Auf ein Wort mit …

Peter Ewald

Seit 2011 ist Tenor Peter Ewald festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Der Heavy Metal-Fan freut sich auf die besonderen Herausforderungen des kammermusikalischen Gesangs in der kommenden RundfunkchorLounge.

In der RundfunkchorLounge dreht sich alles um das Thema »Beruf und Berufung«. Wollten Sie von klein auf Sänger werden oder gab es auch andere Berufswünsche? Wie sind Sie zum Beruf des Sängers gekommen?

Mein allererster Berufswunsch war – neben Elektriker, dem Beruf meines Vaters – Pfarrer. Ich wollte also nicht von klein auf Sänger werden. Aber das Singen hat seit meinem zwölften Lebensjahr, seit ich im Kirchenchor gesungen habe, immer eine große Rolle gespielt. Seit meinem fünften Lebensjahr spiele ich Klavier und ich erhielt während des Abiturs in einer kirchlichen Ausbildungsstätte in Potsdam sehr intensiv Orgelunterricht. Eigentlich wollte ich ja Theologie studieren, doch mein Lehrer fragte mich damals: »Willst du nicht Kirchenmusiker werden? Das würde doch besser passen!« Da habe ich mich umentschieden. Ich studierte in Halle an der Saale Kirchenmusik und hatte dort einen sehr guten Gesangslehrer: Olaf Schöder, ohne den ich wahrscheinlich nie Sänger beim Rundfunkchor Berlin geworden wäre.

Nachdem ich nach dem Studium meine Stelle als Kirchenmusiker im Spreewald angetreten hatte, merkte ich, dass meine Gesangsfähigkeiten allmählich einrosteten. Deshalb habe ich in den 1990er-Jahren nochmal ein dreijähriges Fernstudium im Fach Gesang in Halle gemacht. Mein Lehrer Olaf Schöder, der mich bereits während meines ersten Studiums in Halle unterrichtet hatte, empfahl mir schließlich, mich als Aushilfe beim Rundfunkchor Berlin vorzustellen. 2001 wurde ich als Aushilfe angenommen und war seitdem regelmäßig bei Projekten dabei. Als sich 2011 die Chance ergab, für eine feste Stelle vorzusingen, habe ich diese ergriffen – und es hat geklappt!

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin für Sie Beruf oder Berufung? Ist es ein Traumberuf?

Es ist auf jeden Fall ein Traumberuf. Was man in den Konzerten mit so bedeutenden Dirigenten erleben kann, ist einfach faszinierend. Hinzu kommt: Singen tut der Seele und dem Körper gut, so empfinde ich es jedenfalls. Wenn man das als Berufssänger jeden Tag in der Probe oder im Konzert erleben darf, ist das ein großes Glück und ein schöner Nebeneffekt.

Im Rundfunkchor Berlin engagieren Sie sich auch im Education-Bereich, u.a. besuchen Sie die Schulchöre, die an der Liederbörse teilnehmen. Interessieren sich die jungen Menschen für den Beruf des Chorsängers?

So, wie ich es mitbekomme, spielt es für die wenigsten eine Rolle. Was ich aber beachtenswert finde: Die Chöre, mit denen ich in Berlin zu tun habe, treffen sich ja außerhalb des Unterrichts in der Freizeit. Ich gehe meist in die höheren Klassen, 10. bis 12. Klasse. Hier gibt es einen guten Zulauf. Dass sogar die Jungs mitmachen, finde ich schon sehr erstaunlich. In meiner alten Heimatstadt Lübben gibt es einen Männerchor, den ich seit 25 Jahren leite. Mit Nachwuchs sieht es hier ganz schlecht aus, weil dort einfach nicht mehr gesungen wird. Deshalb finde ich meine Erfahrungen mit der Liederbörse umso erstaunlicher. Die Schulchöre, die an der Liederbörse teilnehmen, werden häufig von Frauen geleitet. Sie freuen sich, dass endlich mal ein Mann mit den jungen Männern singen kann. Und auch die Jungs freuen sich, dass mal ein Mann mit ihnen singt. Denn es bringt etwas: Selbst in den drei Stunden, die wir miteinander arbeiten, lernen sie ihre Stimme anders kennen und entdecken Fähigkeiten, von denen sie vorher nicht wussten, dass sie sie hatten.

In der RundfunkchorLounge singen Sie mit Kollegen in einem neunköpfigen Männerchor Werke von Mendelssohn Bartholdy. Singen Sie in dieser Formation das erste Mal? Was reizt Sie an der Kammermusik?

Ja, die Gruppe wurde für diese RundfunkchorLounge ausgewählt. Reizvoll ist, dass jede Stimme nur zweifach besetzt ist. Man ist also solistisch gefordert, trägt aber nicht allein die Verantwortung. Es ist ein geschützter solistischer Raum, würde ich es mal nennen. Das ist reizvoll.

Wenn Sie das Singen zum Beruf gemacht haben: Was tun Sie dann in Ihrer Freizeit?

Ich habe mit meiner Frau vor einem Jahr ein Häuschen mit 3000 Quadratmetern Land gekauft, das mal unser Wohnsitz werden soll. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Außerdem bin ich immer noch in der Gemeinde tätig, in der ich früher Kirchenmusiker war. Ich leite hier den Kirchenchor und den Posaunenchor. Ab und zu spiele ich auch noch Orgel im Gottesdienst.

Welche Musik hören Sie privat?

Heavy Metal. Ich gehe des Öfteren auf Konzerte und fahre seit zehn Jahren jedes Jahr nach Wacken.

Was sollte man in dieser Saison nicht verpassen?

Ich freue mich immer auf die außergewöhnlichen, szenischen Projekte. Das Gastspiel mit dem »human requiem« in Australien im März ist doppeltes Glück! Denn dieses Stück macht mir unheimlich viel Spaß – und in Australien war ich noch nie.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers

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Foto »human requiem«

Benjamin Goodson

Seit Beginn der Saison 2016/17 ist Benjamin Goodson Assistent des Chefdirigenten des Rundfunkchores Berlin. Als solcher betreut er die Schola und erarbeitet mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein anspruchsvolles A-cappella-Programm.

Was ist die Idee der Schola? An wen richtet sich das Projekt?

Wer Sänger werden möchte, muss an der Hochschule Sologesang studieren. Dieses Studium bereitet die Studenten jedoch nicht auf eine Karriere in einem Profichor vor, denn diese erfordert zum Teil andere Kompetenzen und Qualitäten. Die Idee der Schola ist, dass junge Sängerinnen und Sänger schon während des Studiums das professionelle Chorsingen kennen lernen und erfahren, welche Herausforderungen sich ihnen in diesem Beruf stellen.

Was ist Ihre Aufgabe bei der Schola?

Die Schola besteht aus zwei Teilen. Die jungen Sänger arbeiten zehn Tage mit dem Rundfunkchor Berlin zusammen und studieren gemeinsam mit dem Chor ein Programm ein. Das heißt, sie sind bei allen Proben dabei und singen auch das Konzert mit. Im zweiten Teil arbeiten  sie allein als Kammerensemble und studieren ein A-cappella-Programm ein. Ich finde diesen Teil sehr wichtig, denn im kleinen Ensemble tragen sie die komplette Verantwortung. Es ist wichtig, dass sie auch im Rundfunkchor Berlin mitsingen und einen Eindruck gewinnen können. Aber wenn man mit 63 Profisängern zusammen singt, klingt es immer gut. Im Kammerensemble a cappella müssen sie aber die Verantwortung für die Qualität selbst übernehmen. Diesen Teil zu leiten, ist meine Aufgabe. Ich habe in Oxford einen der Universitätschöre geleitet, habe also Erfahrung mit jungen Sängern. Wenn die Teilnehmer der Schola etwas über den Beruf des Chorsängers wissen möchten oder andere Fragen haben, bin ich für sie da und gebe Antworten.

Geht das Konzept der Schola auf?

Ich glaube schon. Ich mache das jetzt zum zweiten Mal. Das Feedback, das ich bekomme, ist gut und zeigt, dass das Konzept etwas ganz Besonderes ist. So etwas wird an der Hochschule nicht angeboten. Möglicherweise öffnet sich dadurch für einige Teilnehmer ein Berufsweg, den sie vorher nicht direkt wahrgenommen haben. In der Schola können sie erfahren, ob die Arbeit in einem Chor etwas für sie ist. Professioneller Chorsänger zu werden, ist keine zweite Wahl.

Was erwartet uns beim Abschlusskonzert am 17. November?

Das Hauptkonzert ist das »Stabat mater« von Antonín Dvořák, zusammen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Jakub Hrůša. Nach dem Konzert in der Philharmonie wird die Bühne so schnell wie möglich umgebaut. Dann wird die Schola ein Post-Konzert a cappella aufführen. Das Programm ist eine breite, sehr anspruchsvolle Auswahl von Stücken, die alle eine Verbindung zu Dvořák und zur Passionsthematik haben.

Was machen Sie sonst noch beim Rundfunkchor Berlin?

Ich bin der Assistent des Chefdirigenten. Das heißt, ich bin immer dabei, wenn Gijs Leenaars mit dem Chor arbeitet und helfe ihm in der Vorbereitung seiner Projekte. Aber ich übernehme auch eigene Projekte und Einstudierungen. Ich leite dieses Jahr die Liederbörse und studiere zum Beispiel das Silvesterkonzert ein.

Wie sind Sie zum Rundfunkchor Berlin gekommen?

Ich kenne Simon Halsey, den früheren Chefdirigenten und jetzigen Ehrendirigenten, schon sehr lange. Über ihn bin ich in Kontakt mit dem Rundfunkchor Berlin gekommen. Als die Stelle frei wurde, hat man mich darauf aufmerksam gemacht. Ich habe mich beworben und bin ausgewählt worden.

Welche Musik hören Sie privat?

Fast alles. Viel Musik der englische Renaissance und der deutschen Spätromantik. Und alles von Bach. Das ist wahrscheinlich mein Lieblingskomponist. Ich höre auch Jazz und Pop. Aber es gibt auch Zeiten, in denen ich nichts höre. Wenn ich viel studieren muss, ist Stille um mich herum.

Was sollte man in dieser Saison nicht verpassen?

Das Weihnachtskonzert, denn da singt der Rundfunkchor Berlin eines meiner Lieblingsstücke: die Messe von Frank Martin. Und der »Parsifal« zu Ostern mit den Berliner Philharmonikern wird auch toll werden.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Konzertempfehlungen von Benjamin Goodson
Foto von Jakub Hrůša
Kampagnenmotiv Weihnachtskonzert 2018 des Rundfunkchores Berlin
Foto von Simon Rattle
Kampagnenmotiv Liederbörse 2018
Foto Annerose Hummel, Altistin im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Annerose Hummel

Die Altistin ist seit 2008 Mitglied im Rundfunkchor Berlin und engagiert sich im Chorvorstand für die Belange des Chores. Die Wilson-Produktion »LUTHER dancing with the gods« ist für sie in vielerlei Hinsicht spannend.

Der Rundfunkchor Berlin realisiert derzeit das Projekt »LUTHER dancing with the gods« im Pierre Boulez Saal. Was erwartet unser Publikum bei diesem Projekt? Worum geht es?

Das Publikum erwartet eine typische Wilson-Inszenierung, also abstraktes, bilderreiches Theater, das dem Betrachter einen großen Assoziationsspielraum lässt. Ich denke, wenn man da neugierig hingeht, kann sich jeder sein eigenes Stück im Kopf zusammensetzen und ganz eigene Assoziationen entwickeln.

Wie erleben Sie den Saal, was zeichnet ihn im Vergleich zu anderen Konzertsälen in Berlin aus Ihrer Perspektive aus?

Der Saal hat eine wundervolle, für Kammermusik ideale Akustik, die ein ganz feines Singen und Arbeiten ermöglicht. Da kann man wirklich in die leisesten Piano-Schattierungen gehen. Besonders in der kleinen Besetzung ist es einfach ein großer Genuss, in diesem Saal zu singen. Das Publikum ist sehr nah, und das ist auch eine Herausforderung. Es entsteht eine ganz intime, tolle Konzertatmosphäre.

Auf dem Programm stehen unter anderem vier Motetten von Johann Sebastian Bach. Was macht die Interpretation durch den Rundfunkchor Berlin unter Leitung von Gijs Leenaars besonders?

Die Antwort würde ich gern dem Zuhörer überlassen – weil ich es schwierig finde, das von innen heraus zu beurteilen. Ich kann sagen, dass es uns wichtig ist, einen sehr persönlichen Ausdruck zu finden, einen sehr persönlichen Bach zu musizieren und unseren warmen Klang mit der Transparenz, die diese Musik hat, zu verbinden.

Die Musik ist eingebettet in eine genreübergreifende Produktion in der Regie von Robert Wilson. Es ist nicht die erste szenische Arbeit mit Musik von Bach vom Rundfunkchor Berlin. Was unterscheidet die Arbeit mit Wilson von der Arbeit mit Peter Sellars an der Matthäus- und der Johannes-Passion?

Die Regisseure, die ich beide sehr schätze, haben unterschiedliche Ansätze. Peter Sellars geht es darum, dass man mit seiner Rolle auf der Bühne auch Emotionen verbindet, dass man diese Emotionen wirklich herauslässt und damit arbeitet. Die Texte werden bei ihm sogar mit tagesaktuellem Geschehen verknüpft – es geht wirklich in die Psychologie. Robert Wilson geht es mehr um eine assoziative Ebene, um Bilder, die etwas hervorrufen. Als Darsteller bekommt man auch nichts an die Hand, was man erfühlen soll. Es geht vielmehr um eine Form, die man selbst füllen muss. Das ist eine ganz andere Art von Theater.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Robert Wilson insgesamt?

Ich erlebe ihn als uns sehr zugetan. Bei Robert Wilson ist die äußere Form ausschlaggebend, er korrigiert zum Beispiel ganz genau bis hin zur Fingerhaltung. Bei Peter Sellars hat man viel mehr individuelle Freiheit. Robert Wilson möchte, dass die Musik im Vordergrund steht und nicht durch die Bilder gestört wird. Deswegen fordert er zum Beispiel ganz ruhige Bewegungen.

Was nehmen Sie für Ihre Arbeit auf der Bühne im Allgemeinen mit?

Mir imponieren die Konzentration und die Ruhe auf der Probe. Und dieses sich ganz Versenken in den Moment.

Welche Musik hören Sie privat?

Musik ohne Gesang, Kammermusik, Klaviermusik. Und beim Joggen aktuelle Popmusik.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Auf jeden Fall. Ich liebe einfach den Klang des Chores, ich empfinde da tatsächlich ein körperliches Wohlbefinden. Wenn ich mit den KollegInnen singe, werden irgendwelche tieferliegenden Schichten berührt, die mich sehr zufrieden machen.

Was sollte man nach »LUTHER« in dieser Saison nicht verpassen?

Nicht verpassen sollte man das Brahms-Requiem mit Yannick Nézet-Séguin. Es ist wie für den Rundfunkchor gemacht. Der Klang des Chores passt perfekt zu diesem Stück. Wir haben schon einmal mit Yannick Nézet-Séguin gearbeitet, das war wunderbar. Jetzt freue ich mich auf den Brahms.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Kampagnenmotiv LUTHER dancing with the gods
Foto von Yannick Nézet Séguin
Foto Melinda Parsons, Sopranistin im Rundfunkchor Berlin

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Melinda Parsons

Die Sopranistin Melinda Parsons ist seit 2007 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. In der Bildungsinitiative SING!, die das Singen wieder zum selbstverständlichen Bestandteil des Schulalltags an Berliner Grundschulen machen will, engagiert sie sich von Beginn an als SING!-Patin. Die Idee der Initiative ist es, Grundschulkinder an die Kunstform Singen heranzuführen und ihnen den Spaß daran zu vermitteln. Das gemeinsame Singen soll die positive Stimmung an Schulen fördern – sowohl unter den Kindern als auch im Lehrer-Kollegium.

Das neue Schuljahr hat gerade begonnen und die Bildungsinitiative SING! startet ins sechste Jahr. Sie engagieren sich als Patin in dem Projekt seit seinem Anfang. Was ist Ihre Aufgabe?

Als SING!-Patin besuche ich die Klassen meiner Patenschulen und stelle einen persönlichen Kontakt zu den SchülerInnen her. Ich erzähle ihnen von meiner Arbeit im Profichor. Die wenigsten wissen, was ein Rundfunkchor ist. Außerdem sollen sie erleben, wie sich eine unverstellte, natürliche Stimme anhört. Deshalb singe ich ihnen etwas vor. Was sie im Radio oder im Fernsehen hören, ist ja oft nicht mehr authentisch, sondern manipuliert und mit dem Mikro verstärkt.

Wie sieht so ein Patenbesuch konkret aus?

Den genauen Inhalt und Ablauf des Besuchs erarbeite ich im Vorfeld mit der Musikpädagogin von SING!, Christina von Nell. Sie hilft uns SING!-Paten mit ihrer Erfahrung als Pädagogin, die Schulstunde aufzubauen. Wenn ich eine Klasse besuche, mache ich zunächst einmal ein Einsingen –  das ist für die Kinder eine Entdeckung ihres Körpers: Sie erfahren, was ihre Stimme alles kann, was ihr Körper für Geräusche machen kann. Die Kinder sollen eine Verbindung zu ihrem Körper aufbauen, ihn »aufwecken«. Dadurch höre ich, was sie schon können und wie weit sie sind, und richte mich dann im weiteren Verlauf des Besuchs danach: Alle Kinder sollen mitmachen können, auch die schwächsten. Anschließend singe ich etwas vor. Es ist interessant, wie die Kinder reagieren, wenn sie die Schallwellen spüren. Die Jungen kichern oft, weil sie damit überfordert sind. Den Mädchen geht der Mund auf und sie starren. Dass jemand unverstärkt und live mit der Kopfstimme singt, das erleben sie sonst nicht. Dann gehört noch dazu, dass ich erzähle, wie das Sängerleben aussieht, was ein Profichor ist und was den Beruf einer Sängerin im Rundfunkchor Berlin ausmacht.

Es heißt immer, dass Kinder nicht mehr singen, vor allem in Deutschland nicht. Wie ist Ihre Erfahrung: Ist das Singen den Grundschulkindern tatsächlich fremd?

Ich habe eigentlich das Gefühl, dass es gerade einen regelrechten Sing-Boom gibt und dass wieder mehr Kinder zum Singen kommen. Was das Thema Volkslieder in Deutschland angeht, erleben wir Gott sei Dank, dass diese Lieder wieder gesungen werden. Die gehören zu Deutschland, ohne irgendeinen Hintergedanken. Das sind Lieder, die seit hunderten von Jahren gesungen werden. Und ich finde es wichtig, dass man sie weiterhin singt, dass man Lieder in der eigenen Muttersprache singt. Ich denke, die Kinder kommen auch mit anderen Sprachen leichter in Kontakt, wenn sie in der jeweiligen Sprache wie zum Beispiel Japanisch, Italienisch oder Türkisch singen. Das kann verbinden, wenn ein Kind weiß: »Aha, du sprichst diese Sprache zu Hause und wir singen jetzt in dieser Sprache ein Lied.« Insgesamt habe ich schon das Gefühl, dass an Grundschulen mehr und mehr gesungen wird. Es sollte allerdings noch mehr dafür getan werden, dass auch die Lehrkräfte mit der Kopfstimme singen können. Vielen ist das fremd. Und wenn die Lehrkräfte es nicht können, ist es auch für die Kinder schwerer, weil sie sich nicht an den Lehrkräften orientieren können. Deshalb ist es auch Teil unserer SING!-Initiative, die Lehrkräfte an den teilnehmenden Schulen im Singen mit Kindern fortzubilden.

Spüren Sie einen Erfolg Ihrer Arbeit?

Ich besuche die Kinder in der Regel zweimal im Jahr. Die eigentliche Arbeit wird von den Chorleiterinnen geleistet, die im Rahmen der Initiative Chöre an den teilnehmenden Schulen aufbauen und leiten. Da spüre ich dann natürlich die Entwicklung: Wenn eine Schule diese Chorarbeit macht, haben die Kinder einen besseren Zugang zu ihrer Stimme. Auch die Jungs singen dann mit Freude und schämen sich nicht. Und die Auftritte der Chöre an ihren Schulen oder bei unserer Liederbörse sprechen für sich. Das ist ein Erfolg.

Wie sind Sie zur SING!-Initiative gekommen?

Ich hatte schon immer viel mit Kindern zu tun. Zu Studienzeiten habe ich als Assistenz-Hausmeisterin in einer Highschool gejobbt. Neben meiner Tätigkeit beim Rundfunkchor Berlin betreue ich aktuell als Lehrbeauftragte an der Universität der Künste die Stimmbildung mit den Knaben des Staats- und Domchores Berlin. Deshalb hatte ich von Anfang an Lust, SING!-Patin zu sein. Die Erfahrungen, die ich als Patin gesammelt habe, möchte ich nicht missen. Ich bin bis heute gern dabei.

Hängt Ihre Begeisterung auch damit zusammen, dass Sie aus Australien kommen? Ist Singen da »normaler« für Kinder?

Nein. Als ich in der Grundschule war, wurde ein Band abgespielt und wir haben »Obladi-Oblada« und sowas gesungen. Aber auch in Australien wird immer mehr gesungen – man weiß inzwischen einfach, wie wichtig das Singen für die Entwicklung des Gehirns und der Persönlichkeit ist. Dass ich aus Australien komme, hilft mir aber, einen schnellen Zugang zu den Kindern zu bekommen. Die wissen viel über australische Tiere. Ich gehe mit meiner Haifisch-Puppe, mit einem Koala oder einem Känguru in die Klasse rein, und es entwickelt sich sofort ein Gespräch mit den Kindern.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Ja und nein. Ich finde das Wort Traumberuf falsch. Beruf hat für mich in erster Linie etwas mit Lebensunterhalt zu tun. Ich würde lieber sagen: Berufung. Ich bin persönlich zum Singen berufen worden und dazu, die Menschen damit zu berühren. Dass ich davon leben kann, ist ein Privileg. Ich habe im Rundfunkchor Berlin eine halbe Stelle. Das ermöglicht mir, noch andere Tätigkeiten auszuüben, ohne Existenzängste zu haben. Es gibt im Englischen das Sprichwort: »Variety is the spice of life«. Abwechslung ist mir wichtig. Ich bin solistisch ausgebildet worden und brauche diese Solo-Auftritte. Ich unterrichte an der Universität der Künste. Und das Chorsingen bringt wieder andere Herausforderungen. Ich bin dankbar, dass ich das alles miteinander verbinden kann. Im Rundfunkchor Berlin erlebt man viele magische Momente, zuletzt bei Haydns »Schöpfung« mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Da gibt es Momente wie im Traum, da bekomme ich eine Gänsehaut. Aber auch Aktionen wie die BVG-Kampagne machen sehr viel Spaß – diese Vielfalt und dieser Mut, immer wieder Neues zu wagen: Das schätze ich besonders am Rundfunkchor Berlin.

Welche Musik hören Sie privat?

Musik, die mich in Bewegung bringt. Viel Funk und Soul aus den 70ern und 80ern, auch Pop mit etwas komplizierteren harmonischen Strukturen, wie Stevie Wonder zum Beispiel.

Und was sollte man in dieser Saison beim Rundfunkchor Berlin nicht verpassen?

Robert Schumanns »Das Paradies und die Peri« im Mai 2018. Das wird unsere letzte Zusammenarbeit mit Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Motiv LUTHER dancing with the gods
Kampagnenmotiv LUTHER dancing with the gods
Kampagnenmotiv Weihnachtskonzert 2018 des Rundfunkchores Berlin
Foto von Simon Rattle
Foto Sören von Billerbeck, Bass im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit

Sören von Billerbeck

Der Bariton Sören von Billerbeck ist seit 1998 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Die Ära Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern hat er von Beginn an miterlebt. In Vorbereitung auf das gemeinsame Konzert am 25. August resümiert er seine Erlebnisse und Erfahrungen.

Herr von Billerbeck, am 25. August eröffnet der Rundfunkchor Berlin mit Simon Rattle die Saison der Berliner Philharmoniker. Es ist die letzte Saison der Ära Rattle. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihm erlebt?

Unsere Zusammenarbeit mit Simon Rattle begann mit den »Gurre-Liedern« von Arnold Schönberg. Wir lernten uns kennen und merkten, dass die Chemie stimmte. Simon Rattle mochte unseren Chorklang und wohl auch uns als Menschen. Das war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit. Wir hatten das Glück, dass Simon Rattle sehr viel Chorsinfonik in seine Programme aufgenommen hat. Wir haben viel für uns Neues kennengelernt, vor allem englische und französische Musik. Aber wir haben auch das traditionelle Repertoire mit ihm aufgeführt, von Beethovens Neunter bis zum Brahms-Requiem, das uns unseren ersten Grammy Award beschert hat. Auf einer Japan-Tournee haben wir den Fidelio auf die Bühne gebracht, und danach sagte er: „Jetzt weiß ich, dass ihr auch szenisch agieren könnt.“ Es folgten viele szenische Projekte, was für einen Rundfunkchor ja nicht das Kernrepertoire ist, bis hin zu den Bach-Passionen mit Peter Sellars. Da haben wir neue Wege beschritten, ohne die konzertante Chorsinfonik zu verlassen.

Sie arbeiten mit vielen unterschiedlichen Dirigenten zusammen. Gibt es etwas, das Simon Rattle auszeichnet?

Zunächst einmal ist er sehr menschlich. Er muss – glaube ich – seine Kollege mögen, damit etwas ganz Besonderes entsteht. Er ist sehr empathisch. Wenn man ihn privat erlebt, auch hinter der Bühne, dann spürt man: Er ist nicht abgehoben, er ist einer von uns und natürlich doch etwas Besonderes. Und mit dieser Stimmung schafft er es, dass beim Konzert alle ihr Bestes geben.

Gehört es denn nicht dazu, dass ein Dirigent seine Musiker auch als Menschen ernst nimmt?

Natürlich. Aber es gibt schon noch Dirigenten – auch wenn sie weniger werden – die sich abgehoben in anderen Sphären bewegen, nicht die persönliche Ansprache an den Chor halten und ihre Sicht der Dinge durchsetzen wollen. Dabei ist es viel schöner, wenn an einem Abend etwas Gemeinsames entsteht. Wenn ein Dirigent zwar die Richtung vorgibt, sich aber auch einlassen kann auf Unerwartetes. Simon Rattle hat seine Interpretation vor Augen, aber er ist offen für die Angebote der Musiker. Da hält er auch mal bei einem Solo inne, das spürt man. Und dann entsteht etwas Besonderes im Konzert, was mehr ist als Musik, die man zusammen geprobt hat.

Was schätzen Sie generell bei Dirigenten?

Wenn sie zuhören und vertrauen können. Wenn sie es verstehen, der besonderen Atmosphäre im Konzert Raum zu geben. Für Chordirigenten ist es wichtig, dass sie mit Menschen und mit Stimmen umgehen können. Dass einem als Sänger nicht die Stimme im Hals stecken bleibt, sondern dass eine gemeinsame Linie entsteht. Dass es partnerschaftlich zugeht und sich die Stimmen frei entfalten können. Wenn man uns überzeugt hat, kann man mit dem Rundfunkchor Berlin musikalisch Pferde stehlen.

War Simon Rattle ein Glücksfall, hat er den Chor durch die Zusammenarbeit geprägt?

So würde ich das nicht sagen. Wirklich prägen kann einen Chor nur der Chorleiter. Aber er hat ihn gefordert. Er hat aus dem Rundfunkchor Berlin Dinge herausgeholt, von denen wir nicht wussten, dass wir sie hatten. Wir sind gemeinsam gewachsen.

Was waren Ihre persönlichen musikalischen Highlights in der Zusammenarbeit?

Da gab es viele, etwa Mahlers zweite Sinfonie oder die Götterdämmerung in Aix-en-Provence, das war musikalisch ein wahnsinniges Erlebnis. Aber das größte Highlight war für mich die Matthäus-Passion, die Peter Sellars in Szene gesetzt hat und die uns alle, Chor und Orchester, Simon Rattle und die Solisten, berührt und auch verändert hat.

Gibt es eine Situation oder eine Anekdote, die Ihnen immer in Erinnerung bleiben wird?

Ja, eine Begebenheit aus dem vergangenen Herbst. Da haben wir in New York das »human requiem« aufgeführt. Wir waren im Beacon Hotel in der Nähe der Met untergebracht. Ich habe etwas zu essen geholt in einem Gourmet-Markt am Broadway. Als ich an der Frischetheke stand, dachte ich: „Die Stimme neben mir kommt mir doch bekannt vor.“ Und da stand Simon Rattle mit Magdalena Kožená und den Kindern beim Einkauf. Er hat zu dieser Zeit »Tristan und Isolde« an der Met dirigiert. Wir erkannten uns und er fragte, wie es uns ginge, das war sehr nett. Nie vergessen werde ich auch, wie Simon Rattle und die Philharmoniker den Chor unterstützt haben bei der Aktion „Sänger sind auch Musiker“ während des Tarifstreiks. Da sind Simon Rattle und das Orchester gemeinsam mit uns zu einem Foto vor die Philharmonie getreten und haben sich zum Anliegen des Rundfunkchores bekannt. Das war ein sehr erhebender Moment und keine Selbstverständlichkeit.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Ja, weil es sehr vielseitig ist. Weil man tolle künstlerische Erlebnisse hat in Sälen auf der ganzen Welt und weil man seine Persönlichkeit im Chor entfalten kann. Als Sänger eine Festanstellung zu haben, ist ein Privileg. Es ermöglicht, den Beruf und das Leben in Einklang zu bringen. Man muss natürlich auch sehr diszipliniert sein und sich fit halten. An einem Konzerttag muss man sich den ganzen Tag auf den Höhepunkt vorbereiten – das ist kein normaler Tag, an dem man vorher Freizeit hat. Und Konzertreisen können insgesamt auch anstrengend sein. Aber es ist trotzdem ein Traumberuf.

Welche Musik hören Sie privat?

Fast gar keine, vor allem keine Klassik mehr. Wir haben so viele Konzerte. Die Musik trägt man ja über die Konzerte und Proben hinaus als Ohrwurm den ganzen Tag mit sich herum. Wenn ich etwas höre, dann Holger Biege, U2, früher Kate Bush und die King‘s Singers.

Und was sollte man in der beginnenden Saison nicht verpassen?

Die »Missa solemnis« mit den Berliner Philharmonikern unter Christian Thielemann.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Foto von Simon Rattle
Foto von Christian Thielemann
Foto David Stingl, Bass im Rundfunkchor Berlin

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David Stingl

Der Bassist David Stingl ist seit 2002 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Pianist wirkt er regelmäßig bei der Liederbörse mit und tritt auch hin und wieder als Komponist in Erscheinung. Auf das »human requiem« am 25., 26. und 27. Mai 2017 freut er sich sehr, auch wenn er es schon unzählige Male gesungen hat.

Wie gefällt Ihnen das »human requiem«?

Am Anfang war ich skeptisch, ob das Konzept aufgehen würde. Aber das tut es. Mir gefallen besonders die Publikumsreaktionen. Das »human requiem« ruft beim Publikum sehr tiefe, unmittelbare Gefühle hervor. Das ist einfach schön zu erleben. Diese Reaktionen spürt man natürlich auch, wenn man auf dem Podium steht, aber im unmittelbaren Kontakt zum Publikum nimmt man sie ganz anders wahr.

Sind die Reaktionen je nach Spielstätte unterschiedlich?

Man merkt, dass es kulturelle Unterschiede gibt. In Ostasien sind die Menschen zum Beispiel etwas zurückhaltender, aber dennoch sind die Reaktionen über alle Kulturen hinweg sehr ähnlich. Daran merkt man, dass die Musik eine universelle Sprache ist.

Ist es Ihnen anfangs schwer gefallen, so durchs Publikum zu gehen und zu singen?

Daran mussten wir uns alle gewöhnen, vielleicht ist es mir etwas leichter gefallen als anderen. Es hängt ganz von der Stimmung ab, wie weit man sich gerade öffnen will. So unmittelbar aufs Publikum zuzugehen und die Leute sozusagen zu umarmen, fällt mir noch immer nicht jedes Mal leicht.

Ist es schwieriger zu singen ohne den direkten Kontakt zu den Kollegen?

Teilweise schon. In großen Sälen wird es durch die räumliche Distanz zwischen den Kolleginnen und Kollegen schwieriger den Kontakt zu halten. Das Radialsystem, in dem das Stück entwickelt wurde, hat eine ideale Größe. Da ist die Akustik einfach gut und man hört die Kollegen, obwohl sie nicht unmittelbar neben einem stehen.

Wie oft haben Sie das »human requiem« denn schon aufgeführt?

Ich zähle nicht mehr mit. Ich habe bei drei oder vier Aufführungen gefehlt, weil ich krank war, aber ansonsten war ich immer dabei.

Freuen Sie sich noch immer auf die nächsten Aufführungen?

Erstaunlicherweise freue ich mich trotz der regelmäßigen Wiederaufnahmen und Gastspiele immer wieder darauf. Unsere letzte Aufführung war in New York, das ist über ein halbes Jahr her – umso mehr freue ich mich jetzt auf die nächste Aufführung.

Gibt es Erlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ein großes Erlebnis war die Generalprobe in Athen vor einem Jahr. Wir hatten dort Flüchtlinge eingeladen, die in einem Lager in der Nähe von Athen untergebracht waren. Da waren auch Kinder dabei, die uns begeistert geholfen haben, den Flügel zu schieben, und fast mitgefahren sind. Das war schon herausragend. Und dann fällt mir noch ein lustiges Erlebnis ein: Im zweiten Satz gibt es den Leichenzug, da gehen Damen und Herren getrennt, und ich bin normalerweise der letzte in der Reihe der Herren. Aber bei einer Aufführung in Berlin nehme ich plötzlich wahr, dass hinter mir noch jemand singt – da hatte sich tatsächlich ein älterer Herr aus dem Publikum uns angeschlossen und hat mitgesungen.

Hat er das wenigstens gut gemacht?

Man hat gemerkt, dass er ein Laiensänger war, aber er hat das gut gemacht. (lacht)

Themenwechsel: Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Als ich zum Ende des Studiums überlegt habe, was ich beruflich machen will, stand das Singen in einem Rundfunkchor ganz oben auf meiner Liste. Weil das Repertoire so unterschiedlich ist. Die Bandbreite reicht von A-cappella bis zu groß besetzter Oratorienmusik, vom Frühbarock bis hin zu Kompositionsaufträgen. Das Besondere am Rundfunkchor Berlin ist die regelmäßige Zusammenarbeit mit den verschiedenen Orchestern hier, und dadurch erleben wir viele Dirigenten und erarbeiten viele verschiedene Stücke, und das auf sehr hohem Niveau.

Welche Musik hören Sie privat?

Am liebsten Jazz. Vor allem Rockjazz und Fusion.

Und was sollte man in der nächsten Saison nicht verpassen?

Wie gesagt: Ich mag die Vielfalt, und die wird natürlich von den beiden Aboreihen abgedeckt. Da ist jedes Genre dabei: Interdisziplinäre Projekte, A cappella und Konzerte mit verschiedenen Orchestern. Aber eigentlich gibt es nichts, was man getrost verpassen könnte.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Foto »human requiem«
Foto von Riccardo Chailly
Kampagnenmotiv LUTHER dancing with the gods
Foto von Jakub Hrůša
Kampagnenmotiv Weihnachtskonzert 2018 des Rundfunkchores Berlin
Kampagnenmotiv Abschlusskonzert Chor@Berlin
Foto von Robin Ticciati
Kampagnenmotiv Mitsingkonzert 2018
Foto von Simon Rattle
Foto Bettina Pieck

Auf ein Wort mit

Bettina Pieck

Die Altistin Bettina Pieck ist nicht nur seit 2002 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Organistin tritt sie regelmäßig mit dem Bachchor Gütersloh auf. Bei der nächsten RundfunkchorLounge am 10. Mai begleitet sie erstmals den Rundfunkchor Berlin.

Frau Pieck, wie sind Sie zum Orgelspiel gekommen?

Ich sang in einem Kinderchor in meiner Heimatgemeinde Plettenberg im Sauerland. Als ich zwölf Jahre alt war und so langsam dem Chor entwuchs, fragte mich unser Kirchenmusikdirektor, ob ich nicht mit dem Orgelspiel anfangen wolle – ich hatte zuvor Klavierunterricht gehabt, seit ich sechs war. Das fand ich eine tolle Sache, ich habe mich an der Orgel ganz schnell zu Hause gefühlt. Mit 13, 14 habe ich begonnen, im Gottesdienst zu spielen, und nach dem Abitur bin ich zum Studium der evangelischen Kirchenmusik nach Detmold gegangen. Ich habe zehn Semester Künstlerisches Orgelspiel und Chorleitung studiert und nach dem A-Examen als Kantorin in Bielefeld angefangen.

Und wie sind Sie dann im Rundfunkchor Berlin gelandet?

Die Liebe zum Chorgesang hatte mich nie verlassen. Ich hatte von klein auf gesungen, die h-Moll-Messe, die Matthäus-Passion, das Brahms-Requiem – das war mein Leben. Ich wollte zunächst nicht Sängerin werden, weil ich dachte, da rafft mich jeder Schnupfen hinweg, da spiel ich doch lieber Orgel. Aber im Studium sagte dann mein Lehrer Rainer Eckels: Du hast so eine schöne Alt-Stimme, du solltest mehr singen. Studiere das doch. Und das hab ich tatsächlich getan. Mit der Abschlussprüfung Kirchenmusik Gesang hab ich die Aufnahmeprüfung fürs Hauptfach Gesang gemacht, das war sehr praktisch. Ich habe also meinen Kantorendienst in Bielefeld verrichtet und parallel Gesang studiert – und hielt die Augen und Ohren offen, was freie Chorstellen betraf.

Mein Lehrer hatte gemeint, ein Rundfunkchor sei doch genau das richtige für mich, die brauchen Leute, die gut vom Blatt singen, die schnell lernen und Neue Musik singen können. Und dann sah ich eines Tages, dass eine Alt-Stelle im Rundfunkchor Berlin frei sei. Mein Mann sagte: Bewirb dich, und wenn du die Stelle bekommst, dann ziehst du halt nach Berlin, das kriegen wir schon hin. Es gab zwei Probeprojekte. Eines war die neunte Sinfonie von Hans Werner Henze, der in Gütersloh geboren ist, wo ich wohne. Das sang damals kaum ein Chor, weil es so schwer ist. Ich hatte das Gefühl, da kann ich zeigen, was ich kann. Es gefiel mir alles sehr gut, und als ich schließlich das Vorsingen bestanden hatte, habe ich meine Kirchenmusikstelle gekündigt. Das war im April vor 15 Jahren.

War es eine gute Entscheidung?

Oh ja, die Oratorien und A-cappella-Werke aus dem Barock, aus der Romantik, aber auch aus der Neuen Musik – das ist meine Welt. Auch Ligetis »Lux Aeterna« zum Beispiel, oder die Hölderlin-Fragmente von Cerha, die wir demnächst singen, oder die Messe von Frank Martin – dieses Genre hat mich von Kindesbeinen an fasziniert. Als ich 12, 13 war, hat der Marburger Bachchor bei uns gastiert. Im Konzert stand da eine hochgewachsene Altistin, und ich dachte die ganze Zeit, dass ich das später auch machen möchte. Insofern ist wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich liebe es, mit anderen zusammen zu musizieren, über die Stimme in der Musik mit anderen zu verschmelzen. Und ich finde es wunderbar, mit so vielen großen und bedeutenden Dirigenten und Musikern zusammen Musik machen zu dürfen und von ihnen immer weiter zu lernen und dabei eines von vielen Rädlein am Wagen sein zu dürfen.

 

Spielen Sie noch Orgel?

Mit großer Freude. Mein Mann ist hier in Gütersloh Kirchenmusiker, er leitet den Bachchor und einen Knabenchor und beschäftigt mich ständig als Organistin. Auch meine alten Kollegen hier in der Region fragen mich immer wieder an. Und wenn mein Mann in der Chorprobe sagt, dass ich das mal einen Ton tiefer spielen soll, dann bin ich dankbar, dass ich das inmeinem  Studium gelernt habe. Ich spiele sehr gern Continuo und habe Gesangsschüler, die ich am Klavier begleite. Das geht, wenn man sich gut organisiert. Als ich vorhin nach Haus gekommen bin, hab ich sofort wieder Klavier geübt. Dieses Mal das Tafellied von Brahms, das einen höllisch schweren Klavierpart hat – aber es ist ein tolles Lied für Feierlichkeiten. So nehme ich mir immer wieder etwas vor.

Haben Sie den Rundfunkchor schon einmal begleitet?

Noch nie, das wird eine Premiere. Ich freue mich wie Bolle.

Wie gefällt Ihnen das Lounge-Format?

Sehr gut. Wir sprechen neben unserem vertrauten auch ein neues Publikum an, das diese lockere Atmosphäre genießt. Wir gehen ja gern als Rundfunkchor Berlin neue Wege und sind da vielleicht auch Ideengeber für andere Ensembles – das finde ich wunderbar.

Welche Musik hören Sie privat?

Eros Ramazotti, wenn wir in den Urlaub nach Italien fahren. Und beim Gläserspülen nach einer Essenseinladung hören mein Mann und ich immer den Rosenkavalier, das berühmte Terzett. Ansonsten wenig. Von meinen Kindern bekomme ich immer die neuesten Bravo-Hits aufs Handy gespielt. Und ab und zu höre ich mir aus Neugier die neuen Aufnahmen der anderen Rundfunkchöre an.

Letzte Frage: Was war für Sie das Konzert-Highlight in dieser Saison?

Das größte Erlebnis war das Brahms-Requiem im Teatro Colón in Buenos Aires, auf unserer Südamerika-Tournee – auswendig und unter Leitung von Gijs Leenaars. Wir hatten das »human requiem« in New York gemacht, flogen dann nach Südamerika, haben das Requiem ganz normal im Konzert gesungen, aber niemand guckte mehr in die Noten. Und da haben wir kurzerhand beschlossen, es im nächsten Konzert auswendig zu singen. Der Saal tobte. Das war für mich so ein erhebendes Gefühl, überhaupt in diesem geschichtsträchtigen Theater zu stehen, und dann das Brahms-Requiem, dieses Stück, das uns wie auf den Leib geschnitten ist, auswendig zu singen. Das war das Erlebnis, das mich in dieser Saison am tiefsten berührt hat.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Kampagnenmotiv RundfunkchorLounge
Foto »human requiem«

Auf ein Wort mit

Sabine Eyer

Die Altistin Sabine Eyer wurde 2011 als festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin aufgenommen und ist Mentorin in der Chorakademie.

Warum engagieren Sie sich bei der Akademie?

Das ist eine spannende Aufgabe. Als ich gefragt wurde, ob ich Mentorin werden möchte, konnte ich mich noch gut an meine eigene Zeit als Neuling im Rundfunkchor Berlin erinnern. Ich fand es interessant, all das, was mir damals beigebracht worden ist, jetzt selbst weitergeben zu können, mit den jungen Sängern zu arbeiten, ihnen unseren Beruf zu zeigen und sie an die Arbeit in einem Rundfunkchor heranzuführen. Die Idee der Akademie ist ja, Gesangsstudenten für ein halbes Jahr in den Chor zu integrieren.

Was lernt man in der Akademie, was man im Studium nicht lernt?

Man muss zwar auch mal im Hochschulchor singen, aber man wird im Studium auf eine Solokarriere vorbereitet; Chorsingen als Berufsbild taucht in der Hochschule praktisch nicht auf. Und dieses Problem wollen wir mit der Akademie beim Schopfe packen und den Studenten zeigen: Es gibt nicht nur das Musiktheater, sondern auch eine ganz andere Welt, in der man singen kann.

Was machen Sie als Mentorin?

Wir haben im Idealfall eine Akademistin bzw. einen Akademisten pro Stimmgruppe, ich betreue die Alt-Akademistin. Wir sitzen in den Proben nebeneinander, so kann ich direkt eingreifen, wenn etwas schiefgeht. Ich kann auch Fragen, die auftauchen, beantworten. Bei Bedarf sprechen wir die Werke, die einstudiert werden, vor der Probenphase durch. Ich mache sie auf Schwierigkeiten im Stück aufmerksam und gebe ihr Tipps, worauf man achten muss, woran man sich orientieren kann usw.. Aufgrund der Vielzahl an Werken, die wir als Rundfunkchorsänger in einer Saison aufführen, steht für die Einstudierung jedes einzelnen Werks meist wenig Zeit zur Verfügung, da muss das Vom-Blatt-Singen schnell gelernt werden. Meine Idee der Arbeit als Mentorin ist es, meiner jeweiligen Akademistin soviel Einblick wie möglich in das Schaffen des Rundfunkchores Berlinzu bieten und ihr möglichst viel für sich mitzugeben.

Geht das Konzept auf?

Auf jeden Fall. Meine erste Akademistin hat inzwischen mit Freunden ein A-cappella-Ensemble gegründet, wo sie ihre Liebe zum Ensemblegesang ausleben kann. Eine ehemalige Sopranakademistin ist inzwischen festes Mitglied des MDR-Chores, eine andere singt als freie Mitarbeiterin in mehreren Rundfunkchören. Eine meiner ehemaligen Akademistinnen hilft regelmäßig bei uns aus, eine andere ist als Solistin gut im Geschäft. Und ich freue mich darauf, zu beobachten, wie meine jetzige Akademistin ihren Weg gehen wird.

Für wen ist die Akademie interessant?

Für Gesangsstudierende im Hauptstudium. Die Akademisten müssen bereits ein gewisses Level an gefestigter Technik haben, weil sie jeden Tag voll in die Probenarbeit miteinsteigen – und unser Beruf ist technisch gesehen durchaus anspruchsvoll. Erfahrung im Ensemblesingen ist gut und hilfreich, aber wir sind ja als Mentoren auch da, um da helfend unter die Arme zu greifen.

Wie ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, Chorsängerin zu werden?

Ich hab schon immer viel im Chor gesungen, im Kinderchor, im Kirchenchor, im Theater. Später war ich mit Gastverträgen am Theater beschäftigt, war dort fürchterlich unglücklich und habe dann genau in der Zeit den Rundfunkchor Berlin gehört – und mir war klar: Das will ich machen.

Auch wenn es fordernd ist – ist es ein Traumberuf?

Absolut! Wir dürfen mit tollen Orchestern, großartigen Dirigenten und hervorragenden Solisten Musik machen und bekommen etwas von der Welt zu sehen. Auch wenn es mitunter kräftezehrend ist, ich kann mir nichts anderes vorstellen, als zu singen. Diese Liebe zum Ensemblesingen zu vermitteln, gehört für mich auch zu meiner Aufgabe als Mentorin in der Akademie.

Wenn Sie Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, womit verbringen Sie denn dann Ihre freie Zeit?

Wann immer es möglich ist, fliege ich zu meinen Freunden und meinem Patenkind nach Oslo oder auch zu Freunden nach Wien, oder besuche meine Familie. Ansonsten habe ich ein kleines Haus, das noch viel Arbeit erfordert.

Welche Musik hören Sie privat am liebsten?

In meinem Elternhaus bin ich mit klassischer Musik aufgewachsen und dabei geblieben, auch wenn in der Zwischenzeit einiges andere dazugekommen ist.
Daheim habe ich auch gern einfach Stille um mich. Wenn ich etwas höre, dann ist je nach Stimmung vom Lied über Songwriter bis zur Oper alles dabei. Auch wenn ich inzwischen von der Oper recht weit entfernt bin, sie ist immerhin der Grund, weshalb ich unbedingt Sängerin werden wollte.

Und was sollte man in dieser Saison beim Rundfunkchor Berlin nicht verpassen?

»Tosca« mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern und das »human requiem«. Auch wenn es schon seit langem immer wieder im Spielplan ist, hat es für mich seinen Reiz nicht verloren.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Foto »human requiem«
Foto Anne Bretschneider

Auf ein Wort mit …

Anne Bretschneider

Die Sopranistin Anne Bretschneider ist seit 2011 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Für die Liederbörse am 4. März im Kammermusiksaal der Philharmonie hat sie im Vorfeld den Kontakt zu teilnehmenden Schulchören aufgebaut und diese bei der Vorbereitung auf das Konzert unterstützt.

Was ist Ihre Aufgabe bei der Liederbörse?

Ich gehe im Rahmen der Liederbörse als Patin aus dem Rundfunkchor in die Schulen und versuche, den Schülern einen Eindruck vom Beruf Sänger und im Speziellen Chorsänger, zu vermitteln. Ich beantworte Fragen rund um das Thema Chorsingen. Viele Kinder wissen nicht einmal, dass das ein Beruf ist und man sehr lange dafür studiert.

Auch Themen wie die Stimmhygiene werden besprochen. Und natürlich auch praktische Dinge wie zum Beispiel wie und wo geprobt wird, wie oft und wie lange geübt werden muss, bevor man auf die Bühne geht. All das sind Fragen, die die Kinder spannend finden.

Wie bereiten Sie sich auf die Schulchor-Besuche vor? Was erleben Sie in den Schulen?

Ich bereite im Vorfeld die Literatur, die in der Liederbörse gesungen wird, vor. Das heißt, ich lerne die Stücke und überlege zum Beispiel, welche Problemchen in den Schulstunden bei den einzelnen Stücken auftreten könnten, zu denen ich noch den einen oder anderen Tipp geben kann.

Ich bespreche im Vorfeld mit der Lehrerin, wie wir die Stunde gemeinsam gestalten wollen. Oft ist es so, dass ich mich den Kindern zunächst vorstelle, etwas von mir und meinem Beruf berichte. Dann beantworte ich sehr viele Fragen der Kinder. Danach singe ich die Kinder ein.

Nach dem Einsingen singe ich den Kindern etwas vor, und danach singen die Kinder wiederum mir etwas aus dem vorbereiteten Programm für die Liederbörse vor. Oft singe ich auch nochmal mit oder singe die zweite Stimme dazu. Im Anschluss kann ich noch ein paar Hinweise geben – und schon ist die Schulstunde rum.

Was finden Sie an der Zusammenarbeit mit Schülern spannend? Was ist die besondere Herausforderung dabei?

Für mich ist es immer schön in der Grundschule zu erleben, wie unvoreingenommen die Kinder der klassischen Musik gegenüber sind. Die Freude und Lust am Singen stehen noch im Vordergrund. Und wenn die Kleinen sich dazu noch bewegen können, klatschen, im Rhythmus gehen oder ähnliche Aktionen mit dem Singen verbinden, sind sie voll dabei.

Es gibt auch verschlossene und schüchterne oder verhaltensauffällige Kinder, für die Singen ein Ventil sein kann. Dadurch, dass Singen ein ganzkörperliches Erlebnis ist, spüren sie sich mitunter durchs Singen besser und kommen leichter aus sich heraus.

Die ganze Rasselbande dann noch zu bändigen und eine gewisse Ruhe in die Chorstunde zu bringen ist immer wieder eine rein praktische Herausforderung für mich, da jede Klasse anders tickt und eine ganz individuelle Energie mitbringt.

Bei den älteren Schülern besteht die Herausforderung für mich in erster Linie darin, Interesse bei denen zu erwecken, die dem Thema klassische Musik weniger zugewandt sind, oder sich nicht trauen mit ihrer Stimme einfach loszulegen.

Wie kann man heutzutage Kinder und Jugendliche für das Singen im Chor begeistern?

Man muss zunächst die Neugierde und Lust am selber Singen erwecken. Es gibt schöne Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, die die Heranwachsenden schon vor Ort zum Singen animieren. Ich glaube, dass die meisten kleinen Kinder von sich aus gerne singen. Aber das Singen in der Gemeinschaft können sie nur kennen lernen, wenn ihnen die Gelegenheit dazu geboten wird. Das kann in oder außerhalb der Schule passieren.

An unserer Liederbörse nehmen beispielsweise Chöre aus Berliner Grund- und Oberschulen teil. Alle erfahren, was es bedeutet, mit hunderten von Kindern/Jugendlichen und einem professionellen Chor gemeinsam in einem Konzertsaal zu singen. Das klingt natürlich ganz anders, als wenn sie in ihrer Schulaula einen Auftritt haben. Wenn man eine so große Menge musizierender Menschen erlebt, kann das ein ziemlich eindrucksvoller Moment sein, der Spuren hinterlässt und glücklich machen kann.

Warum engagiert sich der Chor im Education-Bereich bzw. in der Musikförderung?

Wir möchten den Nachwuchs an die klassische Musik und im Speziellen ans Singen möglichst früh heranführen. Die Freude am Singen soll gefördert werden, und oft funktioniert so etwas einfach durchs direkte Erfahren und Ausprobieren und durch Begegnungen mit Menschen, die genau davon »ein Lied singen können«.

In der Liederbörse werden Werke unterschiedlichster Musikstile gesungen. Welche Musik hören Sie privat?

Ich höre so gut wie keine Musik, da ich fast jeden Tag selber singe und dann auch einfach mal die Stille genieße.

Und was sollte man nach der Liederbörse in dieser Chorsaison nicht verpassen?

Ich freue mich auf »Sea Drift« von Frederick Delius. Seine Musik wird in Deutschland leider selten aufgeführt und so hat man nicht all zu oft die Gelegenheit seine Werke zu hören oder zu singen. Ich persönlich liebe seine opulente und lautmalerische Klangsprache.

 

Das Gespräch führte Maike Pertschy.

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Auf ein Wort mit …

Rainer Schnös

Der Bassist Rainer Schnös ist nicht nur seit 2001 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Gitarrist und Bandleader wirkt er außerdem bei der jährlichen Liederbörse mit und tritt regelmäßig als Komponist in Erscheinung – so auch bei der nächsten RundfunkchorLounge am 25. Januar im silent green Kulturquartier.

Wie sind Sie zum Komponieren gekommen?

Als meine Mutter mir als Kind aus einem Buch über Mozart vorlas, hat mich das so beeindruckt – da hatte ich gerade Klavierunterricht bekommen –, dass ich angefangen habe, Menuette im 4/4-Takt und ähnliches zu komponieren. Ich habe mir ein Heft angelegt für meine eigenen Kompositionen, das war mein Einstieg. Für die Bands, in denen ich gespielt habe, habe ich Arrangements geschrieben, im Leistungskurs Musik auch mal einen Chorsatz oder Kammermusik. Im Klavierstudium an der Folkwang-Hochschule in Essen haben wir im Tonsatz-Kurs Stilkopien geschrieben, Fugen und Inventionen wie etwa von Bach oder Sonatensätze von Haydn, und das hat mich angefixt. Mein Professor hatte mich damals sogar gefragt, ob ich nicht Komposition studieren wollte, aber ich hatte andere Pläne und wollte auch nicht für die Schublade schreiben, – meine Stücke wollte ich schon aufgeführt wissen. Die Gelegenheit ergab sich dann 2008 mit dem ersten KammermusikPodium »Sänger komponieren«, da hatte ich mein spätes »Coming-out« als Komponist mit den drei »Witch Songs« auf Texte von Shakespeare und Middleton, die seitdem mehrfach aufgeführt worden sind. Seither betreibe ich das ernsthafter.

Wie fangen Sie an und was haben Sie konkret für die RundfunkchorLounge geschrieben?

Meine Zeit ist sehr begrenzt durch meinen Hauptberuf im Chor und durch meine Familie. Ich schreibe nur, wenn es einen Anlass gibt, dann nehme ich mir die Zeit. Bei den KammermusikPodien haben wir Komponisten uns zusammengesetzt und den Rahmen der Besetzungen abgesteckt. Das haben wir diesmal auch getan: Wir haben uns auf ein sehr transparentes Klangbild geeinigt mit zwei oder drei Frauenstimmen, Cello und Klarinette. Sehr reduziert – was aber auch anspruchsvoll ist, weil man den Raum füllen muss. Was die Texte betrifft, lande ich eigentlich immer wieder bei Shakespeare, aber diesmal habe ich ein Gedicht von Else Lasker-Schüler vertont, »Weltflucht«, das mich mein ganzes Studium über begleitet hat und das ich schon immer vertonen wollte. Dazu habe ich zwei weitere ihrer Gedichte ausgewählt, sodass sich ein Dreierzyklus ergibt.

Ist es ein besonderer Reiz, für Stimmen zu schreiben, die Sie so gut kennen?

Ja, und ich finde es einfacher, weil ich weiß, was ich den Sängern und den Musikern abverlangen kann, was funktioniert und was nicht. Vielleicht würde ich komplexer schreiben, wenn wir mehr Proben zur Verfügung hätten. Aber da bin ich selbst zu sehr Musiker. In unserem Fall kenne ich nicht nur die Sängerinnen, sondern auch den Klarinettisten und den Cellisten, und mir macht es Spaß, wenn man sich vorher trifft und überlegt, was man an neuen Klängen bringen kann, und Dinge ausprobiert. Bei den »Witch Songs« haben wir damals für die Klarinette tolle Multiphonics gefunden, so übrigens jetzt auch bei »Weltflucht«.

Wie gefällt Ihnen das Lounge-Format?

Sehr gut. Ich mag die entspannte Atmosphäre, in der man nicht in Reih und Glied sitzen muss. Es hat eine Lässigkeit und Gemütlichkeit, und dann entsteht eine ganz andere Konzentration. Und: man lernt sich im Publikum einfacher kennen, was auch dazu führt, dass man hinterher noch bleibt und diskutiert über das, was da geboten wurde.

Sie sind außerdem noch der Bandleader und Arrangeur der Liederbörse.

Ich habe schon immer in Bands gespielt, Gitarre und Keyboards, und Pop, Jazz, Folk, Singer-Songwriter-Sachen haben mich von früh an interessiert, ich höre das sehr gern und schreibe auch gern stilistisch in dem Bereich oder mische die Stile. Auch bei den Festspielen in Bayreuth, wo ich im Chor mitwirke, wenn es die Zeit zulässt, haben wir seit zwölf Jahren eine Band, die sich inzwischen zur Big-Band entwickelt hat, da spielen wir auch partytaugliche Cover-Stücke. Für die Liederbörse, unser Mitsingkonzert für Berlins Schulen, stelle ich die Band zusammen, organisiere die Proben und schrieb im letzten Jahr auch einige Arrangements.

Warum ist das Singen im Rundfunkchor ein Traumberuf?

Weil es mir die Möglichkeit eröffnet, Musik auf höchstem Niveau zu machen. Wir arbeiten mit großartigen Dirigenten zusammen und realisieren dazu noch sehr exquisite szenische Projekte wie die Sellars-Passionen oder das Luther-Projekt mit Bob Wilson, auf das ich mich sehr freue. Da mitarbeiten zu dürfen, ist ein Privileg.

Und was sollte man nach der Lounge in dieser Chorsaison nicht verpassen?

Am meisten freue ich mich auf Ligetis »Le Grand Macabre« mit Peter Sellars. Ich finde es großartig, wie Sellars arbeitet, wie inspiriert und inspirierend er ist und welche Impulse er uns als Chor gegeben hat. Ich denke, ohne ihn hätten wir auch das »human requiem« nicht auf dem Niveau umsetzen können. Wir hatten kurz zuvor mit ihm für die Matthäus-Passion zusammengearbeitet, und das hat uns alle emotional enorm bewegt und geöffnet. Das »human requiem« ist für mich immer etwas ganz Besonderes.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Foto von Simon Rattle
Foto von Simon Rattle
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Auf ein Wort mit …

Sascha Glintenkamp

Sascha Glintenkamp übernimmt beim Weihnachtskonzert am 22. Dezember im Berliner Dom die Rolle des Sprechers in Arthur Honeggers »Le Roi David«. Seit 2008 ist er als Bass Mitglied des Rundfunkchores Berlin, wo er sich in Kammermusikabenden ebenso wie bei der Education-Initiative SING! engagiert.

Warum haben Sie die Sprechrolle im »König David« übernommen?

Das Schöne an einer Sprechrolle ist, dass man nicht singen muss. (lacht) Man muss nicht auf einen vorgegebenen Rhythmus und die Intonation achten. Natürlich gibt es Stücke, bei denen Rhythmus und Tonhöhe auch für den Sprecher notiert sind, aber das ist hier nicht der Fall. Hier bin ich frei, und das ist eine ganz andere Herangehensweise. Bei manchen Passagen weiß ich genau, wie ich sie sprechen werde, aber vieles entwickelt sich aus dem Moment heraus, das hat viel Improvisatorisches. Und es hat auch etwas mit Schauspielerei zu tun. Auch wenn es keine »eigentliche Rolle« ist, die man spielt, muss man sich in den Autor hineinversetzen. Man kann etwas »aus sich heraustreten« und jemand anderen zu Wort kommen lassen.

Ist jeder Sänger ein guter Sprecher?

Zumindest haben Sänger einen Vorteil, was die Resonanz der Stimme betrifft, was die Ausdrucksmöglichkeiten und den Stimmklang angeht.

Was ist reizvoll an genau dieser Rolle?

Das Stück schildert einzelne Stationen aus dem Leben des Königs David, und meine Funktion ist es, die Überleitungen zu sprechen und seinen Werdegang nachzuzeichnen. Das Stück ist zwar chronologisch aufgebaut, aber man sieht eben immer nur Ausschnitte aus seinem Leben. Meist kommt ein Stück Musik, dann spreche ich ein paar Sätze, dann folgt wieder Musik. Aber es gibt auch melodram-artige Stücke, bei denen ich über der Musik spreche.

Ist das Sänger-Sein im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Ja. Ich singe wirklich sehr gerne – nicht jeden Tag gleich gern, aber es ist einfach sehr erfüllend. Und ich habe so viele tolle Momente in meinen bisherigen acht Jahren im Rundfunkchor Berlin erlebt, die ich in einem anderen Lebensentwurf nicht hätte erfahren können. Auch nicht als Solist. Wenn man merkt, dass alle am selben Strang ziehen, in die gleiche Richtung, wobei es aber nicht um Kraft geht, sondern darum, etwas Schönes zu schaffen – das ist ein Gefühl, das mich sehr glücklich macht. Natürlich muss man sich im Chor etwas zurücknehmen, aber gleichzeitig arbeitet man immer mit den Nachbarn, dem Dirigenten, den Musikern zusammen, und dieser Austausch funktioniert ohne Worte. Man muss immer drauf achten, was der andere macht, man nimmt auf, was um einen herum passiert, klinkt sich ein und kann das in gewissem Maße auch steuern. Diese Art von Arbeit finde ich ganz toll.

Haben Sie ein Ritual vor dem Auftritt?

Nicht wirklich. Wenn wir szenisch arbeiten wie beim »human requiem« erkunde ich vorher immer den Raum. Ein Gefühl für den Raum zu bekommen, wie er klingt, wie er sich anfühlt – das ist für mich ein ganz wichtiger Schritt in der Vorbereitung.

Welche Musik hören Sie privat?

Ich höre selten Musik, das bringt der Beruf mit sich. Wenn man täglich ein paar Stunden Musik macht, ist man nicht mehr so wahnsinnig aufnahmebereit. Aber wenn, dann höre ich ganz Verschiedenes. Momentan viel Jazz-Fusion-Funk, das mag ich sehr gern. Ich höre oft Musik ohne Gesang, wenn ich so darüber nachdenke, das ist für mich entspannter, da muss ich mich nicht auf den Text konzentrieren.

Und was sollte man nach dem Weihnachtskonzert in dieser Chorsaison nicht verpassen?

Gleich im Januar machen wir das Verdi-Requiem mit den Berliner Philharmonikern und Riccardo Chailly, das wird bestimmt beeindruckend. Und ich bin sehr gespannt auf die halbszenische Aufführung von »Le Grand Macabre« von Ligeti im Februar, mit Simon Rattle, den Berliner Philharmonikern und Peter Sellars als Regisseur.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Erleben Sie Sascha Glintenkamp im Konzert
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