Foto David Stingl, Bass im Rundfunkchor Berlin

Auf ein Wort mit David Stingl

Der Bassist David Stingl ist seit 2002 Mitglied im Rundfunkchor Berlin. Als Pianist wirkt er regelmäßig bei der Liederbörse mit und tritt auch hin und wieder als Komponist in Erscheinung. Auf das »human requiem« am 25., 26. und 27. Mai freut er sich sehr, auch wenn er es schon unzählige Male gesungen hat.

Wie gefällt Ihnen das »human requiem«?

Am Anfang war ich skeptisch, ob das Konzept aufgehen würde. Aber das tut es. Mir gefallen besonders die Publikumsreaktionen. Das »human requiem« ruft beim Publikum sehr tiefe, unmittelbare Gefühle hervor. Das ist einfach schön zu erleben. Diese Reaktionen spürt man natürlich auch, wenn man auf dem Podium steht, aber im unmittelbaren Kontakt zum Publikum nimmt man sie ganz anders wahr.

Sind die Reaktionen je nach Spielstätte unterschiedlich?

Man merkt, dass es kulturelle Unterschiede gibt. In Ostasien sind die Menschen zum Beispiel etwas zurückhaltender, aber dennoch sind die Reaktionen über alle Kulturen hinweg sehr ähnlich. Daran merkt man, dass die Musik eine universelle Sprache ist.

Ist es Ihnen anfangs schwer gefallen, so durchs Publikum zu gehen und zu singen?

Daran mussten wir uns alle gewöhnen, vielleicht ist es mir etwas leichter gefallen als anderen. Es hängt ganz von der Stimmung ab, wie weit man sich gerade öffnen will. So unmittelbar aufs Publikum zuzugehen und die Leute sozusagen zu umarmen, fällt mir noch immer nicht jedes Mal leicht.

Ist es schwieriger zu singen ohne den direkten Kontakt zu den Kollegen?

Teilweise schon. In großen Sälen wird es durch die räumliche Distanz zwischen den Kolleginnen und Kollegen schwieriger den Kontakt zu halten. Das Radialsystem, in dem das Stück entwickelt wurde, hat eine ideale Größe. Da ist die Akustik einfach gut und man hört die Kollegen, obwohl sie nicht unmittelbar neben einem stehen.

Wie oft haben Sie das »human requiem« denn schon aufgeführt?

Ich zähle nicht mehr mit. Ich habe bei drei oder vier Aufführungen gefehlt, weil ich krank war, aber ansonsten war ich immer dabei.

Freuen Sie sich noch immer auf die nächsten Aufführungen?

Erstaunlicherweise freue ich mich trotz der regelmäßigen Wiederaufnahmen und Gastspiele immer wieder darauf. Unsere letzte Aufführung war in New York, das ist über ein halbes Jahr her – umso mehr freue ich mich jetzt auf die nächste Aufführung.

Gibt es Erlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ein großes Erlebnis war die Generalprobe in Athen vor einem Jahr. Wir hatten dort Flüchtlinge eingeladen, die in einem Lager in der Nähe von Athen untergebracht waren. Da waren auch Kinder dabei, die uns begeistert geholfen haben, den Flügel zu schieben, und fast mitgefahren sind. Das war schon herausragend. Und dann fällt mir noch ein lustiges Erlebnis ein: Im zweiten Satz gibt es den Leichenzug, da gehen Damen und Herren getrennt, und ich bin normalerweise der letzte in der Reihe der Herren. Aber bei einer Aufführung in Berlin nehme ich plötzlich wahr, dass hinter mir noch jemand singt – da hatte sich tatsächlich ein älterer Herr aus dem Publikum uns angeschlossen und hat mitgesungen.

Hat er das wenigstens gut gemacht?

Man hat gemerkt, dass er ein Laiensänger war, aber er hat das gut gemacht. (lacht)

Themenwechsel: Ist das Singen im Rundfunkchor Berlin ein Traumberuf?

Als ich zum Ende des Studiums überlegt habe, was ich beruflich machen will, stand das Singen in einem Rundfunkchor ganz oben auf meiner Liste. Weil das Repertoire so unterschiedlich ist. Die Bandbreite reicht von A-cappella bis zu groß besetzter Oratorienmusik, vom Frühbarock bis hin zu Kompositionsaufträgen. Das Besondere am Rundfunkchor Berlin ist die regelmäßige Zusammenarbeit mit den verschiedenen Orchestern hier, und dadurch erleben wir viele Dirigenten und erarbeiten viele verschiedene Stücke, und das auf sehr hohem Niveau.

Welche Musik hören Sie privat?

Am liebsten Jazz. Vor allem Rockjazz und Fusion.

Und was sollte man in der nächsten Saison nicht verpassen?

Wie gesagt: Ich mag die Vielfalt, und die wird natürlich von den beiden Aboreihen abgedeckt. Da ist jedes Genre dabei: Interdisziplinäre Projekte, A cappella und Konzerte mit verschiedenen Orchestern. Aber eigentlich gibt es nichts, was man getrost verpassen könnte.

 

Das Gespräch führte Arnt Cobbers.