
"Die Haupthalle des Hamburger Bahnhofs, Museum für Gegenwart, bot am Pfingstsamstag kurz nach 22 Uhr ein äußerst ungewöhnliches Bild. Überall saßen Menschen, auf dem Boden, auf den niedrigen Stufen, die zu den Seitenflügeln führen, an die Dachpfeiler gelehnt - in gespannter Erwartung auf die deutsche Erstaufführung von The Veil of the Temple", beschreibt klassik-in-berlin den Beginn eines ungewöhnlichen Konzertes – „Großer Bahnhof der Gefühle“ und "Eine lange Reise in das Selbst" titeln Berliner Tagesspiegel und Märkische Oderzeitung.
Der Rundfunkchor Berlin brachte Sir John Taveners siebenstündiges Meisterwerk The Veil of the Temple Pfingsten 2007 unter der Leitung von Simon Halsey zur Deutschen Erstaufführung. Mit fünf Chören, europäischen und außereuropäischen Instrumenten, einem Libretto in fünf Sprachen mit Texten aller Weltreligionen und Zeiten von den indischen Veden bis heute sprengt die gigantische Partitur jeden vorstellbaren Rahmen. So war das kulturübergreifende Riesenwerk trotz seiner Aktualität, Kraft und Schönheit in Berlin nach der Uraufführung 2003 in London sowie Reprisen in New York, Amsterdam und Brighton weltweit erst zum fünften Mal zu erleben.
Der Rundfunkchor Berlin präsentiert die Deutschen Erstaufführung als 3. Folge seiner Reihe Broadening the Scope of Choral Music an einem ungewöhnlichen Aufführungsort: zwischen den zeitgenössischen Kunstwerken im Berliner Museum für Gegenwartskunst – dem Hamburger Bahnhof. So wurde das Werk in einen neuen Kontext gestellt. Obwohl für einen sakralen Raum geschaffen, wirkt The Veil weit über die religiöse Institution hinaus. Taveners Auseinandersetzung mit mystischen Traditionen unterschiedlicher Religionen führte ihn zu der Erkenntnis, dass sich die Essenz des Göttlichen im Innern des Menschen selbst verbirgt. The Veil of the Temple darf als siebenstündige Reise in das "Selbst" gelesen werden. Das Werk erkundet die Erfahrung der Transzendenz und fragt, welche Rolle religiöse Traditionen bei der Suche nach ihr spielen. Ähnliche Themen finden sich in der zeitgenössischen Kunst.
Die Antwort auf derart lebensbeschauliche Fragen wird für jeden Menschen anders ausfallen. Die Aufführung durch den Rundfunkchor Berlin wollte einen Raum, ein Zeitfenster und eine Atmosphäre der Konzentration schaffen, in der sich die BesucherInnen mit solchen Fragen und möglichen Antworten beschäftigen, aber auch in die Erfahrung selbst abtauchen konnten. Die Sammlung des Hamburger Bahnhofs und insbesondere die Exponate der Sonderausstellung SCHMERZ eröffneten hier vielfältige Perspektiven.
Der niederländische Regisseur Rogier Hardeman inszenierte deswegen The Veil of the Temple als eine rituelle Weltreise quer durch Zeiten und Kontinente. Sie hob an im Dunkel des Nicht- und Halbwissens und endete mit dem Morgenlicht der Erleuchtung, das durch das Glasdach des Hamburger Bahnhofs fiel. Die Inszenierung zog den Körper des Zuschauers mit ein: seine Empfindungsfähigkeit, seine Begrenztheit, seine Beziehung zum Raum, zu den Mitmenschen, zur Zeit und zur Dauer. Das Publikum war Teil eines Rituals, das zu den Ursprüngen des Theaters führt: Von der Reinigung zu Beginn der Reise bis zur gemeinsamen Einnahme des Frühstücks am Schluss. Es konnte sich frei im Erdgeschoss des Hamburger Bahnhofs bewegen und sich der "rituellen Handlung" im Restaurant und in speziellen Ruheräumen entziehen oder in den Ausstellungssälen eigene Dialoge zwischen Wort, Musik und Bildender Kunst stiften.
Publikumsresonanz (eine Auswahl):
"Dem Rundfunkchor und seinen Gästen haben wir einen sehr eindrücklichen und besinnlichen Start ins Pfingstfest 2007 zu verdanken." (O.R., Berlin)
"Diese Nacht wird mir unvergesslich in Erinnerung bleiben. Das Musikstück, der Ort der Aufführung, die Regie mit der exzellenten Anpassung an den Hamburger Bahnhof, die Art der Darbietung durch die Chöre und ihre Dirigenten." (D.S., Reppelin)






