Interviews

Auf ein Wort mit Isabelle Voßkühler

Foto Isabelle Voßkühler, Sopran im Rundfunkchor Berlin

Die Sopranistin Isabelle Voßkühler ist seit 1997 festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Für die Liederbörse, das Mitsingkonzert für Schülerinnen und Schüler, am 16. Juni 2018 im Kammermusiksaal der Philharmonie hat sie teilnehmende Schulchöre bei der Vorbereitung auf das Konzert unterstützt.

Was ist deine Aufgabe bei der Liederbörse?

Meine Aufgabe besteht darin, im Vorfeld der Liederbörse einzelne Proben der Schulchöre zu besuchen, um einen ersten Kontakt zum Rundfunkchor Berlin herzustellen. Die eigentliche Probenarbeit leisten ja die Lehrer, die Schulchorleiter. Ich spreche mich deshalb vor meinem Besuch mit ihnen ab und wir planen, wie die gemeinsame Chorprobe ablaufen soll und was ich dazu beitragen kann. Während der Probe sehe ich dann, wie weit die Chöre sind und wo ich gegebenenfalls noch spontan unterstützen kann. Ich gehe in die unteren Klassenstufen – mit kleineren Kindern kann ich gut.

Wie bereitest du dich auf die Schulchor-Besuche vor?

Ich muss mir natürlich vor allem die Noten anschauen. Das Repertoire ist in diesem Jahr insofern schwierig, als viele unterschiedliche Sprachen vertreten sind: Russisch, Französisch, Englisch, Chinesisch und Türkisch. Das Thema lautet ja in diesem Jahr »Reise um die Welt«. Die Lehrer bekommen zur Vorbereitung die Noten mit Hörbeispielen von uns zugeschickt und studieren die Stücke dann entsprechend mit den Schülern ein.

Wie ist das Niveau?

Es geht uns bei der Liederbörse in erster Linie um die Freude am gemeinsamen Singen. Jeder Schulchor kann mitmachen. Wir sind immer wieder begeistert über das Engagement und den Enthusiasmus aller Teilnehmer. Natürlich ist das Niveau unterschiedlich. Manche Schulen sind mit ihren Chorleiterinnen oder Chorleitern schon viele Jahre dabei, manche Schulen machen zum ersten Mal mit. Ich besuche in diesem Jahr drei Schulen. Ein Chor aus Wilmersdorf mit 50 Schülern hat gerade eine Chorfahrt hinter sich, die haben da natürlich viel geschafft – mehr, als wenn sich ein Chor nur einmal in der Woche für eine Schulstunde trifft.

Bei meinen Besuchen habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich manche Kinder zunächst überhaupt nicht trauen zu singen. Ich versuche dann, ihnen – und auch manchen Lehrern – die Unsicherheit zu nehmen. Die Hauptsache ist, dass die Kinder Spaß haben und sich trauen, zu singen.

Gibt es lustige Erlebnisse?

Oh ja, immer wieder. Manche Kinder stellen ganz irre Fragen. Gestern hat mich eine Schülerin ständig irgendetwas gefragt: »Was ist dein Lieblingslied?« und sowas. Die Kinder freuen sich, wenn wir Rundfunkchor-Sänger zu Besuch kommen. Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig. Der stellt sich ja nicht so leicht her, wenn der Rundfunkchor Berlin im Konzert auf der Bühne steht und die Kinder drumherum auf den Zuhörerplätzen. Da gibt es auch keine Zeit, um Fragen zu stellen. Außerdem fühlen sich die Kinder auch ernst genommen, wenn wir sie besuchen. Weil es zeigt, dass auch wir uns für sie und ihr Umfeld interessieren.

Wie kann man heutzutage Kinder und Jugendliche für das Singen im Chor begeistern?

Ich denke, man muss früh beginnen, mit den Kindern zu singen und die Kinder auch über einen längeren Zeitraum bei der Stange halten. So wird das Singen zu einer ganz natürlichen Sache. Und dann geht es eben darum, die Freude am Singen zu vermitteln. Es gibt aber auch viele Kinder, die singen von sich aus sehr gern. Da geht es viel eher drum, die natürliche Lust am Singen zu fördern.

Warum engagiert sich der Chor im Education-Bereich bzw. in der Musikförderung?

Das ist einfach wichtig! Wir Rundfunkchor-Sängerinnen und -Sänger sind ja alle mit klassischer Musik groß geworden oder haben früh Interesse daran gefunden. Das ist aber nicht selbstverständlich. Durch die Liederbörse und das gemeinsame Singen mit Schulchören erreichen wir auch Kinder, die zu Hause nicht mit klassischer Musik in Berührung kommen.

In der Liederbörse werden Werke unterschiedlichster Musikstile gesungen. Welche Musik hörst du privat?

In der Beziehung bin ich ein Softie, ich mag Grönemeyer, Enya, Loreena McKennitt, Deutschpop. Wenn ich Klassik höre, dann kaum Chormusik. Wagners ›Ring‹ höre ich allerdings rauf und runter. Ich bin als Schülerin immer in die Oper gegangen, nicht in Diskotheken. Meine Kollegen ziehen mich immer damit auf, dass ich keine Popsongs kenne. Im Studium habe ich über Freunde die Smiths, Supertramp usw. kennengelernt, aber bis dahin habe ich nur Klassik gehört.

Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin für dich ein Traumberuf?

Ja, ist es! Absolut. Seit ich dabei bin, seit 1993, und nach wie vor. Ich kann im Chor meine beste Leistung bringen, und außerdem ist es familienverträglich. Ich habe ja ganz früh angefangen im Chor zu singen: gleich nach dem Abitur im Ernst-Senff-Chor und im RIAS Kammerchor, dann schon während des Studiums als Aushilfe im Rundfunkchor Berlin. Letztes Jahr konnte ich 20 Jahre als festes Mitglied feiern.

Worauf freust du dich besonders in der nächsten Saison?

Auf die Wiederaufnahme der »Johannes-Passion« mit Peter Sellars und Simon Rattle. Auf Berlioz‘ »Roméo et Juliette« im November mit Robin Ticciati. Und auf die »Trois petites liturgies de la présence divine« von Olivier Messiaen mit Ingo Metzmacher. Das ist ein schöner Dreiklang.

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