Auf ein Wort mit Benjamin Goodson zur Choreinstudierung

Auf ein Wort mit Benjamin Goodson zur Choreinstudierung

In den Spielzeiten 2016/2017 bis 2019/2020 war Benjamin Goodson Assistent des Chefdirigenten beim Rundfunkchor Berlin. Seit 2020 ist er nun selbst Chefdirigent am niederländischen Groot Omroepkoor. Für das Konzert am 21.-23. Oktober 2021 kommt er zurück nach Berlin und studiert Mozarts »Kyrie« und Haydns »Der Sturm« mit dem Rundfunkchor Berlin ein.

Unser letztes Interview ist nun vier Jahre her. Damals warst du noch Assistent des Chefdirigenten des Rundfunkchores – nun bist du selbst Chefdirigent. Wie fühlt es sich an, nun als Gastdirigent mit dem Chor neue Werke einzustudieren?

Ich habe ziemlich lange mit dem Rundfunkchor als Assistent gearbeitet und der Chor und sein Sound sind mir sehr vertraut. Der warme, runde weiche Klang – der ist immer noch da, das habe ich sofort gemerkt, als ich angefangen habe, mit ihnen für das kommende Konzert zu proben.

Ich merke, ich brenne noch für die gleichen Sachen, ich glaube, meine Prioritäten sind genau die gleichen. Da hat sich nichts geändert. Aber ich fühle mich in der Probenarbeit entspannter und ruhiger. Das merke ich vor allem daran, dass ich mir mehr Zeit lasse. Ich bin jetzt über 30 Jahre alt! Vielleicht ist das einfach das Älterwerden…

 

Wie ist dir die Zeit beim Rundfunkchor Berlin in Erinnerung geblieben? Was waren die schönsten Momente, die du mit dem Ensemble erlebt hast?

Die Zeit beim Rundfunkchor Berlin war für mich eine fantastische Zeit, eine fantastische Chance. Damals bin ich frisch aus England gekommen, hatte sehr wenig Erfahrung mit Profichören. Vor allem die Rundfunkchorwelt war mir neu, wo man mit einem festen Chor mit festen Mitgliedern arbeitet, viel Probenzeit und einen wöchentlichen Rhythmus zum Einstudieren neuer Stücke und immer wieder neue Konzerte hat.

Was darüber hinaus natürlich wunderbar ist, ist die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Orchestern – Philharmoniker, RSB und DSO. Die Mitarbeiter*innen, Dirigent*innen, Musiker*innen – das ist in Berlin schon etwas Besonderes. Aber die Highlights, die ich vom Rundfunkchor Berlin mitgenommen habe, sind die Eigenproduktionen. Wir haben viele tolle Sachen gemacht. Zum Beispiel ganz am Anfang meiner Zeit gab es eine Konzertreise nach Südamerika. »Luther« mit Robert Wilson und seinem Team hat sehr viel Spaß gemacht. Ein anderes Highlight war »human requiem«, auch auf Tournee in Australien. Das sind Momente, die ich nie vergessen werde.

 

Für das kommende Konzert am 21.-23. Oktober übernimmst du die Choreinstudierung. Wie fühlt es sich für dich an, den Chor nach der intensiven Probenzeit am Tag des Konzerts in die Hände eines anderen Dirigenten – in diesem Fall Adam Fischer – zu legen?

Für mich ist die Probenarbeit immer das, was mir am meisten Spaß macht. Und ich glaube, das ist sehr wichtig in diesem Job, weil man 90 Prozent der Zeit probt. Den künstlerischen Prozess mit zu verfolgen ist die spannendste Ebene für mich: Wie fange ich am Montag an? Wo möchte ich nächste Woche stehen? Wie entwickelt sich das künstlerische Ergebnis?

Insofern ist es für mich also gar kein Problem, das Ding zu übergeben. Vor allem natürlich, weil die Dirigent*innen, die man dann bei vielen der Konzerte erlebt – beziehungsweise erleben darf, sollte man wahrscheinlich sagen – in Berlin immer gut sind. Da habe ich keine Sorge, dass es irgendwie nicht klappen wird oder dass ich da genervt sitzen werde, weil sie den Chor anders dirigieren würden als ich. Auf keinen Fall. Das ist immer so tiefgreifend, so durchdacht und mit so viel Autorität und Musikalität durchgeführt. Das ist wirklich im besten Fall eine echte Zusammenarbeit. Und so soll es sein und so ist es auch in den meisten Fällen.

 

Wird man dich bei den Konzertabenden sehen?

Am Tag des Konzerts werden wir glaube ich ein kurzes Ansingen vor der Aufführung machen, ungefähr zehn Minuten, um das Ding wieder zusammenzubringen. Während des Konzertes sitze ich auch im Publikum und werde es von dort aus verfolgen und darf nach dem Konzert auf die Bühne und mich dort verbeugen. Was natürlich sehr schön ist. Wie gesagt, mir macht es Spaß, den Prozess zu leiten und das Konzert am Ende ist schön zu erleben. Entweder am Pult oder vom Publikum aus.

Erzähle uns etwas über das Programm, das das Publikum in der Philharmonie erwartet. Joseph Haydns »Der Sturm« und Mozarts »Kyrie« – was sind das für Werke?

»Sturm und Drang« – das sind die Hauptwörter, unter denen das Programm steht.

»Der Sturm« von Haydn ist sehr interessant für mich. Das Stück war sehr erfolgreich in England, was ich als Engländer sehr lustig und spannend finde. Das Stück an sich ist auch sehr theatralisch. Adam Fischer hatte die Idee, dass man sogar eine Windmaschine bestellen und das Ganze fast szenisch darstellen kann. Ich finde es ein schönes Stück und besonders der sanfte, runde Teil in der Mitte »O komm, o sanfte Ruh‘, o komm« passt sehr gut zum Chor, würde ich sagen. Dieser warme Klang des Ensembles findet dort in diesem Teil sein zu Hause.

Und zu Mozarts »Kyrie« – es hat etwas ziemlich Dramatisches an sich, aber die harmonische Sprache bleibt deutlich die von Mozart. Und wieder in diesem ›Sturm-und-Drang-Stil‹. Die Kombination aus Mozart und Haydn an dieser Stelle fordert dem Chor vor allem diesen kompakten, klaren, transparenten Klang ab. Und ich glaube, dass beide Stücke sich dadurch sehr gut ergänzen und auch mit dem Chor sehr gut zusammenpassen.

 

In unserem letzten Interview meintest du auf die Frage, welche Musik du hörst »eigentlich alles« und nanntest Favoriten wie Spätromantik, Renaissance und alles von Bach, ab und zu Jazz und Pop. Hat sich dein Musikgeschmack seitdem verändert oder bist du ihm treu geblieben?

Um ganz ehrlich zu sein, höre ich privat kaum Musik. Vor allem in der Probenphase, wenn ich vier Stunden oder mehr am Tag intensiv geprobt habe – da genieße ich einfach die Stille und Ruhe um mich herum. Bei mir ist es auch so, dass ich vor allem bei klassischer Musik nicht abschalten kann, also ich analysiere immer, das ist ein automatischer Prozess. Ich genieße Musik, besonders Klassik, auf eine andere Art, weil ich das kritische, analytische Hören so viele Jahre trainiert habe, das kann ich nicht mehr abschalten. Was aber nicht schlimm ist – es ist einfach eine andere Art, Musik zu genießen.

In der Sommerpause zum Beispiel oder wenn ich länger nicht gearbeitet habe, dann höre ich sehr gern Musik. Eine Freundin aus England hat mir neulich eine Sammlung an portugiesischen Liedern empfohlen, die ich an dieser Stelle gern weiterempfehlen möchte.

 

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