Foto David Stingl, Bass im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit …

David Stingl

Der Bassist David Stingl ist seit 2002 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Pianist wirkt er regelmäßig bei der Liederbörse mit und tritt auch hin und wieder als Komponist in Erscheinung. Auf das »human requiem« am 25., 26. und 27. Mai 2017 freut er sich sehr, auch wenn er es schon unzählige Male gesungen hat.

Wie gefällt Ihnen das »human requiem«?

Am Anfang war ich skeptisch, ob das Konzept aufgehen würde. Aber das tut es. Mir gefallen besonders die Publikumsreaktionen. Das »human requiem« ruft beim Publikum sehr tiefe, unmittelbare Gefühle hervor. Das ist einfach schön zu erleben. Diese Reaktionen spürt man natürlich auch, wenn man auf dem Podium steht, aber im unmittelbaren Kontakt zum Publikum nimmt man sie ganz anders wahr.

Sind die Reaktionen je nach Spielstätte unterschiedlich?

Man merkt, dass es kulturelle Unterschiede gibt. In Ostasien sind die Menschen zum Beispiel etwas zurückhaltender, aber dennoch sind die Reaktionen über alle Kulturen hinweg sehr ähnlich. Daran merkt man, dass die Musik eine universelle Sprache ist.

Ist es Ihnen anfangs schwer gefallen, so durchs Publikum zu gehen und zu singen?

Daran mussten wir uns alle gewöhnen, vielleicht ist es mir etwas leichter gefallen als anderen. Es hängt ganz von der Stimmung ab, wie weit man sich gerade öffnen will. So unmittelbar aufs Publikum zuzugehen und die Leute sozusagen zu umarmen, fällt mir noch immer nicht jedes Mal leicht.

Ist es schwieriger zu singen ohne den direkten Kontakt zu den Kollegen?

Teilweise schon. In großen Sälen wird es durch die räumliche Distanz zwischen den Kolleginnen und Kollegen schwieriger den Kontakt zu halten. Das Radialsystem, in dem das Stück entwickelt wurde, hat eine ideale Größe. Da ist die Akustik einfach gut und man hört die Kollegen, obwohl sie nicht unmittelbar neben einem stehen.

Wie oft haben Sie das »human requiem« denn schon aufgeführt?

Ich zähle nicht mehr mit. Ich habe bei drei oder vier Aufführungen gefehlt, weil ich krank war, aber ansonsten war ich immer dabei.

Freuen Sie sich noch immer auf die nächsten Aufführungen?

Erstaunlicherweise freue ich mich trotz der regelmäßigen Wiederaufnahmen und Gastspiele immer wieder darauf. Unsere letzte Aufführung war in New York, das ist über ein halbes Jahr her – umso mehr freue ich mich jetzt auf die nächste Aufführung.

Gibt es Erlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ein großes Erlebnis war die Generalprobe in Athen vor einem Jahr. Wir hatten dort Flüchtlinge eingeladen, die in einem Lager in der Nähe von Athen untergebracht waren. Da waren auch Kinder dabei, die uns begeistert geholfen haben, den Flügel zu schieben, und fast mitgefahren sind. Das war schon herausragend. Und dann fällt mir noch ein lustiges Erlebnis ein: Im zweiten Satz gibt es den Leichenzug, da gehen Damen und Herren getrennt, und ich bin normalerweise der letzte in der Reihe der Herren. Aber bei einer Aufführung in Berlin nehme ich plötzlich wahr, dass hinter mir noch jemand singt – da hatte sich tatsächlich ein älterer Herr aus dem Publikum uns angeschlossen und hat mitgesungen.

Hat er das wenigstens gut gemacht?

Man hat gemerkt, dass er ein Laiensänger war, aber er hat das gut gemacht. (lacht)

Themenwechsel: Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Als ich zum Ende des Studiums überlegt habe, was ich beruflich machen will, stand das Singen in einem Rundfunkchor ganz oben auf meiner Liste. Weil das Repertoire so unterschiedlich ist. Die Bandbreite reicht von A-cappella bis zu groß besetzter Oratorienmusik, vom Frühbarock bis hin zu Kompositionsaufträgen. Das Besondere am Rundfunkchor Berlin ist die regelmäßige Zusammenarbeit mit den verschiedenen Orchestern hier, und dadurch erleben wir viele Dirigenten und erarbeiten viele verschiedene Stücke, und das auf sehr hohem Niveau.

Welche Musik hören Sie privat?

Am liebsten Jazz. Vor allem Rockjazz und Fusion.

Und was sollte man in der nächsten Saison nicht verpassen?

Wie gesagt: Ich mag die Vielfalt, und die wird natürlich von den beiden Aboreihen abgedeckt. Da ist jedes Genre dabei: Interdisziplinäre Projekte, A cappella und Konzerte mit verschiedenen Orchestern. Aber eigentlich gibt es nichts, was man getrost verpassen könnte.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Foto »human requiem«
Foto von Riccardo Chailly
Kampagnenmotiv LUTHER dancing with the gods
Foto von Jakub Hrůša
Kampagnenmotiv Weihnachtskonzert 2018 des Rundfunkchores Berlin
Kampagnenmotiv Abschlusskonzert Chor@Berlin
Foto von Robin Ticciati
Kampagnenmotiv Mitsingkonzert 2018
Foto von Simon Rattle
Foto Bettina Pieck

Auf ein Wort mit

Bettina Pieck

Die Altistin Bettina Pieck ist nicht nur seit 2002 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Organistin tritt sie regelmäßig mit dem Bachchor Gütersloh auf. Bei der nächsten RundfunkchorLounge am 10. Mai begleitet sie erstmals den Rundfunkchor Berlin.

Frau Pieck, wie sind Sie zum Orgelspiel gekommen?

Ich sang in einem Kinderchor in meiner Heimatgemeinde Plettenberg im Sauerland. Als ich zwölf Jahre alt war und so langsam dem Chor entwuchs, fragte mich unser Kirchenmusikdirektor, ob ich nicht mit dem Orgelspiel anfangen wolle – ich hatte zuvor Klavierunterricht gehabt, seit ich sechs war. Das fand ich eine tolle Sache, ich habe mich an der Orgel ganz schnell zu Hause gefühlt. Mit 13, 14 habe ich begonnen, im Gottesdienst zu spielen, und nach dem Abitur bin ich zum Studium der evangelischen Kirchenmusik nach Detmold gegangen. Ich habe zehn Semester Künstlerisches Orgelspiel und Chorleitung studiert und nach dem A-Examen als Kantorin in Bielefeld angefangen.

Und wie sind Sie dann im Rundfunkchor Berlin gelandet?

Die Liebe zum Chorgesang hatte mich nie verlassen. Ich hatte von klein auf gesungen, die h-Moll-Messe, die Matthäus-Passion, das Brahms-Requiem – das war mein Leben. Ich wollte zunächst nicht Sängerin werden, weil ich dachte, da rafft mich jeder Schnupfen hinweg, da spiel ich doch lieber Orgel. Aber im Studium sagte dann mein Lehrer Rainer Eckels: Du hast so eine schöne Alt-Stimme, du solltest mehr singen. Studiere das doch. Und das hab ich tatsächlich getan. Mit der Abschlussprüfung Kirchenmusik Gesang hab ich die Aufnahmeprüfung fürs Hauptfach Gesang gemacht, das war sehr praktisch. Ich habe also meinen Kantorendienst in Bielefeld verrichtet und parallel Gesang studiert – und hielt die Augen und Ohren offen, was freie Chorstellen betraf.

Mein Lehrer hatte gemeint, ein Rundfunkchor sei doch genau das richtige für mich, die brauchen Leute, die gut vom Blatt singen, die schnell lernen und Neue Musik singen können. Und dann sah ich eines Tages, dass eine Alt-Stelle im Rundfunkchor Berlin frei sei. Mein Mann sagte: Bewirb dich, und wenn du die Stelle bekommst, dann ziehst du halt nach Berlin, das kriegen wir schon hin. Es gab zwei Probeprojekte. Eines war die neunte Sinfonie von Hans Werner Henze, der in Gütersloh geboren ist, wo ich wohne. Das sang damals kaum ein Chor, weil es so schwer ist. Ich hatte das Gefühl, da kann ich zeigen, was ich kann. Es gefiel mir alles sehr gut, und als ich schließlich das Vorsingen bestanden hatte, habe ich meine Kirchenmusikstelle gekündigt. Das war im April vor 15 Jahren.

War es eine gute Entscheidung?

Oh ja, die Oratorien und A-cappella-Werke aus dem Barock, aus der Romantik, aber auch aus der Neuen Musik – das ist meine Welt. Auch Ligetis »Lux Aeterna« zum Beispiel, oder die Hölderlin-Fragmente von Cerha, die wir demnächst singen, oder die Messe von Frank Martin – dieses Genre hat mich von Kindesbeinen an fasziniert. Als ich 12, 13 war, hat der Marburger Bachchor bei uns gastiert. Im Konzert stand da eine hochgewachsene Altistin, und ich dachte die ganze Zeit, dass ich das später auch machen möchte. Insofern ist wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich liebe es, mit anderen zusammen zu musizieren, über die Stimme in der Musik mit anderen zu verschmelzen. Und ich finde es wunderbar, mit so vielen großen und bedeutenden Dirigenten und Musikern zusammen Musik machen zu dürfen und von ihnen immer weiter zu lernen und dabei eines von vielen Rädlein am Wagen sein zu dürfen.

 

Spielen Sie noch Orgel?

Mit großer Freude. Mein Mann ist hier in Gütersloh Kirchenmusiker, er leitet den Bachchor und einen Knabenchor und beschäftigt mich ständig als Organistin. Auch meine alten Kollegen hier in der Region fragen mich immer wieder an. Und wenn mein Mann in der Chorprobe sagt, dass ich das mal einen Ton tiefer spielen soll, dann bin ich dankbar, dass ich das inmeinem  Studium gelernt habe. Ich spiele sehr gern Continuo und habe Gesangsschüler, die ich am Klavier begleite. Das geht, wenn man sich gut organisiert. Als ich vorhin nach Haus gekommen bin, hab ich sofort wieder Klavier geübt. Dieses Mal das Tafellied von Brahms, das einen höllisch schweren Klavierpart hat – aber es ist ein tolles Lied für Feierlichkeiten. So nehme ich mir immer wieder etwas vor.

Haben Sie den Rundfunkchor schon einmal begleitet?

Noch nie, das wird eine Premiere. Ich freue mich wie Bolle.

Wie gefällt Ihnen das Lounge-Format?

Sehr gut. Wir sprechen neben unserem vertrauten auch ein neues Publikum an, das diese lockere Atmosphäre genießt. Wir gehen ja gern als Rundfunkchor Berlin neue Wege und sind da vielleicht auch Ideengeber für andere Ensembles – das finde ich wunderbar.

Welche Musik hören Sie privat?

Eros Ramazotti, wenn wir in den Urlaub nach Italien fahren. Und beim Gläserspülen nach einer Essenseinladung hören mein Mann und ich immer den Rosenkavalier, das berühmte Terzett. Ansonsten wenig. Von meinen Kindern bekomme ich immer die neuesten Bravo-Hits aufs Handy gespielt. Und ab und zu höre ich mir aus Neugier die neuen Aufnahmen der anderen Rundfunkchöre an.

Letzte Frage: Was war für Sie das Konzert-Highlight in dieser Saison?

Das größte Erlebnis war das Brahms-Requiem im Teatro Colón in Buenos Aires, auf unserer Südamerika-Tournee – auswendig und unter Leitung von Gijs Leenaars. Wir hatten das »human requiem« in New York gemacht, flogen dann nach Südamerika, haben das Requiem ganz normal im Konzert gesungen, aber niemand guckte mehr in die Noten. Und da haben wir kurzerhand beschlossen, es im nächsten Konzert auswendig zu singen. Der Saal tobte. Das war für mich so ein erhebendes Gefühl, überhaupt in diesem geschichtsträchtigen Theater zu stehen, und dann das Brahms-Requiem, dieses Stück, das uns wie auf den Leib geschnitten ist, auswendig zu singen. Das war das Erlebnis, das mich in dieser Saison am tiefsten berührt hat.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Foto Centro de las Artes 660
Kampagnenmotiv RundfunkchorLounge
Foto »human requiem«

Auf ein Wort mit

Sabine Eyer

Die Altistin Sabine Eyer wurde 2011 als festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin aufgenommen und ist Mentorin in der Chorakademie.

Warum engagieren Sie sich bei der Akademie?

Das ist eine spannende Aufgabe. Als ich gefragt wurde, ob ich Mentorin werden möchte, konnte ich mich noch gut an meine eigene Zeit als Neuling im Rundfunkchor Berlin erinnern. Ich fand es interessant, all das, was mir damals beigebracht worden ist, jetzt selbst weitergeben zu können, mit den jungen Sängern zu arbeiten, ihnen unseren Beruf zu zeigen und sie an die Arbeit in einem Rundfunkchor heranzuführen. Die Idee der Akademie ist ja, Gesangsstudenten für ein halbes Jahr in den Chor zu integrieren.

Was lernt man in der Akademie, was man im Studium nicht lernt?

Man muss zwar auch mal im Hochschulchor singen, aber man wird im Studium auf eine Solokarriere vorbereitet; Chorsingen als Berufsbild taucht in der Hochschule praktisch nicht auf. Und dieses Problem wollen wir mit der Akademie beim Schopfe packen und den Studenten zeigen: Es gibt nicht nur das Musiktheater, sondern auch eine ganz andere Welt, in der man singen kann.

Was machen Sie als Mentorin?

Wir haben im Idealfall eine Akademistin bzw. einen Akademisten pro Stimmgruppe, ich betreue die Alt-Akademistin. Wir sitzen in den Proben nebeneinander, so kann ich direkt eingreifen, wenn etwas schiefgeht. Ich kann auch Fragen, die auftauchen, beantworten. Bei Bedarf sprechen wir die Werke, die einstudiert werden, vor der Probenphase durch. Ich mache sie auf Schwierigkeiten im Stück aufmerksam und gebe ihr Tipps, worauf man achten muss, woran man sich orientieren kann usw.. Aufgrund der Vielzahl an Werken, die wir als Rundfunkchorsänger in einer Saison aufführen, steht für die Einstudierung jedes einzelnen Werks meist wenig Zeit zur Verfügung, da muss das Vom-Blatt-Singen schnell gelernt werden. Meine Idee der Arbeit als Mentorin ist es, meiner jeweiligen Akademistin soviel Einblick wie möglich in das Schaffen des Rundfunkchores Berlinzu bieten und ihr möglichst viel für sich mitzugeben.

Geht das Konzept auf?

Auf jeden Fall. Meine erste Akademistin hat inzwischen mit Freunden ein A-cappella-Ensemble gegründet, wo sie ihre Liebe zum Ensemblegesang ausleben kann. Eine ehemalige Sopranakademistin ist inzwischen festes Mitglied des MDR-Chores, eine andere singt als freie Mitarbeiterin in mehreren Rundfunkchören. Eine meiner ehemaligen Akademistinnen hilft regelmäßig bei uns aus, eine andere ist als Solistin gut im Geschäft. Und ich freue mich darauf, zu beobachten, wie meine jetzige Akademistin ihren Weg gehen wird.

Für wen ist die Akademie interessant?

Für Gesangsstudierende im Hauptstudium. Die Akademisten müssen bereits ein gewisses Level an gefestigter Technik haben, weil sie jeden Tag voll in die Probenarbeit miteinsteigen – und unser Beruf ist technisch gesehen durchaus anspruchsvoll. Erfahrung im Ensemblesingen ist gut und hilfreich, aber wir sind ja als Mentoren auch da, um da helfend unter die Arme zu greifen.

Wie ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, Chorsängerin zu werden?

Ich hab schon immer viel im Chor gesungen, im Kinderchor, im Kirchenchor, im Theater. Später war ich mit Gastverträgen am Theater beschäftigt, war dort fürchterlich unglücklich und habe dann genau in der Zeit den Rundfunkchor Berlin gehört – und mir war klar: Das will ich machen.

Auch wenn es fordernd ist – ist es ein Traumberuf?

Absolut! Wir dürfen mit tollen Orchestern, großartigen Dirigenten und hervorragenden Solisten Musik machen und bekommen etwas von der Welt zu sehen. Auch wenn es mitunter kräftezehrend ist, ich kann mir nichts anderes vorstellen, als zu singen. Diese Liebe zum Ensemblesingen zu vermitteln, gehört für mich auch zu meiner Aufgabe als Mentorin in der Akademie.

Wenn Sie Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, womit verbringen Sie denn dann Ihre freie Zeit?

Wann immer es möglich ist, fliege ich zu meinen Freunden und meinem Patenkind nach Oslo oder auch zu Freunden nach Wien, oder besuche meine Familie. Ansonsten habe ich ein kleines Haus, das noch viel Arbeit erfordert.

Welche Musik hören Sie privat am liebsten?

In meinem Elternhaus bin ich mit klassischer Musik aufgewachsen und dabei geblieben, auch wenn in der Zwischenzeit einiges andere dazugekommen ist.
Daheim habe ich auch gern einfach Stille um mich. Wenn ich etwas höre, dann ist je nach Stimmung vom Lied über Songwriter bis zur Oper alles dabei. Auch wenn ich inzwischen von der Oper recht weit entfernt bin, sie ist immerhin der Grund, weshalb ich unbedingt Sängerin werden wollte.

Und was sollte man in dieser Saison beim Rundfunkchor Berlin nicht verpassen?

»Tosca« mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern und das »human requiem«. Auch wenn es schon seit langem immer wieder im Spielplan ist, hat es für mich seinen Reiz nicht verloren.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Foto von Sir Mark Elder
Foto von Simon Rattle
Foto »human requiem«
Foto Anne Bretschneider

Auf ein Wort mit …

Anne Bretschneider

Die Sopranistin Anne Bretschneider ist seit 2011 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Für die Liederbörse am 4. März im Kammermusiksaal der Philharmonie hat sie im Vorfeld den Kontakt zu teilnehmenden Schulchören aufgebaut und diese bei der Vorbereitung auf das Konzert unterstützt.

Was ist Ihre Aufgabe bei der Liederbörse?

Ich gehe im Rahmen der Liederbörse als Patin aus dem Rundfunkchor in die Schulen und versuche, den Schülern einen Eindruck vom Beruf Sänger und im Speziellen Chorsänger, zu vermitteln. Ich beantworte Fragen rund um das Thema Chorsingen. Viele Kinder wissen nicht einmal, dass das ein Beruf ist und man sehr lange dafür studiert.

Auch Themen wie die Stimmhygiene werden besprochen. Und natürlich auch praktische Dinge wie zum Beispiel wie und wo geprobt wird, wie oft und wie lange geübt werden muss, bevor man auf die Bühne geht. All das sind Fragen, die die Kinder spannend finden.

Wie bereiten Sie sich auf die Schulchor-Besuche vor? Was erleben Sie in den Schulen?

Ich bereite im Vorfeld die Literatur, die in der Liederbörse gesungen wird, vor. Das heißt, ich lerne die Stücke und überlege zum Beispiel, welche Problemchen in den Schulstunden bei den einzelnen Stücken auftreten könnten, zu denen ich noch den einen oder anderen Tipp geben kann.

Ich bespreche im Vorfeld mit der Lehrerin, wie wir die Stunde gemeinsam gestalten wollen. Oft ist es so, dass ich mich den Kindern zunächst vorstelle, etwas von mir und meinem Beruf berichte. Dann beantworte ich sehr viele Fragen der Kinder. Danach singe ich die Kinder ein.

Nach dem Einsingen singe ich den Kindern etwas vor, und danach singen die Kinder wiederum mir etwas aus dem vorbereiteten Programm für die Liederbörse vor. Oft singe ich auch nochmal mit oder singe die zweite Stimme dazu. Im Anschluss kann ich noch ein paar Hinweise geben – und schon ist die Schulstunde rum.

Was finden Sie an der Zusammenarbeit mit Schülern spannend? Was ist die besondere Herausforderung dabei?

Für mich ist es immer schön in der Grundschule zu erleben, wie unvoreingenommen die Kinder der klassischen Musik gegenüber sind. Die Freude und Lust am Singen stehen noch im Vordergrund. Und wenn die Kleinen sich dazu noch bewegen können, klatschen, im Rhythmus gehen oder ähnliche Aktionen mit dem Singen verbinden, sind sie voll dabei.

Es gibt auch verschlossene und schüchterne oder verhaltensauffällige Kinder, für die Singen ein Ventil sein kann. Dadurch, dass Singen ein ganzkörperliches Erlebnis ist, spüren sie sich mitunter durchs Singen besser und kommen leichter aus sich heraus.

Die ganze Rasselbande dann noch zu bändigen und eine gewisse Ruhe in die Chorstunde zu bringen ist immer wieder eine rein praktische Herausforderung für mich, da jede Klasse anders tickt und eine ganz individuelle Energie mitbringt.

Bei den älteren Schülern besteht die Herausforderung für mich in erster Linie darin, Interesse bei denen zu erwecken, die dem Thema klassische Musik weniger zugewandt sind, oder sich nicht trauen mit ihrer Stimme einfach loszulegen.

Wie kann man heutzutage Kinder und Jugendliche für das Singen im Chor begeistern?

Man muss zunächst die Neugierde und Lust am selber Singen erwecken. Es gibt schöne Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, die die Heranwachsenden schon vor Ort zum Singen animieren. Ich glaube, dass die meisten kleinen Kinder von sich aus gerne singen. Aber das Singen in der Gemeinschaft können sie nur kennen lernen, wenn ihnen die Gelegenheit dazu geboten wird. Das kann in oder außerhalb der Schule passieren.

An unserer Liederbörse nehmen beispielsweise Chöre aus Berliner Grund- und Oberschulen teil. Alle erfahren, was es bedeutet, mit hunderten von Kindern/Jugendlichen und einem professionellen Chor gemeinsam in einem Konzertsaal zu singen. Das klingt natürlich ganz anders, als wenn sie in ihrer Schulaula einen Auftritt haben. Wenn man eine so große Menge musizierender Menschen erlebt, kann das ein ziemlich eindrucksvoller Moment sein, der Spuren hinterlässt und glücklich machen kann.

Warum engagiert sich der Chor im Education-Bereich bzw. in der Musikförderung?

Wir möchten den Nachwuchs an die klassische Musik und im Speziellen ans Singen möglichst früh heranführen. Die Freude am Singen soll gefördert werden, und oft funktioniert so etwas einfach durchs direkte Erfahren und Ausprobieren und durch Begegnungen mit Menschen, die genau davon »ein Lied singen können«.

In der Liederbörse werden Werke unterschiedlichster Musikstile gesungen. Welche Musik hören Sie privat?

Ich höre so gut wie keine Musik, da ich fast jeden Tag selber singe und dann auch einfach mal die Stille genieße.

Und was sollte man nach der Liederbörse in dieser Chorsaison nicht verpassen?

Ich freue mich auf »Sea Drift« von Frederick Delius. Seine Musik wird in Deutschland leider selten aufgeführt und so hat man nicht all zu oft die Gelegenheit seine Werke zu hören oder zu singen. Ich persönlich liebe seine opulente und lautmalerische Klangsprache.

 

Das Gespräch führte Maike Pertschy.

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Kampagnenmotiv Liederbörse 2017
Foto von Sir Mark Elder
Foto Rainer Schnös

Auf ein Wort mit …

Rainer Schnös

Der Bassist Rainer Schnös ist nicht nur seit 2001 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Gitarrist und Bandleader wirkt er außerdem bei der jährlichen Liederbörse mit und tritt regelmäßig als Komponist in Erscheinung – so auch bei der nächsten RundfunkchorLounge am 25. Januar im silent green Kulturquartier.

Wie sind Sie zum Komponieren gekommen?

Als meine Mutter mir als Kind aus einem Buch über Mozart vorlas, hat mich das so beeindruckt – da hatte ich gerade Klavierunterricht bekommen –, dass ich angefangen habe, Menuette im 4/4-Takt und ähnliches zu komponieren. Ich habe mir ein Heft angelegt für meine eigenen Kompositionen, das war mein Einstieg. Für die Bands, in denen ich gespielt habe, habe ich Arrangements geschrieben, im Leistungskurs Musik auch mal einen Chorsatz oder Kammermusik. Im Klavierstudium an der Folkwang-Hochschule in Essen haben wir im Tonsatz-Kurs Stilkopien geschrieben, Fugen und Inventionen wie etwa von Bach oder Sonatensätze von Haydn, und das hat mich angefixt. Mein Professor hatte mich damals sogar gefragt, ob ich nicht Komposition studieren wollte, aber ich hatte andere Pläne und wollte auch nicht für die Schublade schreiben, – meine Stücke wollte ich schon aufgeführt wissen. Die Gelegenheit ergab sich dann 2008 mit dem ersten KammermusikPodium »Sänger komponieren«, da hatte ich mein spätes »Coming-out« als Komponist mit den drei »Witch Songs« auf Texte von Shakespeare und Middleton, die seitdem mehrfach aufgeführt worden sind. Seither betreibe ich das ernsthafter.

Wie fangen Sie an und was haben Sie konkret für die RundfunkchorLounge geschrieben?

Meine Zeit ist sehr begrenzt durch meinen Hauptberuf im Chor und durch meine Familie. Ich schreibe nur, wenn es einen Anlass gibt, dann nehme ich mir die Zeit. Bei den KammermusikPodien haben wir Komponisten uns zusammengesetzt und den Rahmen der Besetzungen abgesteckt. Das haben wir diesmal auch getan: Wir haben uns auf ein sehr transparentes Klangbild geeinigt mit zwei oder drei Frauenstimmen, Cello und Klarinette. Sehr reduziert – was aber auch anspruchsvoll ist, weil man den Raum füllen muss. Was die Texte betrifft, lande ich eigentlich immer wieder bei Shakespeare, aber diesmal habe ich ein Gedicht von Else Lasker-Schüler vertont, »Weltflucht«, das mich mein ganzes Studium über begleitet hat und das ich schon immer vertonen wollte. Dazu habe ich zwei weitere ihrer Gedichte ausgewählt, sodass sich ein Dreierzyklus ergibt.

Ist es ein besonderer Reiz, für Stimmen zu schreiben, die Sie so gut kennen?

Ja, und ich finde es einfacher, weil ich weiß, was ich den Sängern und den Musikern abverlangen kann, was funktioniert und was nicht. Vielleicht würde ich komplexer schreiben, wenn wir mehr Proben zur Verfügung hätten. Aber da bin ich selbst zu sehr Musiker. In unserem Fall kenne ich nicht nur die Sängerinnen, sondern auch den Klarinettisten und den Cellisten, und mir macht es Spaß, wenn man sich vorher trifft und überlegt, was man an neuen Klängen bringen kann, und Dinge ausprobiert. Bei den »Witch Songs« haben wir damals für die Klarinette tolle Multiphonics gefunden, so übrigens jetzt auch bei »Weltflucht«.

Wie gefällt Ihnen das Lounge-Format?

Sehr gut. Ich mag die entspannte Atmosphäre, in der man nicht in Reih und Glied sitzen muss. Es hat eine Lässigkeit und Gemütlichkeit, und dann entsteht eine ganz andere Konzentration. Und: man lernt sich im Publikum einfacher kennen, was auch dazu führt, dass man hinterher noch bleibt und diskutiert über das, was da geboten wurde.

Sie sind außerdem noch der Bandleader und Arrangeur der Liederbörse.

Ich habe schon immer in Bands gespielt, Gitarre und Keyboards, und Pop, Jazz, Folk, Singer-Songwriter-Sachen haben mich von früh an interessiert, ich höre das sehr gern und schreibe auch gern stilistisch in dem Bereich oder mische die Stile. Auch bei den Festspielen in Bayreuth, wo ich im Chor mitwirke, wenn es die Zeit zulässt, haben wir seit zwölf Jahren eine Band, die sich inzwischen zur Big-Band entwickelt hat, da spielen wir auch partytaugliche Cover-Stücke. Für die Liederbörse, unser Mitsingkonzert für Berlins Schulen, stelle ich die Band zusammen, organisiere die Proben und schrieb im letzten Jahr auch einige Arrangements.

Warum ist das Singen im Rundfunkchor ein Traumberuf?

Weil es mir die Möglichkeit eröffnet, Musik auf höchstem Niveau zu machen. Wir arbeiten mit großartigen Dirigenten zusammen und realisieren dazu noch sehr exquisite szenische Projekte wie die Sellars-Passionen oder das Luther-Projekt mit Bob Wilson, auf das ich mich sehr freue. Da mitarbeiten zu dürfen, ist ein Privileg.

Und was sollte man nach der Lounge in dieser Chorsaison nicht verpassen?

Am meisten freue ich mich auf Ligetis »Le Grand Macabre« mit Peter Sellars. Ich finde es großartig, wie Sellars arbeitet, wie inspiriert und inspirierend er ist und welche Impulse er uns als Chor gegeben hat. Ich denke, ohne ihn hätten wir auch das »human requiem« nicht auf dem Niveau umsetzen können. Wir hatten kurz zuvor mit ihm für die Matthäus-Passion zusammengearbeitet, und das hat uns alle emotional enorm bewegt und geöffnet. Das »human requiem« ist für mich immer etwas ganz Besonderes.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Kampagnenmotiv RundfunkchorLounge
Foto von Simon Rattle
Foto von Simon Rattle
Kampagnenmotiv Liederbörse 2017

Auf ein Wort mit …

Sascha Glintenkamp

Sascha Glintenkamp übernimmt beim Weihnachtskonzert am 22. Dezember im Berliner Dom die Rolle des Sprechers in Arthur Honeggers »Le Roi David«. Seit 2008 ist er als Bass Mitglied des Rundfunkchores Berlin, wo er sich in Kammermusikabenden ebenso wie bei der Education-Initiative SING! engagiert.

Warum haben Sie die Sprechrolle im »König David« übernommen?

Das Schöne an einer Sprechrolle ist, dass man nicht singen muss. (lacht) Man muss nicht auf einen vorgegebenen Rhythmus und die Intonation achten. Natürlich gibt es Stücke, bei denen Rhythmus und Tonhöhe auch für den Sprecher notiert sind, aber das ist hier nicht der Fall. Hier bin ich frei, und das ist eine ganz andere Herangehensweise. Bei manchen Passagen weiß ich genau, wie ich sie sprechen werde, aber vieles entwickelt sich aus dem Moment heraus, das hat viel Improvisatorisches. Und es hat auch etwas mit Schauspielerei zu tun. Auch wenn es keine »eigentliche Rolle« ist, die man spielt, muss man sich in den Autor hineinversetzen. Man kann etwas »aus sich heraustreten« und jemand anderen zu Wort kommen lassen.

Ist jeder Sänger ein guter Sprecher?

Zumindest haben Sänger einen Vorteil, was die Resonanz der Stimme betrifft, was die Ausdrucksmöglichkeiten und den Stimmklang angeht.

Was ist reizvoll an genau dieser Rolle?

Das Stück schildert einzelne Stationen aus dem Leben des Königs David, und meine Funktion ist es, die Überleitungen zu sprechen und seinen Werdegang nachzuzeichnen. Das Stück ist zwar chronologisch aufgebaut, aber man sieht eben immer nur Ausschnitte aus seinem Leben. Meist kommt ein Stück Musik, dann spreche ich ein paar Sätze, dann folgt wieder Musik. Aber es gibt auch melodram-artige Stücke, bei denen ich über der Musik spreche.

Ist das Sänger-Sein im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Ja. Ich singe wirklich sehr gerne – nicht jeden Tag gleich gern, aber es ist einfach sehr erfüllend. Und ich habe so viele tolle Momente in meinen bisherigen acht Jahren im Rundfunkchor Berlin erlebt, die ich in einem anderen Lebensentwurf nicht hätte erfahren können. Auch nicht als Solist. Wenn man merkt, dass alle am selben Strang ziehen, in die gleiche Richtung, wobei es aber nicht um Kraft geht, sondern darum, etwas Schönes zu schaffen – das ist ein Gefühl, das mich sehr glücklich macht. Natürlich muss man sich im Chor etwas zurücknehmen, aber gleichzeitig arbeitet man immer mit den Nachbarn, dem Dirigenten, den Musikern zusammen, und dieser Austausch funktioniert ohne Worte. Man muss immer drauf achten, was der andere macht, man nimmt auf, was um einen herum passiert, klinkt sich ein und kann das in gewissem Maße auch steuern. Diese Art von Arbeit finde ich ganz toll.

Haben Sie ein Ritual vor dem Auftritt?

Nicht wirklich. Wenn wir szenisch arbeiten wie beim »human requiem« erkunde ich vorher immer den Raum. Ein Gefühl für den Raum zu bekommen, wie er klingt, wie er sich anfühlt – das ist für mich ein ganz wichtiger Schritt in der Vorbereitung.

Welche Musik hören Sie privat?

Ich höre selten Musik, das bringt der Beruf mit sich. Wenn man täglich ein paar Stunden Musik macht, ist man nicht mehr so wahnsinnig aufnahmebereit. Aber wenn, dann höre ich ganz Verschiedenes. Momentan viel Jazz-Fusion-Funk, das mag ich sehr gern. Ich höre oft Musik ohne Gesang, wenn ich so darüber nachdenke, das ist für mich entspannter, da muss ich mich nicht auf den Text konzentrieren.

Und was sollte man nach dem Weihnachtskonzert in dieser Chorsaison nicht verpassen?

Gleich im Januar machen wir das Verdi-Requiem mit den Berliner Philharmonikern und Riccardo Chailly, das wird bestimmt beeindruckend. Und ich bin sehr gespannt auf die halbszenische Aufführung von »Le Grand Macabre« von Ligeti im Februar, mit Simon Rattle, den Berliner Philharmonikern und Peter Sellars als Regisseur.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Kampagnenmotiv Berliner Weihnachtskonzert
Foto von Simon Rattle