
Der Rundfunkchor war nie zukunftsweisender als heute, schrieb die Berliner Morgenpost im Mai 2005. Griffiger ließe sich das Ziel von Hans-Herrmann Rehberg nicht auf den Punkt bringen. Nicht stehen bleiben, immer in Bewegung sein, die Fühler nach allen Seiten ausstrecken, schauen, wo der Puls der Zeit schlägt, Antworten suchen auf die Bedürfnisse der Gegenwart, Brücken bauen, Szenen mit einander vernetzen, Schnittstellen zwischen gesellschaftlichen Gruppen bilden, chorspezifische Ideen in die künstlerische Umlaufbahn bringen, sich einmischen, Zeichen setzen, das Profil Berlins auf internationaler Ebene mitprägen – das sind die Leidenschaften, die den 51-jährigen Chordirektor umtreiben. Ein Profi-Chor muss Avantgarde sein, fordert Rehberg. Er muss die Qualitäts-Standards von heute definieren und die Trends von morgen setzen. Der Rundfunkchor soll an führender Stelle dazu beitragen, dass die Kunst des Ensemblegesangs im 21. Jahrhundert ihr Gesicht ständig aktualisiert. Er soll national wie international in der breiten Öffentlichkeit zum Synonym für Exzellenz, Vitalität, Offenheit, Neugier, Innovation und zum unverzichtbaren Bestandteil von Lebensqualität werden.
Internationalität
Hans-Herrmann Rehberg wurde 1956 in der Altmark (Sachsen-Anhalt) geboren. Nach seinem Gesangs-Studium ging er als Ensemblemitglied an die Musikalische Komödie Leipzig und wechselte 1982 zum Rundfunkchor Berlin. 1990 übernahm er das Management. Der Bariton erlebte die prägenden Jahre unter Dietrich Knothe als Sänger und erhielt später wesentliche Anregungen von Uwe Gronostay.
Damals wandelte sich der Rundfunkchor von einem hauptsächlich im Studio tätigen Ensemble zum international beachteten Konzertchor mit Rundfunkaufgaben. Rehberg war maßgeblich am Wechsel des Profils beteiligt.
Nach dem Fall der Mauer konnte sich der Chor rasch auf dem internationalen Markt positionieren. Gemeinsam mit Robin Gritton baute Rehberg internationale Kontakte aus, organisierte Tourneen u.a. nach Australien und in die USA und festigte entstehende Partnerschaften mit führenden Dirigenten, Orchestern, Festivals und Plattenlabels. Sie sorgen dafür, dass der Rundfunkchor Berlin heute überall auf der Welt ein Begriff ist.
Mitsingkonzerte
In Berlin schuf Rehberg in den 90er Jahren eine eigene Abonnementsreihe und entwickelte gemeinsam mit Marion Küster von der Hochschule für Musik und Theater Rostock neuartige musikpädagogische Angebote. International besonderes Aufsehen erregen die dank Simon Halseys charismatischer Persönlichkeit überaus erfolgreichen Mitsingkonzerte. Rund 1300 Sängerinnen und Sänger aus ganz Europa strömen jedes Jahr auf Einladung des Rundfunkchores in die Berliner Philharmonie. Enger gefasste Zielgruppen (SchülerInnen, Führungskräfte aus Wirtschaft und Gesellschaft) werden mit der Liederbörse und dem LeaderChor angesprochen.
Der Rundfunkchor im öffentlichen Leben
Wichtig ist Rehberg, dass sich der Rundfunkchor auch in allen Bereichen des öffentlichen Lebens prominent engagiert. Er sang bei der Wiedereröffnung der renovierten Synagoge Rykestraße und der wieder aufgebauten Frauenkirche zu Dresden, ist beim Berliner Hoffest des Regierenden Bürgermeisters im Roten Rathaus zu Gast und beim Weimarer Kulturhauptstadtjahr, beteiligte sich an den Eröffnungskonzerten für Daniel Libeskinds Jüdisches Museum und Peter Eisenmans Denkmal für die Verfolgten Juden Europas sowie am Gedenkkonzert für die Opfer des 11. September in New York City. Beim World Symposium on Choral Music vertritt der Rundfunkchor Berlin im Juli 2008 als einziger Profichor die Bundesrepublik Deutschland in Kopenhagen.
Broadening the Scope of Choral Music
Mit seinen Eigenproduktionen versucht Rehberg vor allem das Profil der Chormusik selbst weiter zu entwickeln, ihre Aufführungspraxis und eingefahrene Rezeptionsgewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen. Neben regelmäßigen Kompositionsaufträgen an Komponisten wie Rihm, Kagel, Globokar, Qu, Pitts, Jost, Turnage, Harvey, Macmillan und Dean interessiert ihn vor allem das Zusammenwirken mit verwandten Künsten. Zum 75-jährigen Jubiläum des Rundfunkchores lud er Bildende Künstler aller Sparten ein, sich im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs mit der orchestralen Farbigkeit und der strukturellen Eigenartigkeit des Chorklangs auseinander zu setzen.
Die 2005 von Rehberg ins Leben gerufene Experimental-Reihe Broadening the Scope of Choral Music findet international Beachtung und erhielt Einladungen zu mehreren deutschen Festivals sowie nach Dänemark, Russland und Spanien. Ihre Idee ist es, die Grenzen des Konzertsaals und das statische Konzertritual aufzubrechen und anspruchsvolle A-cappella-Chorliteratur im Dialog mit anderen Künsten so aufzubereiten, dass die symphonische Farbigkeit des Chorklanges und die Vielschichtigkeit seiner Inhalte für ein breites Publikum erlebbar wird. Die Broadening-Reihe wird jedes Jahr um eine neue Folge ergänzt. Auf Lars Scheibners Tanz-Version des Versiegelten Engels von Rodion Shchedrin 2005 folgte 2006 Christian Josts Choroper Angst in der Inszenierung von Gottfried Pilz und 2007 Sir John Taveners 8stündige Nachtwache The Veil of the Temple in einer Installation von Rogier Hardman im Hamburger Bahnhof | Museum für Gegenwartskunst in Zusammenarbeit mit vier weiteren Berliner Chören. 2008 wird Hans-Werner Kroesinger die Bedeutungsfülle, Dramatik und Aktualität von Ernst Peppings Passionsbericht des Matthäus, einem wenig bekannten Meisterwerk der Berliner Nachkriegsmusik, mit den Mitteln des Dokumentartheaters erschließen.
Um die vielen unterschiedlichen Gesichter, die ein Weltklasse-Ensemble wie den Rundfunkchor ausmachen, auch in ihrer Individualität zu zeigen, rief Rehberg eine eigene Kammermusik-Reihe, das KammermusikPodium, ins Leben.
Team Work
Hans-Hermann Rehberg ist leidenschaftlicher Team-Worker. Ensemble-Geist und Kooperation sind ihm wichtig. Als ausgebildeter Sänger fühlt er sich den Sängerinnen und Sängern des Rundfunkchores auf Augenhöhe eng verbunden. Er hat einen eingespielten und kreativen Mitarbeiter-Stab um sich geschaffen und einen aktiven Freundeskreis auf den Weg gebracht.

