Rundfunkchor Berlin. Was unterscheidet die Arbeit mit Wilson von der Arbeit mit Peter Sellars an der Matthäus- und der Johannes-Passion?

Die Regisseure, die ich beide sehr schätze, haben unterschiedliche Ansätze. Peter Sellars geht es darum, dass man mit seiner Rolle auf der Bühne auch Emotionen verbindet, dass man diese Emotionen wirklich herauslässt und damit arbeitet. Die Texte werden bei ihm sogar mit tagesaktuellem Geschehen verknüpft – es geht wirklich in die Psychologie. Robert Wilson geht es mehr um eine assoziative Ebene, um Bilder, die etwas hervorrufen. Als Darsteller bekommt man auch nichts an die Hand, was man erfühlen soll. Es geht vielmehr um eine Form, die man selbst füllen muss. Das ist eine ganz andere Art von Theater.

Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit Robert Wilson insgesamt?

Ich erlebe ihn als uns sehr zugetan. Bei Robert Wilson ist die äußere Form ausschlaggebend, er korrigiert zum Beispiel ganz genau bis hin zur Fingerhaltung. Bei Peter Sellars hat man viel mehr individuelle Freiheit. Robert Wilson möchte, dass die Musik im Vordergrund steht und nicht durch die Bilder gestört wird. Deswegen fordert er zum Beispiel ganz ruhige Bewegungen.

Was nimmst du für deine Arbeit auf der Bühne im Allgemeinen mit?

Mir imponieren die Konzentration und die Ruhe auf der Probe. Und dieses sich ganz Versenken in den Moment.

Welche Musik hörst du privat?

Musik ohne Gesang, Kammermusik, Klaviermusik. Und beim Joggen aktuelle Popmusik.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Auf jeden Fall. Ich liebe einfach den Klang des Chores, ich empfinde da tatsächlich ein körperliches Wohlbefinden. Wenn ich mit den KollegInnen singe, werden irgendwelche tieferliegenden Schichten berührt, die mich sehr zufrieden machen.

Was sollte man nach »LUTHER« in dieser Saison nicht verpassen?

Nicht verpassen sollte man das Brahms-Requiem mit Yannick Nézet-Séguin. Es ist wie für den Rundfunkchor gemacht. Der Klang des Chores passt perfekt zu diesem Stück. Wir haben schon einmal mit Yannick Nézet-Séguin gearbeitet, das war wunderbar. Jetzt freue ich mich auf den Brahms.

Termine
Erlebe Annerose Hummel im Konzert
Kampagnenmotiv LUTHER dancing with the gods
Foto von Yannick Nézet Séguin
Foto Melinda Parsons, Sopranistin im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Melinda Parsons

Die Sopranistin Melinda Parsons ist seit 2007 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. In der Bildungsinitiative SING!, die das Singen wieder zum selbstverständlichen Bestandteil des Schulalltags an Berliner Grundschulen machen will, engagiert sie sich von Beginn an als SING!-Patin. Die Idee der Initiative ist es, Grundschulkinder an die Kunstform Singen heranzuführen und ihnen den Spaß daran zu vermitteln. Das gemeinsame Singen soll die positive Stimmung an Schulen fördern – sowohl unter den Kindern als auch im Lehrer-Kollegium.

Das neue Schuljahr hat gerade begonnen und die Bildungsinitiative SING! startet ins sechste Jahr. Du engagierst dich als Patin in dem Projekt seit seinem Anfang. Was ist deine Aufgabe?

Als SING!-Patin besuche ich die Klassen meiner Patenschulen und stelle einen persönlichen Kontakt zu den SchülerInnen her. Ich erzähle ihnen von meiner Arbeit im Profichor. Die wenigsten wissen, was ein Rundfunkchor ist. Außerdem sollen sie erleben, wie sich eine unverstellte, natürliche Stimme anhört. Deshalb singe ich ihnen etwas vor. Was sie im Radio oder im Fernsehen hören, ist ja oft nicht mehr authentisch, sondern manipuliert und mit dem Mikro verstärkt.

Wie sieht so ein Patenbesuch konkret aus?

Den genauen Inhalt und Ablauf des Besuchs erarbeite ich im Vorfeld mit der Musikpädagogin von SING!, Christina von Nell. Sie hilft uns SING!-Paten mit ihrer Erfahrung als Pädagogin, die Schulstunde aufzubauen. Wenn ich eine Klasse besuche, mache ich zunächst einmal ein Einsingen –  das ist für die Kinder eine Entdeckung ihres Körpers: Sie erfahren, was ihre Stimme alles kann, was ihr Körper für Geräusche machen kann. Die Kinder sollen eine Verbindung zu ihrem Körper aufbauen, ihn »aufwecken«. Dadurch höre ich, was sie schon können und wie weit sie sind, und richte mich dann im weiteren Verlauf des Besuchs danach: Alle Kinder sollen mitmachen können, auch die schwächsten. Anschließend singe ich etwas vor. Es ist interessant, wie die Kinder reagieren, wenn sie die Schallwellen spüren. Die Jungen kichern oft, weil sie damit überfordert sind. Den Mädchen geht der Mund auf und sie starren. Dass jemand unverstärkt und live mit der Kopfstimme singt, das erleben sie sonst nicht. Dann gehört noch dazu, dass ich erzähle, wie das Sängerleben aussieht, was ein Profichor ist und was den Beruf einer Sängerin im Rundfunkchor Berlin ausmacht.

Es heißt immer, dass Kinder nicht mehr singen, vor allem in Deutschland nicht. Wie ist deine Erfahrung: Ist das Singen den Grundschulkindern tatsächlich fremd?

Ich habe eigentlich das Gefühl, dass es gerade einen regelrechten Sing-Boom gibt und dass wieder mehr Kinder zum Singen kommen. Was das Thema Volkslieder in Deutschland angeht, erleben wir Gott sei Dank, dass diese Lieder wieder gesungen werden. Die gehören zu Deutschland, ohne irgendeinen Hintergedanken. Das sind Lieder, die seit hunderten von Jahren gesungen werden. Und ich finde es wichtig, dass man sie weiterhin singt, dass man Lieder in der eigenen Muttersprache singt. Ich denke, die Kinder kommen auch mit anderen Sprachen leichter in Kontakt, wenn sie in der jeweiligen Sprache wie zum Beispiel Japanisch, Italienisch oder Türkisch singen. Das kann verbinden, wenn ein Kind weiß: »Aha, du sprichst diese Sprache zu Hause und wir singen jetzt in dieser Sprache ein Lied.« Insgesamt habe ich schon das Gefühl, dass an Grundschulen mehr und mehr gesungen wird. Es sollte allerdings noch mehr dafür getan werden, dass auch die Lehrkräfte mit der Kopfstimme singen können. Vielen ist das fremd. Und wenn die Lehrkräfte es nicht können, ist es auch für die Kinder schwerer, weil sie sich nicht an den Lehrkräften orientieren können. Deshalb ist es auch Teil unserer SING!-Initiative, die Lehrkräfte an den teilnehmenden Schulen im Singen mit Kindern fortzubilden.

Spürst du einen Erfolg deiner Arbeit?

Ich besuche die Kinder in der Regel zweimal im Jahr. Die eigentliche Arbeit wird von den Chorleiterinnen geleistet, die im Rahmen der Initiative Chöre an den teilnehmenden Schulen aufbauen und leiten. Da spüre ich dann natürlich die Entwicklung: Wenn eine Schule diese Chorarbeit macht, haben die Kinder einen besseren Zugang zu ihrer Stimme. Auch die Jungs singen dann mit Freude und schämen sich nicht. Und die Auftritte der Chöre an ihren Schulen oder bei unserer Liederbörse sprechen für sich. Das ist ein Erfolg.

Wie bist du zur SING!-Initiative gekommen?

Ich hatte schon immer viel mit Kindern zu tun. Zu Studienzeiten habe ich als Assistenz-Hausmeisterin in einer Highschool gejobbt. Neben meiner Tätigkeit beim Rundfunkchor Berlin betreue ich aktuell als Lehrbeauftragte an der Universität der Künste die Stimmbildung mit den Knaben des Staats- und Domchores Berlin. Deshalb hatte ich von Anfang an Lust, SING!-Patin zu sein. Die Erfahrungen, die ich als Patin gesammelt habe, möchte ich nicht missen. Ich bin bis heute gern dabei.

Hängt deine Begeisterung auch damit zusammen, dass du aus Australien kommst? Ist Singen da »normaler« für Kinder?

Nein. Als ich in der Grundschule war, wurde ein Band abgespielt und wir haben »Obladi-Oblada« und sowas gesungen. Aber auch in Australien wird immer mehr gesungen – man weiß inzwischen einfach, wie wichtig das Singen für die Entwicklung des Gehirns und der Persönlichkeit ist. Dass ich aus Australien komme, hilft mir aber, einen schnellen Zugang zu den Kindern zu bekommen. Die wissen viel über australische Tiere. Ich gehe mit meiner Haifisch-Puppe, mit einem Koala oder einem Känguru in die Klasse rein, und es entwickelt sich sofort ein Gespräch mit den Kindern.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Ja und nein. Ich finde das Wort Traumberuf falsch. Beruf hat für mich in erster Linie etwas mit Lebensunterhalt zu tun. Ich würde lieber sagen: Berufung. Ich bin persönlich zum Singen berufen worden und dazu, die Menschen damit zu berühren. Dass ich davon leben kann, ist ein Privileg. Ich habe im Rundfunkchor Berlin eine halbe Stelle. Das ermöglicht mir, noch andere Tätigkeiten auszuüben, ohne Existenzängste zu haben. Es gibt im Englischen das Sprichwort: »Variety is the spice of life«. Abwechslung ist mir wichtig. Ich bin solistisch ausgebildet worden und brauche diese Solo-Auftritte. Ich unterrichte an der Universität der Künste. Und das Chorsingen bringt wieder andere Herausforderungen. Ich bin dankbar, dass ich das alles miteinander verbinden kann. Im Rundfunkchor Berlin erlebt man viele magische Momente, zuletzt bei Haydns »Schöpfung« mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Da gibt es Momente wie im Traum, da bekomme ich eine Gänsehaut. Aber auch Aktionen wie die BVG-Kampagne machen sehr viel Spaß – diese Vielfalt und dieser Mut, immer wieder Neues zu wagen: Das schätze ich besonders am Rundfunkchor Berlin.

Welche Musik hörst du privat?

Musik, die mich in Bewegung bringt. Viel Funk und Soul aus den 70ern und 80ern, auch Pop mit etwas komplizierteren harmonischen Strukturen, wie Stevie Wonder zum Beispiel.

Und was sollte man in dieser Saison beim Rundfunkchor Berlin nicht verpassen?

Robert Schumanns »Das Paradies und die Peri« im Mai 2018. Das wird unsere letzte Zusammenarbeit mit Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker.

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Motiv LUTHER dancing with the gods
Kampagnenmotiv LUTHER dancing with the gods
Kampagnenmotiv Weihnachtskonzert 2018 des Rundfunkchores Berlin
Foto von Mikko Franck
Foto Sören von Billerbeck, Bass im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Sören von Billerbeck

Der Bariton Sören von Billerbeck ist seit 1998 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Die Ära Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern hat er von Beginn an miterlebt. In Vorbereitung auf das gemeinsame Konzert am 25. August 2017 resümiert er seine Erlebnisse und Erfahrungen.

Am 25. August eröffnet der Rundfunkchor Berlin mit Simon Rattle die Saison der Berliner Philharmoniker. Es ist die letzte Saison der Ära Rattle. Wie hast du die Zusammenarbeit mit ihm erlebt?

Unsere Zusammenarbeit mit Simon Rattle begann mit den »Gurre-Liedern« von Arnold Schönberg. Wir lernten uns kennen und merkten, dass die Chemie stimmte. Simon Rattle mochte unseren Chorklang und wohl auch uns als Menschen. Das war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit. Wir hatten das Glück, dass Simon Rattle sehr viel Chorsinfonik in seine Programme aufgenommen hat. Wir haben viel für uns Neues kennengelernt, vor allem englische und französische Musik. Aber wir haben auch das traditionelle Repertoire mit ihm aufgeführt, von Beethovens Neunter bis zum Brahms-Requiem, das uns unseren ersten Grammy Award beschert hat. Auf einer Japan-Tournee haben wir den Fidelio auf die Bühne gebracht, und danach sagte er: „Jetzt weiß ich, dass ihr auch szenisch agieren könnt.“ Es folgten viele szenische Projekte, was für einen Rundfunkchor ja nicht das Kernrepertoire ist, bis hin zu den Bach-Passionen mit Peter Sellars. Da haben wir neue Wege beschritten, ohne die konzertante Chorsinfonik zu verlassen.

Du arbeitest mit vielen unterschiedlichen Dirigenten zusammen. Gibt es etwas, das Simon Rattle auszeichnet?

Zunächst einmal ist er sehr menschlich. Er muss – glaube ich – seine Kollege mögen, damit etwas ganz Besonderes entsteht. Er ist sehr empathisch. Wenn man ihn privat erlebt, auch hinter der Bühne, dann spürt man: Er ist nicht abgehoben, er ist einer von uns und natürlich doch etwas Besonderes. Und mit dieser Stimmung schafft er es, dass beim Konzert alle ihr Bestes geben.

Gehört es denn nicht dazu, dass ein Dirigent seine Musiker auch als Menschen ernst nimmt?

Natürlich. Aber es gibt schon noch Dirigenten – auch wenn sie weniger werden – die sich abgehoben in anderen Sphären bewegen, nicht die persönliche Ansprache an den Chor halten und ihre Sicht der Dinge durchsetzen wollen. Dabei ist es viel schöner, wenn an einem Abend etwas Gemeinsames entsteht. Wenn ein Dirigent zwar die Richtung vorgibt, sich aber auch einlassen kann auf Unerwartetes. Simon Rattle hat seine Interpretation vor Augen, aber er ist offen für die Angebote der Musiker. Da hält er auch mal bei einem Solo inne, das spürt man. Und dann entsteht etwas Besonderes im Konzert, was mehr ist als Musik, die man zusammen geprobt hat.

Was schätzt du generell bei Dirigenten?

Wenn sie zuhören und vertrauen können. Wenn sie es verstehen, der besonderen Atmosphäre im Konzert Raum zu geben. Für Chordirigenten ist es wichtig, dass sie mit Menschen und mit Stimmen umgehen können. Dass einem als Sänger nicht die Stimme im Hals stecken bleibt, sondern dass eine gemeinsame Linie entsteht. Dass es partnerschaftlich zugeht und sich die Stimmen frei entfalten können. Wenn man uns überzeugt hat, kann man mit dem Rundfunkchor Berlin musikalisch Pferde stehlen.

War Simon Rattle ein Glücksfall, hat er den Chor durch die Zusammenarbeit geprägt?

So würde ich das nicht sagen. Wirklich prägen kann einen Chor nur der Chorleiter. Aber er hat ihn gefordert. Er hat aus dem Rundfunkchor Berlin Dinge herausgeholt, von denen wir nicht wussten, dass wir sie hatten. Wir sind gemeinsam gewachsen.

Was waren deine persönlichen musikalischen Highlights in der Zusammenarbeit?

Da gab es viele, etwa Mahlers zweite Sinfonie oder die Götterdämmerung in Aix-en-Provence, das war musikalisch ein wahnsinniges Erlebnis. Aber das größte Highlight war für mich die Matthäus-Passion, die Peter Sellars in Szene gesetzt hat und die uns alle, Chor und Orchester, Simon Rattle und die Solisten, berührt und auch verändert hat.

Gibt es eine Situation oder eine Anekdote, die dir immer in Erinnerung bleiben wird?

Ja, eine Begebenheit aus dem vergangenen Herbst. Da haben wir in New York das »human requiem« aufgeführt. Wir waren im Beacon Hotel in der Nähe der Met untergebracht. Ich habe etwas zu essen geholt in einem Gourmet-Markt am Broadway. Als ich an der Frischetheke stand, dachte ich: „Die Stimme neben mir kommt mir doch bekannt vor.“ Und da stand Simon Rattle mit Magdalena Kožená und den Kindern beim Einkauf. Er hat zu dieser Zeit »Tristan und Isolde« an der Met dirigiert. Wir erkannten uns und er fragte, wie es uns ginge, das war sehr nett. Nie vergessen werde ich auch, wie Simon Rattle und die Philharmoniker den Chor unterstützt haben bei der Aktion „Sänger sind auch Musiker“ während des Tarifstreiks. Da sind Simon Rattle und das Orchester gemeinsam mit uns zu einem Foto vor die Philharmonie getreten und haben sich zum Anliegen des Rundfunkchores bekannt. Das war ein sehr erhebender Moment und keine Selbstverständlichkeit.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Ja, weil es sehr vielseitig ist. Weil man tolle künstlerische Erlebnisse hat in Sälen auf der ganzen Welt und weil man seine Persönlichkeit im Chor entfalten kann. Als Sänger eine Festanstellung zu haben, ist ein Privileg. Es ermöglicht, den Beruf und das Leben in Einklang zu bringen. Man muss natürlich auch sehr diszipliniert sein und sich fit halten. An einem Konzerttag muss man sich den ganzen Tag auf den Höhepunkt vorbereiten – das ist kein normaler Tag, an dem man vorher Freizeit hat. Und Konzertreisen können insgesamt auch anstrengend sein. Aber es ist trotzdem ein Traumberuf.

Welche Musik hörst du privat?

Fast gar keine, vor allem keine Klassik mehr. Wir haben so viele Konzerte. Die Musik trägt man ja über die Konzerte und Proben hinaus als Ohrwurm den ganzen Tag mit sich herum. Wenn ich etwas höre, dann Holger Biege, U2, früher Kate Bush und die King‘s Singers.

Und was sollte man in der beginnenden Saison nicht verpassen?

Die »Missa solemnis« mit den Berliner Philharmonikern unter Christian Thielemann.

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Foto von Simon Rattle
Foto von Christian Thielemann
Foto David Stingl, Bass im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

David Stingl

Der Bassist David Stingl ist seit 2002 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Pianist wirkt er regelmäßig bei der Liederbörse mit und tritt auch hin und wieder als Komponist in Erscheinung. Auf das »human requiem« am 25., 26. und 27. Mai 2017 freut er sich sehr, auch wenn er es schon unzählige Male gesungen hat.

Wie gefällt dir das »human requiem«?

Am Anfang war ich skeptisch, ob das Konzept aufgehen würde. Aber das tut es. Mir gefallen besonders die Publikumsreaktionen. Das »human requiem« ruft beim Publikum sehr tiefe, unmittelbare Gefühle hervor. Das ist einfach schön zu erleben. Diese Reaktionen spürt man natürlich auch, wenn man auf dem Podium steht, aber im unmittelbaren Kontakt zum Publikum nimmt man sie ganz anders wahr.

Sind die Reaktionen je nach Spielstätte unterschiedlich?

Man merkt, dass es kulturelle Unterschiede gibt. In Ostasien sind die Menschen zum Beispiel etwas zurückhaltender, aber dennoch sind die Reaktionen über alle Kulturen hinweg sehr ähnlich. Daran merkt man, dass die Musik eine universelle Sprache ist.

Ist es dir anfangs schwer gefallen, so durchs Publikum zu gehen und zu singen?

Daran mussten wir uns alle gewöhnen, vielleicht ist es mir etwas leichter gefallen als anderen. Es hängt ganz von der Stimmung ab, wie weit man sich gerade öffnen will. So unmittelbar aufs Publikum zuzugehen und die Leute sozusagen zu umarmen, fällt mir noch immer nicht jedes Mal leicht.

Ist es schwieriger zu singen ohne den direkten Kontakt zu den Kollegen?

Teilweise schon. In großen Sälen wird es durch die räumliche Distanz zwischen den Kolleginnen und Kollegen schwieriger den Kontakt zu halten. Das Radialsystem, in dem das Stück entwickelt wurde, hat eine ideale Größe. Da ist die Akustik einfach gut und man hört die Kollegen, obwohl sie nicht unmittelbar neben einem stehen.

Wie oft hast du das »human requiem« denn schon aufgeführt?

Ich zähle nicht mehr mit. Ich habe bei drei oder vier Aufführungen gefehlt, weil ich krank war, aber ansonsten war ich immer dabei.

Freust du dich noch immer auf die nächsten Aufführungen?

Erstaunlicherweise freue ich mich trotz der regelmäßigen Wiederaufnahmen und Gastspiele immer wieder darauf. Unsere letzte Aufführung war in New York, das ist über ein halbes Jahr her – umso mehr freue ich mich jetzt auf die nächste Aufführung.

Gibt es Erlebnisse, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ein großes Erlebnis war die Generalprobe in Athen vor einem Jahr. Wir hatten dort Flüchtlinge eingeladen, die in einem Lager in der Nähe von Athen untergebracht waren. Da waren auch Kinder dabei, die uns begeistert geholfen haben, den Flügel zu schieben, und fast mitgefahren sind. Das war schon herausragend. Und dann fällt mir noch ein lustiges Erlebnis ein: Im zweiten Satz gibt es den Leichenzug, da gehen Damen und Herren getrennt, und ich bin normalerweise der letzte in der Reihe der Herren. Aber bei einer Aufführung in Berlin nehme ich plötzlich wahr, dass hinter mir noch jemand singt – da hatte sich tatsächlich ein älterer Herr aus dem Publikum uns angeschlossen und hat mitgesungen.

Hat er das wenigstens gut gemacht?

Man hat gemerkt, dass er ein Laiensänger war, aber er hat das gut gemacht. (lacht)

Themenwechsel: Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Als ich zum Ende des Studiums überlegt habe, was ich beruflich machen will, stand das Singen in einem Rundfunkchor ganz oben auf meiner Liste. Weil das Repertoire so unterschiedlich ist. Die Bandbreite reicht von A-cappella bis zu groß besetzter Oratorienmusik, vom Frühbarock bis hin zu Kompositionsaufträgen. Das Besondere am Rundfunkchor Berlin ist die regelmäßige Zusammenarbeit mit den verschiedenen Orchestern hier, und dadurch erleben wir viele Dirigenten und erarbeiten viele verschiedene Stücke, und das auf sehr hohem Niveau.

Welche Musik hörst du privat?

Am liebsten Jazz. Vor allem Rockjazz und Fusion.

Und was sollte man in der nächsten Saison nicht verpassen?

Wie gesagt: Ich mag die Vielfalt, und die wird natürlich von den beiden Aboreihen abgedeckt. Da ist jedes Genre dabei: Interdisziplinäre Projekte, A cappella und Konzerte mit verschiedenen Orchestern. Aber eigentlich gibt es nichts, was man getrost verpassen könnte.

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Erlebe David Stingl im Konzert
Foto »human requiem«
Foto von Riccardo Chailly
Kampagnenmotiv LUTHER dancing with the gods
Foto von Jakub Hrůša
Kampagnenmotiv Weihnachtskonzert 2018 des Rundfunkchores Berlin
Kampagnenmotiv Abschlusskonzert Chor@Berlin
Foto von Robin Ticciati
Kampagnenmotiv Mitsingkonzert 2018
Foto von Mikko Franck
Foto Bettina Pieck

Auf ein Wort mit

Bettina Pieck

Die Altistin Bettina Pieck ist nicht nur seit 2002 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Organistin tritt sie regelmäßig mit dem Bachchor Gütersloh auf. Bei der nächsten RundfunkchorLounge am 10. Mai 2017 begleitet sie erstmals den Rundfunkchor Berlin.

Wie bist du zum Orgelspiel gekommen?

Ich sang in einem Kinderchor in meiner Heimatgemeinde Plettenberg im Sauerland. Als ich zwölf Jahre alt war und so langsam dem Chor entwuchs, fragte mich unser Kirchenmusikdirektor, ob ich nicht mit dem Orgelspiel anfangen wolle – ich hatte zuvor Klavierunterricht gehabt, seit ich sechs war. Das fand ich eine tolle Sache, ich habe mich an der Orgel ganz schnell zu Hause gefühlt. Mit 13, 14 habe ich begonnen, im Gottesdienst zu spielen, und nach dem Abitur bin ich zum Studium der evangelischen Kirchenmusik nach Detmold gegangen. Ich habe zehn Semester Künstlerisches Orgelspiel und Chorleitung studiert und nach dem A-Examen als Kantorin in Bielefeld angefangen.

Und wie bist du dann im Rundfunkchor Berlin gelandet?

Die Liebe zum Chorgesang hatte mich nie verlassen. Ich hatte von klein auf gesungen, die h-Moll-Messe, die Matthäus-Passion, das Brahms-Requiem – das war mein Leben. Ich wollte zunächst nicht Sängerin werden, weil ich dachte, da rafft mich jeder Schnupfen hinweg, da spiel ich doch lieber Orgel. Aber im Studium sagte dann mein Lehrer Rainer Eckels: Du hast so eine schöne Alt-Stimme, du solltest mehr singen. Studiere das doch. Und das hab ich tatsächlich getan. Mit der Abschlussprüfung Kirchenmusik Gesang hab ich die Aufnahmeprüfung fürs Hauptfach Gesang gemacht, das war sehr praktisch. Ich habe also meinen Kantorendienst in Bielefeld verrichtet und parallel Gesang studiert – und hielt die Augen und Ohren offen, was freie Chorstellen betraf.

Mein Lehrer hatte gemeint, ein Rundfunkchor sei doch genau das richtige für mich, die brauchen Leute, die gut vom Blatt singen, die schnell lernen und Neue Musik singen können. Und dann sah ich eines Tages, dass eine Alt-Stelle im Rundfunkchor Berlin frei sei. Mein Mann sagte: Bewirb dich, und wenn du die Stelle bekommst, dann ziehst du halt nach Berlin, das kriegen wir schon hin. Es gab zwei Probeprojekte. Eines war die neunte Sinfonie von Hans Werner Henze, der in Gütersloh geboren ist, wo ich wohne. Das sang damals kaum ein Chor, weil es so schwer ist. Ich hatte das Gefühl, da kann ich zeigen, was ich kann. Es gefiel mir alles sehr gut, und als ich schließlich das Vorsingen bestanden hatte, habe ich meine Kirchenmusikstelle gekündigt. Das war im April vor 15 Jahren.

War es eine gute Entscheidung?

Oh ja, die Oratorien und A-cappella-Werke aus dem Barock, aus der Romantik, aber auch aus der Neuen Musik – das ist meine Welt. Auch Ligetis »Lux Aeterna« zum Beispiel, oder die Hölderlin-Fragmente von Cerha, die wir demnächst singen, oder die Messe von Frank Martin – dieses Genre hat mich von Kindesbeinen an fasziniert. Als ich 12, 13 war, hat der Marburger Bachchor bei uns gastiert. Im Konzert stand da eine hochgewachsene Altistin, und ich dachte die ganze Zeit, dass ich das später auch machen möchte. Insofern ist wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich liebe es, mit anderen zusammen zu musizieren, über die Stimme in der Musik mit anderen zu verschmelzen. Und ich finde es wunderbar, mit so vielen großen und bedeutenden Dirigenten und Musikern zusammen Musik machen zu dürfen und von ihnen immer weiter zu lernen und dabei eines von vielen Rädlein am Wagen sein zu dürfen.

Spielst du noch Orgel?

Mit großer Freude. Mein Mann ist hier in Gütersloh Kirchenmusiker, er leitet den Bachchor und einen Knabenchor und beschäftigt mich ständig als Organistin. Auch meine alten Kollegen hier in der Region fragen mich immer wieder an. Und wenn mein Mann in der Chorprobe sagt, dass ich das mal einen Ton tiefer spielen soll, dann bin ich dankbar, dass ich das inmeinem  Studium gelernt habe. Ich spiele sehr gern Continuo und habe Gesangsschüler, die ich am Klavier begleite. Das geht, wenn man sich gut organisiert. Als ich vorhin nach Haus gekommen bin, hab ich sofort wieder Klavier geübt. Dieses Mal das Tafellied von Brahms, das einen höllisch schweren Klavierpart hat – aber es ist ein tolles Lied für Feierlichkeiten. So nehme ich mir immer wieder etwas vor.

Hast du den Rundfunkchor schon einmal begleitet?

Noch nie, das wird eine Premiere. Ich freue mich wie Bolle.

Wie gefällt dir das Lounge-Format?

Sehr gut. Wir sprechen neben unserem vertrauten auch ein neues Publikum an, das diese lockere Atmosphäre genießt. Wir gehen ja gern als Rundfunkchor Berlin neue Wege und sind da vielleicht auch Ideengeber für andere Ensembles – das finde ich wunderbar.

Welche Musik hörst du privat?

Eros Ramazotti, wenn wir in den Urlaub nach Italien fahren. Und beim Gläserspülen nach einer Essenseinladung hören mein Mann und ich immer den Rosenkavalier, das berühmte Terzett. Ansonsten wenig. Von meinen Kindern bekomme ich immer die neuesten Bravo-Hits aufs Handy gespielt. Und ab und zu höre ich mir aus Neugier die neuen Aufnahmen der anderen Rundfunkchöre an.

Letzte Frage: Was war für dich das Konzert-Highlight in dieser Saison?

Das größte Erlebnis war das Brahms-Requiem im Teatro Colón in Buenos Aires, auf unserer Südamerika-Tournee – auswendig und unter Leitung von Gijs Leenaars. Wir hatten das »human requiem« in New York gemacht, flogen dann nach Südamerika, haben das Requiem ganz normal im Konzert gesungen, aber niemand guckte mehr in die Noten. Und da haben wir kurzerhand beschlossen, es im nächsten Konzert auswendig zu singen. Der Saal tobte. Das war für mich so ein erhebendes Gefühl, überhaupt in diesem geschichtsträchtigen Theater zu stehen, und dann das Brahms-Requiem, dieses Stück, das uns wie auf den Leib geschnitten ist, auswendig zu singen. Das war das Erlebnis, das mich in dieser Saison am tiefsten berührt hat.

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Foto Centro de las Artes 660
Kampagnenmotiv RundfunkchorLounge
Foto »human requiem«

Auf ein Wort mit

Sabine Eyer

Die Altistin Sabine Eyer wurde 2011 als festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin aufgenommen und ist Mentorin in der Chorakademie.

Warum engagierst du dich bei der Akademie?

Das ist eine spannende Aufgabe. Als ich gefragt wurde, ob ich Mentorin werden möchte, konnte ich mich noch gut an meine eigene Zeit als Neuling im Rundfunkchor Berlin erinnern. Ich fand es interessant, all das, was mir damals beigebracht worden ist, jetzt selbst weitergeben zu können, mit den jungen Sängern zu arbeiten, ihnen unseren Beruf zu zeigen und sie an die Arbeit in einem Rundfunkchor heranzuführen. Die Idee der Akademie ist ja, Gesangsstudenten für ein halbes Jahr in den Chor zu integrieren.

Was lernt man in der Akademie, was man im Studium nicht lernt?

Man muss zwar auch mal im Hochschulchor singen, aber man wird im Studium auf eine Solokarriere vorbereitet; Chorsingen als Berufsbild taucht in der Hochschule praktisch nicht auf. Und dieses Problem wollen wir mit der Akademie beim Schopfe packen und den Studenten zeigen: Es gibt nicht nur das Musiktheater, sondern auch eine ganz andere Welt, in der man singen kann.

Was machst du als Mentorin?

Wir haben im Idealfall eine Akademistin bzw. einen Akademisten pro Stimmgruppe, ich betreue die Alt-Akademistin. Wir sitzen in den Proben nebeneinander, so kann ich direkt eingreifen, wenn etwas schiefgeht. Ich kann auch Fragen, die auftauchen, beantworten. Bei Bedarf sprechen wir die Werke, die einstudiert werden, vor der Probenphase durch. Ich mache sie auf Schwierigkeiten im Stück aufmerksam und gebe ihr Tipps, worauf man achten muss, woran man sich orientieren kann usw.. Aufgrund der Vielzahl an Werken, die wir als Rundfunkchorsänger in einer Saison aufführen, steht für die Einstudierung jedes einzelnen Werks meist wenig Zeit zur Verfügung, da muss das Vom-Blatt-Singen schnell gelernt werden. Meine Idee der Arbeit als Mentorin ist es, meiner jeweiligen Akademistin soviel Einblick wie möglich in das Schaffen des Rundfunkchores Berlinzu bieten und ihr möglichst viel für sich mitzugeben.

Geht das Konzept auf?

Auf jeden Fall. Meine erste Akademistin hat inzwischen mit Freunden ein A-cappella-Ensemble gegründet, wo sie ihre Liebe zum Ensemblegesang ausleben kann. Eine ehemalige Sopranakademistin ist inzwischen festes Mitglied des MDR-Chores, eine andere singt als freie Mitarbeiterin in mehreren Rundfunkchören. Eine meiner ehemaligen Akademistinnen hilft regelmäßig bei uns aus, eine andere ist als Solistin gut im Geschäft. Und ich freue mich darauf, zu beobachten, wie meine jetzige Akademistin ihren Weg gehen wird.

Für wen ist die Akademie interessant?

Für Gesangsstudierende im Hauptstudium. Die Akademisten müssen bereits ein gewisses Level an gefestigter Technik haben, weil sie jeden Tag voll in die Probenarbeit miteinsteigen – und unser Beruf ist technisch gesehen durchaus anspruchsvoll. Erfahrung im Ensemblesingen ist gut und hilfreich, aber wir sind ja als Mentoren auch da, um da helfend unter die Arme zu greifen.

Wie ist bei dir der Wunsch entstanden, Chorsängerin zu werden?

Ich hab schon immer viel im Chor gesungen, im Kinderchor, im Kirchenchor, im Theater. Später war ich mit Gastverträgen am Theater beschäftigt, war dort fürchterlich unglücklich und habe dann genau in der Zeit den Rundfunkchor Berlin gehört – und mir war klar: Das will ich machen.

Auch wenn es fordernd ist – ist es ein Traumberuf?

Absolut! Wir dürfen mit tollen Orchestern, großartigen Dirigenten und hervorragenden Solisten Musik machen und bekommen etwas von der Welt zu sehen. Auch wenn es mitunter kräftezehrend ist, ich kann mir nichts anderes vorstellen, als zu singen. Diese Liebe zum Ensemblesingen zu vermitteln, gehört für mich auch zu meiner Aufgabe als Mentorin in der Akademie.

Wenn du deine Leidenschaft zum Beruf gemacht hast, womit verbringst du denn dann deine freie Zeit?

Wann immer es möglich ist, fliege ich zu meinen Freunden und meinem Patenkind nach Oslo oder auch zu Freunden nach Wien, oder besuche meine Familie. Ansonsten habe ich ein kleines Haus, das noch viel Arbeit erfordert.

Welche Musik hörst du privat am liebsten?

In meinem Elternhaus bin ich mit klassischer Musik aufgewachsen und dabei geblieben, auch wenn in der Zwischenzeit einiges andere dazugekommen ist.
Daheim habe ich auch gern einfach Stille um mich. Wenn ich etwas höre, dann ist je nach Stimmung vom Lied über Songwriter bis zur Oper alles dabei. Auch wenn ich inzwischen von der Oper recht weit entfernt bin, sie ist immerhin der Grund, weshalb ich unbedingt Sängerin werden wollte.

Und was sollte man in dieser Saison beim Rundfunkchor Berlin nicht verpassen?

»Tosca« mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern und das »human requiem«. Auch wenn es schon seit langem immer wieder im Spielplan ist, hat es für mich seinen Reiz nicht verloren.

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Foto Anne Bretschneider

Auf ein Wort mit

Anne Bretschneider

Die Sopranistin Anne Bretschneider ist seit 2011 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Für die Liederbörse am 4. März 2017 im Kammermusiksaal der Philharmonie hat sie im Vorfeld den Kontakt zu teilnehmenden Schulchören aufgebaut und diese bei der Vorbereitung auf das Konzert unterstützt.

Was ist deine Aufgabe bei der Liederbörse?

Ich gehe im Rahmen der Liederbörse als Patin aus dem Rundfunkchor in die Schulen und versuche, den Schülern einen Eindruck vom Beruf Sänger und im Speziellen Chorsänger, zu vermitteln. Ich beantworte Fragen rund um das Thema Chorsingen. Viele Kinder wissen nicht einmal, dass das ein Beruf ist und man sehr lange dafür studiert.

Auch Themen wie die Stimmhygiene werden besprochen. Und natürlich auch praktische Dinge wie zum Beispiel wie und wo geprobt wird, wie oft und wie lange geübt werden muss, bevor man auf die Bühne geht. All das sind Fragen, die die Kinder spannend finden.

Wie bereitest du dich auf die Schulchor-Besuche vor? Was erlebst du in den Schulen?

Ich bereite im Vorfeld die Literatur, die in der Liederbörse gesungen wird, vor. Das heißt, ich lerne die Stücke und überlege zum Beispiel, welche Problemchen in den Schulstunden bei den einzelnen Stücken auftreten könnten, zu denen ich noch den einen oder anderen Tipp geben kann.

Ich bespreche im Vorfeld mit der Lehrerin, wie wir die Stunde gemeinsam gestalten wollen. Oft ist es so, dass ich mich den Kindern zunächst vorstelle, etwas von mir und meinem Beruf berichte. Dann beantworte ich sehr viele Fragen der Kinder. Danach singe ich die Kinder ein.

Nach dem Einsingen singe ich den Kindern etwas vor, und danach singen die Kinder wiederum mir etwas aus dem vorbereiteten Programm für die Liederbörse vor. Oft singe ich auch nochmal mit oder singe die zweite Stimme dazu. Im Anschluss kann ich noch ein paar Hinweise geben – und schon ist die Schulstunde rum.

Was findest du an der Zusammenarbeit mit Schülern spannend? Was ist die besondere Herausforderung dabei?

Für mich ist es immer schön in der Grundschule zu erleben, wie unvoreingenommen die Kinder der klassischen Musik gegenüber sind. Die Freude und Lust am Singen stehen noch im Vordergrund. Und wenn die Kleinen sich dazu noch bewegen können, klatschen, im Rhythmus gehen oder ähnliche Aktionen mit dem Singen verbinden, sind sie voll dabei.

Es gibt auch verschlossene und schüchterne oder verhaltensauffällige Kinder, für die Singen ein Ventil sein kann. Dadurch, dass Singen ein ganzkörperliches Erlebnis ist, spüren sie sich mitunter durchs Singen besser und kommen leichter aus sich heraus.

Die ganze Rasselbande dann noch zu bändigen und eine gewisse Ruhe in die Chorstunde zu bringen ist immer wieder eine rein praktische Herausforderung für mich, da jede Klasse anders tickt und eine ganz individuelle Energie mitbringt.

Bei den älteren Schülern besteht die Herausforderung für mich in erster Linie darin, Interesse bei denen zu erwecken, die dem Thema klassische Musik weniger zugewandt sind, oder sich nicht trauen mit ihrer Stimme einfach loszulegen.

Wie kann man heutzutage Kinder und Jugendliche für das Singen im Chor begeistern?

Man muss zunächst die Neugierde und Lust am selber Singen erwecken. Es gibt schöne Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, die die Heranwachsenden schon vor Ort zum Singen animieren. Ich glaube, dass die meisten kleinen Kinder von sich aus gerne singen. Aber das Singen in der Gemeinschaft können sie nur kennen lernen, wenn ihnen die Gelegenheit dazu geboten wird. Das kann in oder außerhalb der Schule passieren.

An unserer Liederbörse nehmen beispielsweise Chöre aus Berliner Grund- und Oberschulen teil. Alle erfahren, was es bedeutet, mit hunderten von Kindern/Jugendlichen und einem professionellen Chor gemeinsam in einem Konzertsaal zu singen. Das klingt natürlich ganz anders, als wenn sie in ihrer Schulaula einen Auftritt haben. Wenn man eine so große Menge musizierender Menschen erlebt, kann das ein ziemlich eindrucksvoller Moment sein, der Spuren hinterlässt und glücklich machen kann.

Warum engagiert sich der Chor im Education-Bereich bzw. in der Musikförderung?

Wir möchten den Nachwuchs an die klassische Musik und im Speziellen ans Singen möglichst früh heranführen. Die Freude am Singen soll gefördert werden, und oft funktioniert so etwas einfach durchs direkte Erfahren und Ausprobieren und durch Begegnungen mit Menschen, die genau davon »ein Lied singen können«.

In der Liederbörse werden Werke unterschiedlichster Musikstile gesungen. Welche Musik hörst du privat?

Ich höre so gut wie keine Musik, da ich fast jeden Tag selber singe und dann auch einfach mal die Stille genieße.

Und was sollte man nach der Liederbörse in dieser Chorsaison nicht verpassen?

Ich freue mich auf »Sea Drift« von Frederick Delius. Seine Musik wird in Deutschland leider selten aufgeführt und so hat man nicht all zu oft die Gelegenheit seine Werke zu hören oder zu singen. Ich persönlich liebe seine opulente und lautmalerische Klangsprache.