

Welcome to the family
Im April 2001 trat Simon Halsey die Nachfolge Robin Grittons als Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin an. Im Gespräch mit Boris Kehrmann äußert sich der Londoner Dirigent über seine internationalen Partner in Berlin und der Welt, über den besonderen Klang des Rundfunkchors, Bühnenpräsenz, Education-Programme, Projekte und die Krisen des 21.Jahrhunderts.
Simon Halsey, der Rundfunkchor Berlin ist heute Teil einer großen Familie, zu der die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle, das Deutsche Symphonie-Orchester unter Kent Nagano und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski gehören. Wie kamen Sie 1999 zum Rundfunkchor? War das ein Vorschlag von Sir Simon, mit dem Sie über zwanzig Jahre in Birmingham zusammengearbeitet haben?
Nein, interessanterweise war ich 18 Monate vor Simon da. Hans Rehberg rief mich einen Tag, bevor die Berliner Philharmoniker ihren neuen Chefdirigenten wählten, an und fragte mich, ob ich Interesse hätte, mit dem Chor zu arbeiten. Da ich den Chor kannte, sagte ich natürlich ja. Robin Gritton, mein Vorgänger beim Rundfunkchor und ein alter Freund, schlug mich als Nachfolger vor. Aber ich glaube, im Stillen habe ich immer gehofft, mit Simon mitgehen zu können, wenn er einmal woanders arbeiten würde. Meine Beziehung zu ihm ist etwas ganz Besonderes.
Was heißt das?
Ich studiere seit 21 Jahren die Chöre für ihn ein und wir arbeiten einfach ideal zusammen. Ich weiß genau, was er will und er nimmt meine Choreinstudierung und macht sie zum Ausgangspunkt seiner Arbeit und führt sie hundertmal weiter. Aber dann passierte noch etwas Interessantes: zur gleichen Zeit als ich mit dem Rundfunkchor zu arbeiten begann, bereitete ich im Pariser Théâtre du Châtelet die Chöre für einen Mann namens Kent Nagano vor. Nagano schaute zu und sagte: das ist sehr interessant; ihre Probe hat mir gefallen; sie müssen unbedingt zu uns nach Berlin kommen und mit unserem Chor arbeiten, ich gehe nämlich zum Deutschen Symphonie-Orchester. „Es ist zwar noch nicht öffentlich“, konnte ich erwidern, „aber ich bin bereits Chefdirigent des Rundfunkchors“. „Oh, wow!“, brach es aus ihm heraus. Ich hatte also bereits mit Nagano gearbeitet. Und ich kannte auch Marek Janowski schon sehr gut, weil ich in seiner Zeit als Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Radio France viel mit ihm gearbeitet hatte.
Arbeiten Sie und der Rundfunkchor mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern anders als wenn Sie mit Kent Nagano und dem Deutschen Symphonie-Orchester oder mit Marek Janowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zusammen arbeiten?
Nein. Ich glaube, Kent und das DSO und Marek Janowski und das RSB sehen unsere Beziehung ebenfalls als etwas ganz Besonderes an. Was sie so einzigartig macht ist, dass der Chorleiter am Endprodukt beteiligt ist. Heute morgen zum Beispiel stand ich neben Kent auf dem Podium, während er dirigierte. Wir tauschten uns laufend aus und wenn er dem Orchester Anweisungen gab, gab ich dem Chor gleichzeitig meine Korrekturen durch. Nach der Pause sagte er dann: ich arbeite jetzt mit dem Orchester an Details, arbeiten sie in einem anderen Raum mit dem Chor. Wir sehen das aber beide als eine Probe mit einem Dirigenten an. Das erleben sie sonst nirgendwo. Und eine ähnliche Beziehung haben wir zu Simon Rattle, nur dass Simon und ich uns schon so lange kennen, dass wir uns sogar verstehen, ohne vorher erst Worte zu wechseln.
Sie sind nach wie vor Chef der vier Chöre in Birmingham, wo Sie mit Simon Rattles Nachfolger Sakari Oramo zusammenarbeiten und beim Chor des Niederländischen Rundfunks in Hilversum, wo vor allem Edo de Waart und Riccardo Chailly ihre Partner sind. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit mit dem Rundfunkchor Berlin aus?
Ich arbeite 100 Tage im Jahr mit dem Rundfunkchor Berlin, 80 Tage mit meinen Chören in Birmingham, 60 Tage mit dem Rundfunkchor Hilversum und 20 Tage mit den European Voices, meinem Projektchor in London. Dieser Austausch ist sehr wichtig, denn manchmal sehe und höre ich etwas, was der Chor in Holland besser macht und bringe es mit nach Berlin und manchmal machen wir etwas in Berlin besser und das bringe ich dann mit nach Birmingham. Dadurch sieht man die Dinge mit mehr als nur zwei Augen. Zum Beispiel die Bühnenausstrahlung: wie man mit dem Publikum kommuniziert, wie man die Bühne betritt, wie man die Noten hält... All’ diese Dinge machen die Engländer und Amerikaner besser, weil es dort nicht diese selbstverständliche Musiktradition von Bach bis Brahms und Wagner gibt. Darum müssen sie die Dinge besser verkaufen und erklären und darum sind ihre Education-Projekte auch viel avancierter.
Aber England hat die Tradition der großen Chorfeste.
Das sind alles Laiensänger. Laienchöre singen mit Liebe und Hingabe, darum ist ihre Bühnenausstrahlung phantastisch. Das müssen wir uns in Deutschland aneignen, wir müssen deren Präsenz mit unserer phantastischen Klangfarbe vereinen.
Dazu haben Sie dem Rundfunkchor im Sommer 2002 ein Gospel- und Spiritual-Programm verschrieben. Hat das funktioniert?
Ja, es hat funktioniert, weil wir den richtigen Dirigenten hatten. Es gibt nur einen Mann auf der Welt, mit dem das funktioniert, das ist André Thomas von der Florida State University, und der hat es kraft seiner Persönlichkeit geschafft. Wir haben dieses Gospel-Programm angesetzt, um den Chor beweglicher zu machen. Amerikanische Musik kann man nicht mit steifem Körper singen, und die Dirigenten, mit denen wir zusammenarbeiten, wollen auch nicht, dass wir Bach, Mozart, Berlioz wie Bäume in der Landschaft singen. Rattle sagt immer: Bewegen sie ihre wunderschönen Körper. Das lernt man am besten, indem man die ultimative Bewegungs-Musik singt. Natürlich ist das nicht unser Kern-Repertoire, aber in diesem Falle war das einfach strategisch gedacht. Aus demselben Grunde haben wir 2003 auch vierzigstimmige Motetten gesungen. Es war wichtig, dass Jeder und Jede im Chor solo singt und Verantwortung übernimmt, das war ein großer Chor aus 64 Virtuosen. Bayern München ist auch erste Liga, weil die Mannschaft aus elf Weltklasse-Virtuosen besteht.
Werden Sie diese Projekte weiterverfolgen?
Wir werden kontinuierlich Stücke für kleinere Besetzungen machen, aber nicht in dem Sinne, dass wir innerhalb des Rundfunkchors ein Kammerensemble bilden, sondern so, dass wir so vielen Sängerinnen und Sängern wie möglich Gelegenheit geben, solistisch oder in kleiner Besetzung zu singen. Morgen singen zum Beispiel sechzehn von ihnen Ligetis „Lux aeterna“, im Weihnachtskonzert 2003 treten sechs Sänger als Gruppe auf und im Februar 2004 singen dann wieder 36 Sänger ein neues Werk von Hans Werner Henze. Aber diese Sänger sind nicht immer dieselben, sondern ich möchte, dass jeder diese Chance hat. Bei den Berliner Philharmonikern wird Bach ja auch mit kleiner Streicherbesetzung und Brahms’ Serenade nur von den Bläsern gespielt.
Welches Repertoire-Profil möchten Sie dem Rundfunkchor Berlin langfristig geben?
Darauf gibt es mehrere Antworten. Die erste und wichtigste ist: man muß den Komponisten wieder beibringen, für Chor zu schreiben, damit wieder eine lebendige Chorszene entsteht. Dass sie seit 50 Jahren nicht mehr wissen, wie man für Sänger komponiert, hat zu einer Krise geführt, die ihnen alle Chöre und Chorleiter der Welt bestätigen werden. Darum hoffe ich, dass wir am Rundfunkchor die Institution eines Composer in residence schaffen können und wir werden auch Workshops für Chorkomponisten durchführen.
Zweitens müssen wir die Musik des 20. Jahrhunderts neu aufarbeiten. Da gibt es viel erstklassiges Repertoire, das vergessen wurde, bloß weil es nicht der Mode der Darmstädter Schule entsprach, viel schöne, meinetwegen einfache, altmodische, romantische Musik, die nicht beachtet wurde, weil sie nicht kompliziert genug war. In Deutschland muss man sich zum Beispiel die englische Musik daraufhin noch einmal ansehen: Elgar, Vaughan Williams, Walton, Britten... Wir müssen uns intensiver mit dem französischen Repertoire beschäftigen, das nicht schlecht vertreten ist, müssen mehr Ravel, Debussy, Fauré, Duruflé singen. Wir müssen schauen, was in Mittel- und Osteuropa passierte, müssen Kodaly, Bartók und all’ die kleineren russischen Komponisten wieder aufführen.
Schließlich muss man die gesamte deutsche Musikgeschichte des 20.Jahrhunderts neu aufrollen: Hindemith ist ziemlich aus der Mode gekommen, Reger außerhalb Deutschlands so gut wie unbekannt, Distler und seine Generation selbst hier fast völlig vergessen... Es gibt viele jüdische Komponisten, deren Karriere durch die Emigration beendet wurde, Komponisten wie Hans Gál, und in Holland machen wir nächstes Jahr Günther Raphael, der in der inneren Emigration lebte. Das ist altmodische Musik, aber sie ist wunderbar vokal geschrieben. Da gibt es also noch viel zu entdecken und zu erinnern.
Daneben muß sich der Rundfunkchor natürlich mit der Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts beschäftigen und dafür müssen wir mit den spezialisierten Dirigenten zusammenarbeiten, mit den Herreweghes und Koopmans. Wir müssen lernen, wie man bei Haydn, Mozart, Schubert, Beethoven Dissonanzen ohne Vibrato singt, Farben wechselt und die Intonation leicht verändert. Der Chor liebt das.
Dann müssen wir noch weiter zurück gehen und Bach und Händel in einem klareren, direkteren Stil singen. Händel sollte man unbedingt mit großen Chören aufführen. Bach ist schwieriger, aber Händel wurde damals mit Riesenchören gesungen und da sind unsere 64 Sängerinnen und Sänger fast schon zu wenig. Haydn funktioniert besser mit großen Chören als Mozart, Schuberts As-Dur- und Es-Dur-Messe und Beethovens C-Dur-Messe funktionieren besser mit 60 als mit 30 Sängern, weil das Orchester damals schon ziemlich groß war. Wir sollten überhaupt Haydn, den ganzen Mendelssohn, Berlioz und all’ diese verrückten Komponisten als Alte Musik begreifen, die man idealerweise mit der Akademie für Alte Musik oder dem Orchestra of the Eighteenth Century oder dem Orchestra of the Age of Enlightenment macht. Aber die modernen Orchester gehen ja ohnehin diesen Weg, wenn Leute wie William Christie und Marc Minkowski die Berliner Philharmoniker dirigieren und Simon Rattle mit ihnen Rameau macht. Das ist der Zug unserer Zeit und dem müssen wir uns anschließen.
Stilistisch korrekt singen, heisst aber zuerst einmal: sprachlich korrekt singen. Wie halten Sie es mit der Sprache?
Für mich ist alle Musik nur eine Fortsetzung des Texts mit anderen Mitteln. Musik beginnt mit dem Text. Ich bin absolut besessen von der Idee der Sprecherziehung. Für französisches Repertoire haben wir zum Beispiel eine phantastische Sprachberaterin, die bei jeder Probe eines französischen Stücks dabei ist. Sie zeigt den Sängerinnen und Sängern genau, wo man beim Singen die Zunge hat, wo die Vokale gebildet werden, wie die Satzmelodie geht. Außerdem achten wir bei der Probenplanung darauf, dass in der Einstudierungszeit zwei Tage nur für Sprache zur Verfügung stehen, wir singen kontinuierlich französisches Repertoire und arbeiten mit muttersprachlichen Spezialisten zusammen.
Aber um ehrlich zu sein: das tun wir auch, wenn wir deutsch singen. Wir wenden viel Zeit auf, um uns zu fragen, wie wir zum Beispiel einen Satz wie „Die Erlöseten des Herrn werden wiederkommen“ aus dem „Deutschen Requiem“ von Brahms richtig aussprechen würden, und auf einmal verstehen wir unsere eigene Sprache.
Das Gleiche gilt für Englisch, wo ich das Sprach-Coaching selbst übernehme, aber schon im Amerikanischen, für Bernsteins „Mass“ etwa, haben wir wieder einen Amerikaner und für Russisch holen wir einen Russen und für Szymanowski einen Polen, denn alles, was mit Klangfarbe zu tun hat, basiert auf der richtigen Artikulation des Textes.
Dazu kam in den letzten fünf Jahren für einen international tätigen Chor wie den Rundfunkchor, dessen CDs auf der ganzen Welt gehört werden, ein weiteres Problem: singt man lateinische Messen und Chorsätze in deutscher oder italienischer Aussprache und Betonung? Wir haben beide Varianten im Repertoire, nur vom französischen Latein nehmen wir Abstand, weil es zu problematisch ist.
Ich rufe grundsätzlich jeden Dirigenten, mit dem wir zusammenarbeiten, ein Jahr vorher an und frage ihn, wie er es haben möchte. Das kann man nicht verallgemeinern, weil etwa das deutschsprachige Salzburg schon so nahe bei Italien lag, dass man dort zu Haydns und Mozarts Zeiten gut und gerne auch italienisches Latein gesungen haben könnte. Und was tut man bei Beethoven? Als wir letztes mal die „Missa Solemnis“ unter einem deutschen Dirigenten sangen, wollte er italienisches Latein.
Wie halten Sie es mit der mitteldeutschen Tradition, in der der Rundfunkchor steht?
Wir haben eine sehr gesunde Tradition geerbt. Vor allem der Ensemblegeist, das Verständnis dafür, was es heißt, im Team zu arbeiten, sind phantastisch. Die nordeuropäische Disziplin verbunden mit der mitteldeutschen Klangfarbe ergeben einen sehr attraktiven Chorklang. Und diesen Klang erhalten wir, wenn wir deutsche Musik in deutscher Sprache mit einem deutschen Orchester und Dirigenten singen, die dieses Repertoire verstehen. Das ist der Kern unserer Arbeit und es ist wichtig, dass wir mit deutschen Dirigenten wie Uwe Gronostay, Michael Gläser und anderen zusammen arbeiten, die diesen Ton weiter festigen. Aber dem müssen wir um eine internationale Dimension hinzufügen, indem wir auch französisches, englisches, russisches, amerikanisches Repertoire gut singen.
Wie würden Sie den Klang des Rundfunkchores beschreiben?
Der Klang des Rundfunkchors hat zwei spezifische Merkmale: Reinheit und Wärme. Britische und Skandinavische Chöre haben die Reinheit, aber nicht immer diese intensive Wärme und südeuropäische und amerikanische Chöre singen mit Wärme, erreichen aber nicht immer dieselbe Klarheit und Reinheit. Die Mischung macht den Klang des Rundfunkchors unverwechselbar. Ich persönlich bevorzuge einen Klang mit einem dunklen, saftigen, vollen Bass- und Alt-Fundament und ich glaube nicht, dass wir das deutsche Klangideal zerstören, wenn wir dem Kern ein wenig mehr Wärme und Fülle zufügen, ohne dabei das Ideal der Klarheit aus den Augen zu verlieren. Wir arbeiten nur daran, den dunklen Klang ein wenig mehr zu fokussieren.
Das heisst, Texdeklamation, Ausdruck und Legato in eine richtige Balance zu bringen?
Genau. Die Kultur des Cantabile legato ist meines Erachtens das Wichtigste, woran ein Chor arbeiten muss, und das stellt sich nur ein, wenn die Vokale gut studiert, klar und rein kommen. Wenn die Vokale deutlich artikultiert werden, stellt sich die Klarheit des Klangs von selbst ein und wenn man mit dem ganzen Körper singt und den Ton strömen lässt, stellt sich auch die Wärme des Klangs ein, weil die Stimmbänder frei schwingen. Wenn Sie mich fragen, was ich mir in Zukunft wünsche, so würde ich sagen: einen etwas größeren, resonanzreicheren, ausdrucksvolleren Klang, der noch mehr aus dem Körper kommt. Der Rundfunkchor Berlin arbeitet zu 90 % mit Sinfonieorchestern zusammen und heute sind die Dirigenten geradezu süchtig nach Ausdruck. Wenn ein Text von Angst handelt und ein Pianissimo vorgeschrieben ist, dann wollen sie ein Pianissimo voller Angst, das völlig anders klingt als ein Pianissimo der Freude. Es lassen sich lauter sehr interessante Dinge und Farben aus der Stimme herausholen, wenn man sie tiefer ansetzt und das Strömen geniesst und umgekehrt kann man ein Forte produzieren, das nicht nur laut, sondern ängstlich oder freudig klingt. Der Chor muß in der Lage sein, diesen Ausdruck von einem Moment zum nächsten zu wechseln.
Sehen Sie die Gefahr, die alte Klangfarbe zu verlieren?
Ja, und darum muß ich sehr vorsichtig sein und auf zwei Dinge acht geben: zum einen muß ich täglich lernen, worin genau diese ursprüngliche Qualität besteht, damit ich sie nicht zerstöre. Zum anderen arbeiten wir viel mit bedeutenden deutschen Dirigenten zusammen: unser Chorassistent ist Deutscher, unser Erster Gastdirigent ist Deutscher und wir haben eine ganze Liste mit deutschen Dirigenten. Ich bin kein Revolutionär. Ich sehe vielleicht manche Dinge ein klein wenig anders, vielleicht ist meine Ästhetik ein klein wenig anders, aber wir singen ja auch mit vielen deutschen Orchestern, deren Chefdirigenten keine Deutschen sind. Hat Simon Rattle den Klang der Berliner Philharmoniker verändert?
Bei Claudio Abbado wird diese Frage zumindest kontrovers diskutiert.
Ja, aber man engagiert bestimmte Dirigenten ja auch, weil man zu einem bestimmten Zeitpunkt eine ganz bestimmte Qualität haben möchte. Robin Gritton wurde zum Beispiel engagiert, weil er berühmt dafür war, dass er an der Qualität der einzelnen Stimmgruppen feilte. Der perfekte deutsche Klang des Rundfunkchors wurde also interessanterweise durch einen Engländer geformt. Außerdem sind wir gezwungen, in unserer Zeit zu leben: wir bringen andere Klänge hervor, weil die Einflüsse um uns herum andere sind. Wir denken zum Beispiel global, Berlin ist eine internationale Stadt und damit entsteht das Problem, dass man Latein nicht mehr generell in deutscher Aussprache singen kann. Wir singen ein breiteres Repertoire, das vielleicht weniger deutsche Musik und dafür mehr französische Musik enthält, aber auch mexikanische und chinesische, was vor 30 Jahren undenkbar gewesen wäre. Das gehört heute einfach dazu.
Früher ist man seltener, dafür aber länger auf Tournee gegangen und wir fliegen nächste Woche für gerade mal drei Konzerte nach Japan. Unsere Körper sind größer, wir sind besser genährt, wir arbeiten anders, wir leben hektischer, wir arbeiten schneller, es gibt weniger Geld für Proben, wir leben ständig mit der Angst um unsere Arbeitsplätze, all das wirkt sich auf den Klang aus.
Gibt es trotzdem so etwas wie eine gewachsene Klangidentität eines Ensembles?
Ja, aber die hängt von den Menschen ab, die im Raum versammelt sind. Im Rundfunkchor haben wir überwiegend deutsche Sängerinnen und Sänger, aber schon die Ausbildung der Dreissigjährigen unterscheidet sich grundlegend von der der Fünfzigjährigen: sie haben andere Karrieren durchlaufen, nach anderen Lehrplänen gelernt, kennen andere Fremdsprachen und betrachten Musik von unterschiedlichen Standpunkten. Einige von ihnen leiten in ihrer Freizeit selbst Chöre, viele spielen Klavier, Cello oder Horn, einige haben Wirtschaft oder Philosophie studiert, das alles ist mir wichtig, weil wir in Zukunft optimal und universell gebildete Musiker brauchen.
Ermutigen Sie Ihre Sänger dazu, außerhalb der Chorarbeit solistisch in Kirchen und Konzerten aufzutreten?
Ich möchte, dass unsere Sängerinnen und Sänger individuelle Persönlichkeiten sind, die sich möglichst viel in der Stadt engagieren: als Chorleiter, in Education-Projekten, als Gesangslehrer, in eigenen Ensembles, als Solisten, was auch immer. Aber absolute Priorität hat der Rundfunkchor. Wir arbeiten hart, da brauche ich frische, ausgeruhte Sänger in den Proben.
Sie sprachen am Anfang unseres Gesprächs von den angelsächsischen Education-Projekten, die den notwendigen Austausch zwischen Chor und Publikum intensivieren. Was planen Sie beim Rundfunkchor?
Da sind wir noch ganz am Anfang, aber dieser Punkt wird immer wichtiger. Wir stehen heute vor zwei gravierenden Krisen. Die eine betrifft die „ernsten“ Künste, denn es wächst eine Generation heran, die viel von Computern, Pop-Musik und Technologie versteht, aber nichts von klassischer Musik. Die Kunst geht zurück, weil Computer-Spiele spielen und Videos angucken leichter ist. Die andere betrifft die Beweglichkeit der Jugendlichen in den Städten, die zu wenig laufen, rennen, Sport treiben und immer übergewichtiger werden. In den englischsprachigen Ländern ist das Problem seit 20 Jahren bekannt, in Deutschland kommt es jetzt allmählich zum Vorschein. Darum tritt man dem sportlichen Mißstand mit allen möglichen Animations- und Trainingsprogrammen für Kinder entgegen und solche Programme brauchen wir auch in der Kunst.
Aber uns fehlen Musiklehrer, qualifizierter Musikunterricht, Musikinstrumente in den Familien, die Kultur der Hausmusik. Heute guckt man fern und geht in’s Kino statt Klavier zu spielen oder zu singen. Man geht Sonntags nicht mehr in die Kirche und hört dort keine Musik mehr. So fällt die Musik allmählich aus dem Leben der Menschen heraus und darum muß man sie wieder zu den Menschen bringen.
Es gibt zwei Möglichkeiten, das zu tun: die eine besteht darin, Projekte zu organisieren, in denen Laien und Kinder mit uns singen. Dann können sie sagen: „Ich kenne den Rundfunkchor, ich habe im Konzert mit ihm gesungen“; und dann kommen sie auch, um unsere Konzerte zu hören.
Der andere Weg ist, kleine Gruppen von Sängern in die Gemeinden, in die Schulen und Kirchen zu schicken, mit den Menschen über unsere Musik zu sprechen und sie zu unseren Konzerten einzuladen. An solchen Projekten arbeiten wir gemeinsam mit den Philharmonikern. Wir werden zum Beispiel im Dezember 2003 drei Aufführungen von Berlioz’ „La Damnation de Faust“ unter Charles Dutoît in der Philharmonie haben, in der am Ende 240 Berliner Schulkinder gemeinsam mit dem Rundfunkchor und den Philharmonikern die Apotheose singen. Das sind 240 Kinder, die niemals vorher eine solche Erfahrung in ihrem Leben gemacht haben, 240 Kinder, die sagen werden: „Klassische Musik? Hey, kenn ich! Hab’ ich schon gemacht.“ Das ist der einzige Weg. Und wenn wir den nicht gehen, wird es in hundert Jahren keine Musik mehr geben.
(Das Gespräch wurde im Oktober 2003 in Berlin geführt)
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Tickets: Telefon +49 (30) 20 29 87 22, tickets@rundfunkchor-berlin.de |