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So klingt Gemeinschaft

Der Rundfunkchor Berlin und seine musikpädagogischen Projekte

Ein international tätiger Profi-Chor, der vom Steuerzahler subventioniert wird, sagt Simon Halsey, muss der Allgemeinheit zurückgeben, was er von ihr bekommt. Halsey ist ein Community Worker aus Herz und Überzeugung. Das ist seine zweite Leidenschaft neben der Arbeit an der Seite der Größten der klassischen Musik. In Birmingham baute er seit 1982 vier Chöre unterschiedlicher Anspruchsgrade auf und riss die ganze Stadt in einen Taumel musikpädagogischer Aktivitäten. Halsey will die Menschen vom Fernseher weglocken und zum aktiven Musizieren verführen. Dafür verlieh ihm die Universität von Birmingham im vergangenen Dezember den Ehrendoktor. Es war selbstverständlich, dass er seine Ideen und Erfahrungen auch mit nach Deutschland brachte, als er im April 2001 die Leitung des Rundfunkchores Berlin übernahm.

Der Rundfunkchor hatte bereits seit den 90er Jahren verschiedene Initiativen gestartet, die eine Brücke zwischen der großen Gemeinde der AmateursängerInnen und den Profis schlagen sollten, aber auch diejenigen, die keinen Zugang zur klassischen Musik haben, für Chorgesang begeistern sollten. Mit den Mitsingkonzerten haben diese Initiativen nun eine feste und erfolgreiche Form gefunden, deren Resonanz weit über Berlin und sogar über Deutschland hinaus reicht. 2010 wird das Erfolgsmodell Mitsingkonzert erstmals auch in das römische Theater von Aspendos in der Türkei exportiert.

Das Besondere an den Mitsingkonzerten ist, dass Amateure hier auf einer regelmäßigen Basis einmal im Jahr mit einem Profi-Chor unter professionellen Arbeitsbedingungen proben und singen können.

Im allgemeinen Musikleben Berlins haben die Mitsingkonzerte eine ähnliche Bedeutung wie die klassisch-romantische Tradition der Sängerfeste. Mit ihren Massenaufführungen lassen sie anspruchsvoller Musik wieder aufleben und bieten dem Publikum die einmalige Möglichkeit, die Klanggewalt eines Riesenensembles in Werken – die zum Teil für solche große Besetzungen geschrieben wurden – selbst zu erleben.

Das gilt nicht nur für die unvergesslichen Klang-Eruptionen des Verdi-Requiems (2008) oder der Einleitung von Händels Zadok the Priest (2007), die dem überrascht raunenden Publikum Schauer über den Rücken jagten. Vor allem im piano-Bereich gilt die Regel: Je größer ein Chor ist, desto leiser kann er singen. Dann spürt man die Vibrationen der Schallwellen in allen Poren der Haut. Und zudem lassen die Mitsingkonzerte bei den Proben wie beim Konzert und in den Pausen die gemeinschaftsstiftende Funktion des Gesanges spüren. Das wurde besonders eklatant bei Werken wie Carl Orffs Carmina Burana. Als geniale Spielmusik sind sie so geschrieben, dass sie von Amateuren leicht bewältigt werden und damit rasch zu Erfolgserlebnissen und Gemeinschaftsgefühl führen. Das vermochte selbst Skeptiker 2005 in der Berliner Philharmonie zutiefst zu bewegen.

All dies war im März 2003 noch nicht absehbar, als das Modell Mitsingkonzert mit einem Pilotprojekt im Haus des Rundfunks getestet wurde. Damals hatte der Rundfunkchor vor allem bereits bestehende Amateur-Chöre eingeladen, mit ihm einen «Tag für die ganze Familie» zu gestalten. Immerhin 504 Gastsängerinnen und -sänger folgten dieser Einladung, probten und sangen unter Simon Halsey A-cappella-Werke von Tallis, Palestrina, Stanford, Bruckner, Gershwin, Bernstein und Orff. Der Erfolg führte dazu, dass man sich schon im folgenden Jahr an ein großes, geschlossenes Werk mit Orchester wagen konnte: Im Mai 2004 stand Mozarts Requiem auf dem Programm. Das Mitsingkonzert hatte seinen Namen gefunden und wandte sich nun auch an individuelle Sänger, die keinem Chor angehörten. Der Einladung folgten erstmals auch Sängerinnen und Sänger aus Finnland, Italien, Japan, Österreich, Polen und der Schweiz.

Der Eindruck und die Nachfrage waren so überwältigend, dass die Mitsingkonzerte im folgenden Jahr in die Berliner Philharmonie mit ihren 2300 Plätzen umziehen mussten. Seit 2005 versammeln sich dort regelmäßig 1300 GastsängerInnen – Rundfunkchor und Orchester nicht mitgerechnet. 2009 überschritt das Mitsingkonzerte die 1500er-Marke. Erstmals waren auch sechs Berliner Schulchöre beteiligt. Die Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren standen direkt neben ihren Tutoren vom Rundfunkchor auf dem Konzertpodium und konnten das Konzert hautnah mitverfolgen und -gestalten.

Um dieses Experiment zum Erfolg zu führen, war ein ausgeklügelter Probenplan nötig. Zuerst bereiteten die Chorleiter ihre Schulchöre auf den Auftritt vor. Dann schwärmten die SängerInnen des Rundfunkchores in die Schulen aus und gaben den jungen SängerInnen im Musikunterricht den letzten Schliff. Schließlich übernahm Simon Halsey die Proben und schweißte die unterschiedlichen Ensembles in zwei Einzelproben zu einem großen Chor zusammen.

Auf diese Weise werden auch junge Menschen in ihrer „Umgebung“ abgeholt. Sie überwinden ihre Schwellenängste und erleben das berauschende Ereignis eines Mitsingkonzerts als Mitwirkende aus nächster Nähe mit. Auch beim Mitsingkonzert 2010 sind wieder Berliner Schulchöre beteiligt. Darüber hinaus bietet der Rundfunkchor in der Spielzeit 2009/10 erneut eine eigene Liederbörse für Berliner Schülerinnen und Schüler an.
Und da zur Gemeinschaft auch viele (noch) nicht Singende gehören, wird der Rundfunkchor diese Saison mit einem großen Open-Air-Konzert beenden – mit einigen Stücken auch zum Mitsingen.

Boris Kehrmann

Chronologie der Mitsingkonzerte

2003 Werke von Tallis, Palestrina, Stanford, Bruckner, Bernstein, Gershwin, Orff u.a.
2004 Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem
2005 Carl Orff: Carmina Burana
2006 Johannes Brahms: Ein Deutsches Requiem
2007 Georg Friedrich Händel: Zadok the Priest / Gabriel Fauré: Requiem
2008 Giuseppe Verdi: Messa di Requiem
2009 Felix Mendelssohn Bartholdy: Elias
2010 Franz Schubert: Messe Nr. 5 in As-Dur
2010 Aspendos (Türkei). Carl Orff: Carmina Burana