Interviews

Auf ein Wort mit Jens Bisky

Jens Bisky ist ein preisgekrönter Journalist und Autor. Der ehemalige Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung arbeitet heute in der Redaktion des „Mittelweg 36“, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 2019 hat er mit seinem annähernd 1000-Seiten starken Band »Berlin – Biographie einer großen Stadt« (Rowohlt Berlin) ein umfassendes neues Standardwerk zur Geschichte der deutschen Hauptstadt vorgelegt. Er ist damit ein wahrer Experte in Sachen Berlin und begleitet mit seinem umfassenden Wissen unsere Schiffsreise zu „Time Travellers“.
Das interdisziplinäre Konzert „Time Travellers“ erzählt in Musik, Bild und Tanz vom Werden und Vergehen der Dinge und des Lebens. Denn: Wir Menschen sind Zeitreisende. Die Welt um uns herum, aber auch wir selbst verändern uns. Und je älter wir werden, desto häufiger blicken wir zurück. Wir lernen, wir reflektieren – und gewinnen, hoffentlich, ein bisschen an Weisheit.
Im Interview mit Jens Bisky blicken wir in die Vergangenheit und Zukunft Berlins und sprechen über eine Stadt im ständigen Wandel.

Du hast Dich sehr intensiv mit der Geschichte unserer Hauptstadt auseinandergesetzt. Wenn Du in ein bestimmtes Jahr in Berlins Vergangenheit  zurückreisen könntest: Welches wäre das und warum?

Das wären am Ende sehr viele Jahre. Am Meisten würde es mich interessieren, in das Jahr 1912 oder 1913 zurückzureisen, bevor Berlin durch zwei Weltkriege und die folgende Teilung komplett verändert wird. Damals war Berlin eine ungeheuer dynamische, von vielen wohlwollend und von vielen ganz kritisch betrachtete Großstadt. Wie die Menschen damals gelebt haben und ob man die Spannungen, die dann zu den Kriegen, diesen Gewaltexplosionen und Eskalationen geführt haben, im Alltag schon gemerkt hat, das würde ich gerne mit eigenen Augen beobachten. Es gibt ein schönes Buch von Florian Illies über das Jahr 1913. Darin stellt man fest, dass im Grunde alles schon wie heute ist. Es müssen nur noch Smartphones erfunden werden. Und diese ferne Modernität, die würde ich gerne einmal erleben.

Welchen Stellenwert sollte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in unserer Gesellschaft Deiner Meinung nach haben?

Auf jeden Fall einen großen. Den hat sie aber ohne viel Zutun. Wichtig ist mir, wie man mit Vergangenheit umgeht. Dazu gehört, ehrlich zu sagen, was gewesen ist und zu versuchen, es so genau wie möglich zu erkunden und zu beschreiben. Nur selten werden sich dann einfache Urteile ergeben, Menschen sind aus krummem Holz, handeln mal gut, mal böse und entsprechen selten unseren Erwartungen. Wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, dann wohl nicht mit dem Ziel, reine Helden und absolute Schurken auszumachen und eine sichere Seite zu finden, auf die man sich schlagen kann. Das ist es, was mich an Geschichte letztlich interessiert: Dass man dadurch unsicherer wird. Man wird misstrauischer gegenüber den eigenen Gewissheiten. Das trifft gerade auf die Berliner Geschichte zu, etwa die Frage des Bauens und der Stadtentwicklung. „Um Gottes Willen, wie konnte man das oder jenes machen?“, habe ich mich immer wieder gefragt. Dann beschäftigt man sich ein wenig mit den Diskussionen, die es zuvor gegeben hat, und schon wird klar: Ja, es hatte doch seine Berechtigung oder es war zumindest nicht von vorneherein blödsinnig, das so zu machen.

Hast Du da ein konkretes Beispiel?

Ach, ich nehme das umstrittenste und aktuellste Beispiel von allen: Das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss. Ich halte es, so wie es jetzt dasteht, in vielem für gescheitert und für eine Katastrophe. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist das Dach: Da hat man diese Kuppel, die in den guten oder interessanten Zeiten Preußens gar nicht auf dem Schloss war, mit einer reaktionären Inschrift, die Friedrich Wilhelm IV. dafür ausgewählt hat. Und daneben gibt es einen Gastro-Würfel, der aussieht wie eine Mehrzweckhalle. Dieses Nebeneinander steht für architektonische Hemmungslosigkeit.

Auf der anderen Seite kann ich mich aber sehr gut an die 90er Jahre und an das Jahrzehnt danach erinnern, in denen über diesen Platz und über die Gestaltung des Humboldt-Forums oder den Wiederaufbau des Schlosses diskutiert wurde. Und da sind von allen Seiten interessante und nicht von vorneherein beiseite zu wischende Argumente gebracht worden. Es wird jetzt gerne gesagt, das war von Anfang an alles falsch. Ich habe das anders in Erinnerung.

Nun steht dort ein riesiges, für viel Geld gebautes Gebäude. Man kann das jetzt hässlich finden, aber wenn Großstädte, wenn Berlin etwas kann, dann ist es, auch hässliche Gebäude irgendwie in den städtischen Alltag zu integrieren. Ich bin mal gespannt, ob das in diesem Fall gelingt. Im Moment ist es noch nicht sehr weit gediehen. Wann immer ich da bin, wirkt es auf mich noch wie ein Fremdkörper.

Gibt es auf der Schifffahrts-Route zum „Time Travellers“- Konzert einen Ort, oder etwas, auf das Du Dich besonders freust?

Ich bin vor allem aufgeregt, weil ich so etwas noch nie gemacht habe. Ich will nicht das Stadtbild erklären, sondern ein bisschen was über die Geschichte Berlins und Potsdams, wo wir ja auch hinfahren, erzählen. Mich hat der Übergang von Berlin ins Brandenburgische immer besonders interessiert, etwa die Pfaueninsel oder Sacrow. Mal sehen, was mir dazu einfällt. Auch an diesen Orten kann man sich überlegen: Wovon redet man eigentlich, wenn man von Geschichte spricht? Reden wir über dieses preußische Arkadien, was da entstanden ist, oder reden wir über die Grenzanlagen, die dort gewesen sind. Wahrscheinlich wird man über beides und noch einiges mehr sprechen müssen!

Was glaubst Du: Wie wird Berlin in 30 Jahren aussehen?

Wie wird Berlin in 30 Jahren aussehen? Das weiß ich nicht. Ich glaube sehr vieles wird sich überhaupt nicht verändern. Weiterhin wird der S-Bahn-Ring eine ganz entscheidende Orientierungsmarke in dieser Stadt sein. Der Fernsehturm wird weiter stehen und man wird ihn von vielen Stellen aus sehen. Wir werden die U-Bahn-Linien und die alten Kanalisationsleitungen und das Stromnetz nutzen, wie wir es vorher genutzt haben. Das ist diese unterirdische Stadt, die man im Regelfall erst merkt, wenn sie nicht mehr funktioniert. Das sind städtische Infrastrukturen, die werden wir hoffentlich weiterentwickeln, aber da wird sich nicht so viel ändern. Was sich ändern sollte ist der Stadtverkehr. Ich bin kein Freund von strengem Autoverbot, aber es sind definitiv zu viele Autos und der öffentliche Nahverkehr ist definitiv zu unbequem, zu voll und zu unpünktlich.

Und dann nehme ich an, dass kleine neue Stadtviertel entstehen werden. Ich weiß nicht, wo – aber für die Vielen, die in Berlin leben wollen, wünsche ich mir innerstädtische Verdichtung. Außerdem werden in Berlin immer mehr Menschen aus verschiedenen Ländern der Welt leben. Wie sie miteinander klarkommen, bleibt eine interessante Frage. Vieles läuft unproblematischer und besser, als derzeit berichtet und erzählt wird. Schaut man auf den Alltag, auf Wohnhäuser, auf Kanzleien, auf all die Orte, an denen die Leute zusammen arbeiten, wohnen, an denen sie Kollegen und Nachbarn sind, wird man nach meiner Erfahrung feststellen, dass es dieses Mit- und Nebeneinander ganz gut gelingt. Selbstverständlich kommt es zu Streit, Konflikten, auch zu Verteilungskämpfen, aber der Alltag scheint mir weniger idyllisch als die einen und weniger finster als die anderen meinen.

Ansonsten wird es ganz viele Überraschungen geben, von denen ich selbstverständlich noch nichts ahne.

Und was wünschst Du dir für die Zukunft der Hauptstadt?

Ich würde mir wünschen, dass Berlin wieder eine funktionierende Stadt wird. Es ist durch die hoffentlich letzten Ausläufer der Pandemie und durch den russischen Angriff auf die Ukraine ein wenig in den Hintergrund getreten, dass im vergangenen Jahr die Stadt dabei gescheitert ist, die Wahlen fair und regelkonform zu organisieren. Ich halte das für einen Skandal und bin nicht bereit, derlei demokratiegefährdende Schludrigkeit und Wurstigkeit hinzunehmen.

Das Wahlchaos war ja auch Symptom einer größeren Krise der Stadt. Es ist nach wie vor schwierig und nervenaufreibend, wenn man mit der Verwaltung in Berlin zu tun hat. Eltern erzählen mir immer wieder, welche Probleme sie mit den Schulen und den Betreuungseinrichtungen für ihre Kinder haben. Vom Nahverkehr habe ich kurz gesprochen. Wenn einem Berlin irgendwie am Herzen liegt, gibt es keine andere Möglichkeit, als darauf zu setzen, als zu fordern, dass diese Stadt wieder funktioniert. Das heißt, dass es eine Verwaltung und eine Infrastruktur für alle gibt. Nur reiche Leute sind darauf weniger angewiesen als die Mehrheit. Wenn man ein bisschen Geld hat und die U-Bahn kommt nicht, dann nimmt man sich halt ein Taxi und die Leute, die noch mehr Geld haben, die haben dann eben einen Chauffeur, der mit der Limousine vorm Haus steht. Aber Berlin ist immer eine Stadt der kleinen Leute gewesen, die auf eine freundliche, effektive Verwaltung und gute öffentliche Infrastrukturen angewiesen sind. Berlinerinnen und Berliner können gut improvisieren, aber mit dem schlechten Zustand der Kommune sollten sie sich nicht zufriedengeben.

Was ist Dein Ratschlag für ein gutes Leben?

Um Gottes Willen, ich kann keine Ratschläge erteilen!

Für mich hätte es wenig Sinn, ohne Liebe und Freundschaft durch die Welt zu gehen, die Menschen, die man mag, sollte man oft in den Arm nehmen. Und dann sollte man versuchen, nicht selber noch mehr schlechte Laune herbeizuführen als unbedingt nötig. Ich habe oft das Gefühl, wo immer ich hinkomme, wird erst mal erzählt, was alles furchtbar ist und warum man Grund zur schlechten Laune hat. Ich glaube gerade in Berlin wäre gute Laune manchmal ein besonders subversiver Akt, genauso wie eine gute Verwaltung in Berlin fast Subversion wäre. Auf die Liebe zu achten und sich selbst zur guten Laune zu ermahnen, das sind glaube ich die einzigen Ratschläge, die ich geben kann, die sind aber wie alle Ratschläge wahnsinnig allgemein und helfen im Alltag nicht viel.

Und noch eine letzte Frage, die wir allen unseren Interviewpartner*innen stellen:  Was hörst Du privat für Musik?

Ganz Unterschiedliches! Ich war sträflich lange nicht mehr im Konzert, aber auf den verschiedenen Geräten, auf denen man heutzutage Musik hört, höre ich viel Oper und Operette. Und dann Pop und Musik aus meiner Jugend: Ich glaube musikalisch bin ich irgendwo bei Nirvana und Depeche Mode stehengeblieben.

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