Erfolg ist nicht genug
, 2006/06/16 , Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung
Während ihrer Studienzeit an der Eisler-Musikhochschule, erzählt eine Sängerin des Rundfunkchors Berlin, sei sie oft zum Unterricht in der Wilhelmstraße gewesen. Da habe sie über die Mauer die Philharmonie sehen können, ganz nah, ganz weit weg, und immer wieder habe sie sich gedacht: Da wirst du nie singen.
Der Rundfunkchor Berlin war ein Ensemble des DDR-Rundfunks. Zwar weiß seine Chronik schon 1988 von einem Auftritt in der Philharmonie zu berichten, mit den Berliner Philharmonikern unter der Sir Colin Davis. Aber natürlich sind es der Mauerfall und die Aufführung von Beethovens Neunter unter Leonard Bernstein gewesen, bei der vom Chor die "Freiheit, schöner Götterfunken" besungen wurde, die sich ins Gedächtnis eingegraben hat als die Wende.
Die Sängerin berichtet das, und auch manches Unerfreuliche der unmittelbaren Nachwendezeit, während das Ensemble sich gerade bei einem Empfang im Grimaldi Forum von einem anstrengenden Konzert erholt. - Grimaldi Forum? Ja, in Monte Carlo. Das titanische Kulturzentrum aus Glas und Stahlbeton, sieben Stockwerke tief in den Fels hineingebaut, mit einer Grundfläche von 70 000 Quadratmetern, ist eine letzte, ungeheure Geste des Fürsten Rainier gewesen. Zu seiner Eröffnung im Jahr 2000 wurde wieder Beethovens Neunte gegeben - es sang der Rundfunkchor Berlin.
Dass der Rundfunkchor ein-, zweimal pro Jahr nach Monaco reist, ist sicher eine Kuriosität. Sie kam zu Stande, weil zum Chef des Orchestre Philharmonique de Monte Carlo Marek Janowski berufen worden war - der ja auch Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) ist und den Rundfunkchor kennt und schätzt. Aber der Chor ist auch sonst in aller Welt gefragt, allein in der kommenden Saison gibt er Gastspiele in Luzern, Montreux, Genf, Paris, Basel, Lausanne und bei den Festspielen von Baden-Baden und Salzburg. Die Arbeit, die Dietrich Knothe (1982-1993), Robin Gritton (1994-2000) und seit 2001 Simon Halsey mit dem Ensemble geleistet haben, wird auch in Berlin anerkannt: vor allem mit den beiden Rundfunk-Orchestern verbindet den Chor eine enge Zusammenarbeit, seit Simon Rattles Antritt bei den Philharmonikern auch mit diesen. (Sprechen die Sänger von "Simon", meinen sie ihren bewunderten und geliebten Chordirigenten, nicht S. Rattle.)
Die Wende hat also viele Türen geöffnet. Für den Rundfunkchor stellte sie aber zunächst - wie für so viele - eine Existenzbedrohung dar; mit der Abwicklung des DDR-Rundfunks 1991 hatte das Ensemble seine Kündigungen schon in der Tasche. Dass sich 1994 dann doch eine neue Hoffnung ergab, darf als eine der wenigen Berliner Erfolgsgeschichte gewertet werden: mit der Gründung der Rundfunk-Orchester und Chöre GmbH (ROC) konnte der Rundfunkchor nachhaltig vor den Maelströmen des Berliner Haushaltslochs geschützt werden. Ohne Einsparungen ging es nicht ab: Das Ensemble musste von 87 auf 64 Planstellen reduziert werden. Erfordert ein Stück mehr Sänger, werden freie Kräfte engagiert, die genauso strenger Bewertung beim Vorsingen unterliegen, als würden sie sich auf eine feste Stelle bewerben. Bis 2010 ist die ROC nun in ihrem Bestand gesichert, während in diesem Zeitraum die Opernstiftung etwa mit großem Geheule gegen die Wand fahren könnte.
Was kann sich ein so erfolgreiches, rundum geliebtes und abgesichertes Ensemble überhaupt noch wünschen? "Wir wollen uns stärker als künstlerische Institution im allgemeinen Bewusstsein verankern", sagt der Chordirektor Hans Rehberg, der das Ensemble zur Wendezeit an mancher Klippe vorbeigesteuert hat. "Oft genug stehen wir ja bei einem Konzert hinter dem Orchester und werden in Kritiken nur nebenbei erwähnt. Dann heißt es: der Rundfunkchor sang ausgezeichnet." Da kann sich jeder Kritiker an die Nase fassen. Denn Beethovens "Missa solemnis", wie sie am Freitag und Sonnabend bei Kent Naganos Abschiedskonzerten als Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters zu hören sein wird - hat in ihr nicht der Chor die heikelste, die gewichtigste Aufgabe?
Zum Ausbau des Profils setzt der Chor auf Ideen wie die spektakulären Mitsingekonzerte oder den "Leader Chor", ein Ensemble von Führungskräften aus der Wirtschaft unter Halseys Leitung. Besonders am Herzen liegen dem Ensemble die "Soloprojekte" der kommenden Saison - etwa eine Wiederaufnahme des höchst erfolgreichen "Versiegelten Engel" von Rodion Schtschedrin oder ein Projekt im Hamburger Bahnhof, bei dem ein achtstündiges Chorwerk von John Tavener - "The Veil of the Temple" - durch eine Mai-Nacht (26./27.) leiten wird.
Heute und morgen singt der Rundfunkchor Berlin Beethovens "Missa solemnis" in der Philharmonie (20 Uhr). Für das Konzert am Sonnabend gibt es noch an der Kasse der Philharmonie (254 88-714) einige wenige Karten.
