
Nach J. S. Bach noch einmal eine Johannes-Passion zu schreiben, ist ein Wagnis. James MacMillan (geb. 1959) hat ihm auf bravouröse Weise standgehalten. Dabei tut der schottische Komponist nicht so, als hätte es Bach nie gegeben. Im Gegenteil. Er ruft die Referenz aller Passionsvertonungen sogar ständig in Erinnerung. Wichtiger ist dem gläubigen Katholiken jedoch der gregorianische Choral der all-karfreitäglichen Passionslesungen, an denen er seit seinen Studientagen aktiv teilgenommen hat.
Die Evangelisten-Partie ist in MacMillans Werk einem vierstimmigen Erzähler-Chor übertragen. In den Partien der handelnden Personen steht ihm der große Chor gegenüber. Christus allein erhält individuelles Profil. In weit ausschwingenden Ariosi entwickeln die Herren-Worte, vom filigranen Orchestersatz getragen, suggestive Kraft. Bachs Choräle hingegen ersetzt MacMillan durch großartige, kommentierende Chorsätze am Ende eines jeden der neun Vokalsätze seiner Passion. Mit einem Instrumental-Epilog schließt das Werk bewegend ab.
MacMillans Johannes-Passion ist ein Auftragswerk von London Symphony Orchestra, Rundfunkchor Berlin, Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam und Boston Symphony Orchestra, uraufgeführt durch das London Symphony Orchestra im April 2008.
Der Rundfunkchor Berlin präsentiert im März 2009 zusammen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin die weltweit zweite Aufführung in seiner Reihe Broadening the Scope of Choral Music. Die szenische Darstellung wird die Aufnahme der Musik mit allen Sinnen anregen.
Der Choreograph Lars Scheibner stellt dem einzigen Solisten des Werks, Mark Stone, einen Tänzer, Gilles Welinski, gegenüber. Dadurch werden die im verkündigten Jesus Christus angelegten Dualitäten Mensch/Gott, Körper/Geist, Erniedrigter/Triumphierender auf einem schmalen „Kreuzweg“ vor dem Orchesterpodium spannungsvoll in Szene gesetzt. Die Materialien Orchesterklang, menschliche Stimme und menschlicher Körper des Tänzers treffen auf die Materialien Erde, die für die Erschaffung des Körpers steht, Stein, für den zu gehenden Kreuzweg, und Holz, für den zu tragenden Kreuzbalken. Sie lassen als Raumelemente die archaische Substanz der Passionsgeschichte spürbar werden.
„MacMillan won the night´s Oscar für making contemporary music matter.”
The Times, April 2008




