Foto Sören von Billerbeck, Bass im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit Sören von Billerbeck

Auf ein Wort mit Sören von Billerbeck

Der Bariton Sören von Billerbeck ist seit 1998 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Die Ära Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern hat er von Beginn an miterlebt. In Vorbereitung auf das gemeinsame Konzert am 25. August resümiert er seine Erlebnisse und Erfahrungen.

Herr von Billerbeck, am 25. August eröffnet der Rundfunkchor Berlin mit Simon Rattle die Saison der Berliner Philharmoniker. Es ist die letzte Saison der Ära Rattle. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihm erlebt?

Unsere Zusammenarbeit mit Simon Rattle begann mit den »Gurre-Liedern« von Arnold Schönberg. Wir lernten uns kennen und merkten, dass die Chemie stimmte. Simon Rattle mochte unseren Chorklang und wohl auch uns als Menschen. Das war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit. Wir hatten das Glück, dass Simon Rattle sehr viel Chorsinfonik in seine Programme aufgenommen hat. Wir haben viel für uns Neues kennengelernt, vor allem englische und französische Musik. Aber wir haben auch das traditionelle Repertoire mit ihm aufgeführt, von Beethovens Neunter bis zum Brahms-Requiem, das uns unseren ersten Grammy Award beschert hat. Auf einer Japan-Tournee haben wir den Fidelio auf die Bühne gebracht, und danach sagte er: »Jetzt weiß ich, dass ihr auch szenisch agieren könnt.« Es folgten viele szenische Projekte, was für einen Rundfunkchor ja nicht das Kernrepertoire ist, bis hin zu den Bach-Passionen mit Peter Sellars. Da haben wir neue Wege beschritten, ohne die konzertante Chorsinfonik zu verlassen.

Sie arbeiten mit vielen unterschiedlichen Dirigenten zusammen. Gibt es etwas, das Simon Rattle auszeichnet?

Zunächst einmal ist er sehr menschlich. Er muss – glaube ich – seine Kollegen mögen, damit etwas ganz Besonderes entsteht. Er ist sehr empathisch. Wenn man ihn privat erlebt, auch hinter der Bühne, dann spürt man: Er ist nicht abgehoben, er ist einer von uns und natürlich doch etwas Besonderes. Und mit dieser Stimmung schafft er es, dass beim Konzert alle ihr Bestes geben.

Gehört es denn nicht dazu, dass ein Dirigent seine Musiker auch als Menschen ernst nimmt?

Natürlich. Aber es gibt schon noch Dirigenten – auch wenn sie weniger werden -, die sich abgehoben in anderen Sphären bewegen, nicht die persönliche Ansprache an den Chor halten und ihre Sicht der Dinge durchsetzen wollen. Dabei ist es viel schöner, wenn an einem Abend etwas Gemeinsames entsteht. Wenn ein Dirigent zwar die Richtung vorgibt, sich aber auch einlassen kann auf Unerwartetes. Simon Rattle hat seine Interpretation vor Augen, aber er ist offen für die Angebote der Musiker. Da hält er auch mal bei einem Solo inne, das spürt man. Und dann entsteht etwas Besonderes im Konzert, was mehr ist als Musik, die man zusammen geprobt hat.

Was schätzen Sie generell bei Dirigenten?

Wenn sie zuhören und vertrauen können. Wenn sie es verstehen, der besonderen Atmosphäre im Konzert Raum zu geben. Für Chordirigenten ist es wichtig, dass sie mit Menschen und mit Stimmen umgehen können. Dass einem als Sänger nicht die Stimme im Hals stecken bleibt, sondern dass eine gemeinsame Linie entsteht. Dass es partnerschaftlich zugeht und sich die Stimmen frei entfalten können. Wenn man uns überzeugt hat, kann man mit dem Rundfunkchor Berlin musikalisch Pferde stehlen.

War Simon Rattle ein Glücksfall, hat er den Chor durch die Zusammenarbeit geprägt?

So würde ich das nicht sagen. Wirklich prägen kann einen Chor nur der Chorleiter. Aber er hat ihn gefordert. Er hat aus dem Rundfunkchor Berlin Dinge herausgeholt, von denen wir nicht wussten, dass wir sie hatten. Wir sind gemeinsam gewachsen.

Was waren Ihre persönlichen musikalischen Highlights in der Zusammenarbeit?

Da gab es viele, etwa Mahlers zweite Sinfonie oder die Götterdämmerung in Aix-en-Provence, das war musikalisch ein wahnsinniges Erlebnis. Aber das größte Highlight war für mich die Matthäus-Passion, die Peter Sellars in Szene gesetzt hat und die uns alle, Chor und Orchester, Simon Rattle und die Solisten, berührt und auch verändert hat.

Gibt es eine Situation oder eine Anekdote, die Ihnen immer in Erinnerung bleiben wird?

Ja, eine Begebenheit aus dem vergangenen Herbst. Da haben wir in New York das »human requiem« aufgeführt. Wir waren im Beacon Hotel in der Nähe der Met untergebracht. Ich habe etwas zu essen geholt in einem Gourmet-Markt am Broadway. Als ich an der Frischetheke stand, dachte ich: „Die Stimme neben mir kommt mir doch bekannt vor.“ Und da stand Simon Rattle mit Magdalena Kožená und den Kindern beim Einkauf. Er hat zu dieser Zeit »Tristan und Isolde« an der Met dirigiert. Wir erkannten uns und er fragte, wie es uns ginge, das war sehr nett. Nie vergessen werde ich auch, wie Simon Rattle und die Philharmoniker den Chor unterstützt haben bei der Aktion „Sänger sind auch Musiker“ während des Tarifstreiks. Da sind Simon Rattle und das Orchester gemeinsam mit uns zu einem Foto vor die Philharmonie getreten und haben sich zum Anliegen des Rundfunkchores bekannt. Das war ein sehr erhebender Moment und keine Selbstverständlichkeit.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Ja, weil es sehr vielseitig ist. Weil man tolle künstlerische Erlebnisse hat in Sälen auf der ganzen Welt und weil man seine Persönlichkeit im Chor entfalten kann. Als Sänger eine Festanstellung zu haben, ist ein Privileg. Es ermöglicht, den Beruf und das Leben in Einklang zu bringen. Man muss natürlich auch sehr diszipliniert sein und sich fit halten. An einem Konzerttag muss man sich den ganzen Tag auf den Höhepunkt vorbereiten – das ist kein normaler Tag, an dem man vorher Freizeit hat. Und Konzertreisen können insgesamt auch anstrengend sein. Aber es ist trotzdem ein Traumberuf.

Welche Musik hören Sie privat?

Fast gar keine, vor allem keine Klassik mehr. Wir haben so viele Konzerte. Die Musik trägt man ja über die Konzerte und Proben hinaus als Ohrwurm den ganzen Tag mit sich herum. Wenn ich etwas höre, dann Holger Biege, U2, früher Kate Bush und die King‘s Singers.

Und was sollte man in der beginnenden Saison nicht verpassen?

Die »Missa solemnis« mit den Berliner Philharmonikern unter Christian Thielemann.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.

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Foto von Christian Thielemann