
Angst ist Christian Josts dritte Oper und ein Auftragswerk des Rundfunkchores Berlin. Das Werk wurde 2006 im Rahmen von UltraSchall-Das Festival für neue Musik uraufgeführt. Angst unternimmt den Versuch, den Rundfunkchor in einer eigens für ihn geschriebenen Oper zum Träger einer musikalisch-dramatischen Handlung zu machen.
Ein Musiktheater für einen Chor schließt den Rückgriff auf die klassische Dramaturgie aus. Das klassische Drama braucht Spieler und Gegenspieler. Ein System aus 64 individuellen Stimmen ist dafür zu komplex. Es wäre auch kein Chor mehr, dessen Charakteristikum das aufeinander Hören, der Zusammenklang ist. So musste ein Thema gefunden werden, das sich durch einen Chor darstellen lässt. Eine authentische Bergsteiger-Tragödie, die sich 1985 in den peruanischen Anden ereignete, führte als Modell zu einer neuen Form chorischen Musiktheaters.
Zwei britische Alpinisten waren nach der Erstbesteigung des Siula Grande verunglückt. Beim Abstieg im Sturm rutschte der eine aus und zerschmetterte sich das Knie. Der Partner seilte ihn Hunderte von Metern über die Steilwand ab, musste das hoffnungslos verhakte Seil schließlich aber kappen, um wenigstens sein Leben zu retten, und verletzte damit eines der strengsten Bergsteiger-Tabus. Wider alle Wahrscheinlichkeit konnten beide allein zum Ausgangslager zurück kehren.
Die Dramatik der Katastrophe liegt weniger im äußeren Geschehen, das sich quälend langsam vollzieht und über Stunden und Tage vollkommen zum Stillstand kommt, als vielmehr im Innern der Protagonisten: im Wirbel der Fragen, Gedanken, Gefühle, Gewissenskonflikte. Ich kam nach einigen Überlegungen zu dem Punkt, erläutert Jost, dass sich in einer Stresssituation jeder Mensch auf ähnliche Weise in einer Gedankenvielfalt bewegt. Das Adrenalin spielt dabei eine Rolle. Verschiedene Ansätze und Ideen kommen einem in den Sinn, und es ist manchmal schwierig, sie in eine richtige Richtung zu lenken. Für mich war das ein Ansatz, diese Vielfalt der Stimmen innerhalb eines Körpers zum klingen, zum tragen, zum singen zu bringen.
Sein Werk – im Untertitel 5 Pforten einer Reise in das Innere der Angst – beleuchtet Angst aus verschiedenen Blickwickeln: dramatisch in der Innenspiegelung der alpinen Gefahrensituation, dichterisch in der Verarbeitung durch Hölderlin, wissenschaftlich durch die Beschreibung neurophysiologischer Prozesse, dokumentarisch unter Rückgriff auf Erinnerungen von Folteropfern. Die musikalische Reise ins Innere legt Schichten frei, die kausal nicht immer leicht zu verknüpfen sind und doch innerhalb eines komplexen Systems in einander greifen.
Eine zweite Inszenierung erfährt Angst im Januar 2009 an der Komischen Oper Berlin. Die Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović nähert sich szenisch der Angst als vielschichtigen Zustand. Ein vom Schnürboden herabschwebender, großer schwarzer Kubus wird das dominierende Bühnenelement sein. Er vermittelt das beklemmende Gefühl einer Menschengruppe, in einem Raum eingeschlossen zu sein. Die Multi-Perspektivität des Ansatzes von Jost wird sie szenisch in scharfen Schnitten und Beleuchtungswechseln vermitteln.
Jasmina Hadžiahmetović hat mit Angst ihre eigene Erfahrung. Als 14-Jährige floh sie aus ihrer Heimatstadt Sarajevo. Das war 1992, zu Beginn des Bosnienkrieges. In Kassel machte sie Abitur und gab das Jura-Studium zugunsten des Theaters auf. Als Assistentin arbeitete sie mit Regisseuren wie Baumgarten, Konwitschny, Neuenfels, Bieito, Breth und Homoki zusammen.
Nun ist sie erstmals für eine Produktion des Rundfunkchores Berlin tätig.


