
Mit verschiedenen Veranstaltungsreihen verlässt der Rundfunkchor die Konzertbühne und begibt sich mitten unter die Menschen
Eine Nacht im Februar 2009. Lange Schlangen bilden sich vor dem Berghain auf einer Industriebrache hinter dem Berliner Ostbahnhof. Normalerweise trifft sich in dem bunkerartigen stillgelegten Heizkraftwerk allnächtlich Berlins Party-Szene zu Techno-Beats. Diesmal ist der Rundfunkchor Berlin featured guest der Yellow Lounge. Lichtkreise wandern über die kirchenschiffhohen Betonwände. DJ Canisius legt Klassik mit starken Bässen auf: Phil Glass geht in Rimski-Korsakow, Rimski in Palestrina über. StudentInnen, Hip-Hopper, junge Kreative drängen sich um die Bars, auf den Stahltreppen und um die kleine Bühne. Auf der erscheint um 22.30 Uhr Simon Halsey und gibt den Einsatz für Lauridsens O magnum mysterium. Der Rundfunkchor ist im ganzen Raum verteilt, auch mitten im Publikum. Die Industriehalle beginnt zu vibrieren. Man fühlt sich wie im Innern eines riesigen Instrumentes. Das flippige Publikum, gut durchmischt mit traditionellen Rundfunkchor-HörerInnen, lauscht mucksmäuschenstill und bricht nach jeder Nummer in Ovationen aus. „Vielen Dank für das coole Konzertereignis gestern Abend!“, schreibt T.R., „25, Student, neuer Fan“ und „vor allem auch dafür, dass sich ein zweifacher Grammy-Gewinner nicht zu schade ist, vor solch einem Publikum aufzutreten, und das zu einem Preis, den ein studentisches Budget locker verschmerzen kann.“ Genau das ist das Ziel, das der Rundfunkchor mit seiner Reihe Broadening the Scope of Choral Music im Sinn hat.
Normalerweise ziehen A-cappella-Chorkonzerte nur eine kleine, elitäre Hörerschaft an. Broadening schafft zusätzliche Reize und will Chormusik mit solchen Mitteln über das klassische Chormusik-Publikum hinaus zugänglich und attraktiv machen. Zum Beispiel mit Holsts Kammeroper Savitri. Savitri ist die Geschichte einer Frau, die den Tod überlistet, weil sie den Schleier der Maya, das Scheinhafte allen Seins durchschaut hat. Das Sein in seiner unfassbaren Präsenz materialisierte der viktorianische Komponist durch einen wortlos singenden Frauenchor. Gustav Holst lernte Sanskrit, um sich das Libretto selbst aus dem indischen Nationalepos Mahabharata zusammenzustellen. Lars Scheibner wird Savitri mit dem Rundfunkchor im Berghain inszenieren. „Für mich“, sagt Scheibner, „gibt es zu dieser Grenzüberschreitung des Seins im Hörbaren eine Entsprechung im Sichtbaren: Das sind die Kontorsionisten. Diese Artisten überschreiten die Grenzen der normalen körperlichen Biegsamkeit. Indem wir in unserer Aufführung das auditive Erlebnis durch die Inszenierung des Chores mit einem ganz neuen Element ins Sichtbare verlängern, versuchen wir, einem großen Publikum das Potenzial, die Schönheit und Dichte dieser Musik nahezubringen. Und dazu wird sicher auch beitragen, dass das Publikum nicht in der klassischen Guckkasten-Situation vor der Musik steht, sondern dass die Musik mitten im Publikum stattfindet und entsteht.“
Der Broadening-Idee verwandt ist die szenische Fassung der Bachschen Matthäuspassion, die Peter Sellars auf Initiative der Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattles für die Salzburger Osterfestspiele mit dem Rundfunkchor erarbeiten wird. Der amerikanische Star-Regisseur hat in dieser Konstellation bereits einmal mit dem Rundfunkchor geprobt: Für halbszenische Aufführungen von John Adams’ Oper The Flowering Tree arbeitete er mit den Sängerinnen und Sängern Silbe für Silbe am Rhythmus des Textes und an der Haltung. Das mag auf den ersten Blick nicht jedem aufgefallen sein, führte aber zu einer Intensivierung der Spannung. Sellars zeigte sich angetan, dass ein Profi-Ensemble wie der Rundfunkchor „keinen kalten, routinierten Sound produziert, sondern so viel Herz und Wärme ausstrahlt“. Nun wird dieser Weg fortgesetzt. Durch kleine Interventionen und Zutaten, die die Spannung und die aktuelle Relevanz eines Stückes und einer Musik verdeutlichen und so auch ein großes, nicht Klassik gewohntes Publikum ansprechen.
Über den Tellerrand des Kerngeschäftes eines professionellen internationalen Konzertchores zu schauen, heißt auch, den Rahmen der christlich-abendländischen Musiktradition zu durchbrechen und sich außereuropäischen Kulturen zu öffnen. Im Rahmen der roc-Reihe KlangKulturen veranstaltete der Rundfunkchor Konzerte mit türkischen (2008) und persischen (2009) Musikern, zu denen jeweils hunderte von türkischen und persischen ZuhörerInnen kamen. Die Konzerte hinterließen tiefe Eindrücke und dürften manchem die erste Begegnung mit der Musikkultur des Konzertpartners gebracht haben. 2010 wird diese Reihe mit koreanischen Musikern fortgesetzt. Und sicher wird der Rundfunkchor dann wieder viele Zuschriften wie die von T.R. bekommen.
Boris Kehrmann
Die Broadening-Projekte des Rundfunkchores
2005: Rodion Shchedrin: Der versiegelte Engel (Choreographie: Lars Scheibner)
2006: Christian Jost: Angst (Uraufführung. Szenische Installation: Gottfried Pilz)
2007: Sir John Tavener: The Veil of the Temple (Deutsche Erstaufführung. Szenische Installation: Rogier Hardeman)
2008: Ernst Pepping: Passionsbericht des Matthäus (Dokumentartheater: Werner Kroesinger)
2009: Christian Jost: Angst (Neuinszenierung: Jasmina Hadziahmetovic)
2009: James MacMillan: Johannes-Passion (Deutsche Erstaufführung. Choreographische Installation: Lars Scheibner)
2010: Gustav Holst: Savitri, aus: Mahabharata (Szenische Einrichtung/Choreographie: Lars Scheibner)
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Tickets: Telefon +49 (30) 20 29 87 22, tickets@rundfunkchor-berlin.de |